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Der Wächter über die Menschenrechte Europas hat eine ungewöhnlich kritische Stellungnahme herausgegeben; sie enthält eine Andeutung, dass ein Plan der italienischen Behörden, Fingerabdrücke von Roma abzunehmen, faschistische Züge habe.
Ressentiments gegenüber Roma nahmen infolge der Errichtung von illegalen Lagern in den vergangenen Jahren zu. Einige Siedlungen im Umkreis von Neapel wurden gar von Einheimischen in Brand gesetzt.
Es leben schätzungsweise 160 000 Roma in Italien, von denen 70 000 italienische Staatsangehörige sind. Die übrigen sind laut der NGO Opera Nomadi Immigranten aus Osteuropa, hauptsächlich aus Rumänien (etwa 60 000).
Silvio Berlusconi gründete seine Wahlkampagne stark auf der Feindseligkeit gegenüber Roma. Nur zwölf Tage nachdem seine Regierung gebildet wurde, warnte die Europäische Kommission die italienische Regierung, keine „extremen Maßnahmen“ gegen die Roma zu ergreifen. Die rumänischen Behörden haben ebenfalls ihre Bedenken zum Ausdruck gebracht, dass Ressentiments gegenüber Roma gesetzestreue, in Italien lebende Rumänen treffen würden (EurActiv vom 21. Mai 2008).
Berlusconi hat kürzlich von einem umstrittenen Gesetzesentwurf Abstand genommen, der illegale Einwanderung zu einer strafbaren Handlung gemacht hätte. Dieser Entscheidung war scharfe Kritik seitens der Vereinten Nationen, des Vatikans und des Europäischen Parlaments vorausgegangen.
Italiens Innenminister Roberto Maroni, der Fraktionsvorsitzende der einwanderungsfeindlichen Lega Nord, erachtet seine Pläne für eine Erfassung der in Italien lebenden Roma mittels Abnahme von Fingerabdrücken nicht als diskriminierend. Die älteste europäische Institution, die sich auf Menschenrechte spezialisiert hat, sieht dies jedoch anders.
„Dieser Vorschlag erinnert an ähnliche Geschehnisse in der Geschichte, die so offensichtlich sind, dass sie nicht ausgesprochen werden müssen“, sagte Terry Davis, der Generalsekretär des Europarates, in einer schriftlichen Stellungnahme.
„Obwohl ich glaube, dass die Demokratie in Italien und seine Behörden weit genug entwickelt sind, um zu verhindern, dass solche Ideen in Gesetze umgewandelt werden, bin ich trotzdem besorgt, dass ein hochrangiges Mitglied der Regierung eines Mitgliedsstaates des Europarates solch einen Vorschlag gemacht haben soll,“ so Davis weiter.
Maroni rechtfertigt seinen Vorschlag für die Erfassung der Roma mit der Begründung, sie müssten stärker kontrolliert werden, da sie oft von einer Stadt in die nächste zögen, um Kontrollen aus dem Weg zu gehen. Dies betreffe auch Kinder, die manchmal von ihren Eltern ausgenutzt würden und als Bettler arbeiten müssten, sagte Maroni und fügte hinzu, Eltern würden in diesen Fällen das Sorgerecht für ihre Kinder verlieren.
Die Vorschläge des Ministers wurden auch in Italien scharf kritisiert. Der christdemokratische Oppositionsführer Pier Ferdinando Casini nannte sie „rassistisch“. Menschenrechtsorganisationen verurteilten die Pläne, von den Roma Fingerabdrücke zu nehmen, ebenfalls aufs Schärfste. Eine nichtwissenschaftliche Fernsehumfrage zeigte jedoch, dass eine überwältigende Mehrheit der Italiener (80%) Maronis Pläne unterstützt.
Luciano Scagliotti von der europäischen Abteilung des Europäischen Netzes gegen Rassismus (ENAR) sagte EurActiv, dass ein Gesetz oder eine Maßnahme, die mit ethnischer Zugehörigkeit begründet würde, weitreichende Konsequenzen hätte.
„Es ist ein Verstoß nicht nur gegen allgemeine Grundsätze, sondern auch ein Verstoß gegen die Europäischen Verträge, daher ist es inakzeptabel“, sagte er. „Es ist genau das gleiche wie die Erfassung der Juden durch die Nazis 1938“, betonte er weiter.
Scagliotti fügte hinzu, dass einige spezialisierte NGOs ein Dossier für die Europäische Kommission vorbereitete, in dem sie für Italien die gleichen Strafen fordern, wie sie Österreich im Jahr 2000 auferlegt wurden. Damals wurde die Freiheitspartei vom rechtspopulistischen Politiker Jörg Haider Teil der Regierung.
Rosy Bindi, ehemalige italienische Familienministerin der Mitte-Links-Regierung, die im Januar ihres Amtes enthoben wurde, sagte, die Initiative sei „inakzeptabel“. Sie würde zu einem „ethnischen Register“ führen, das die Roma-Kinder behandeln würde, als ob sie abgebrühte Kriminelle seien.
Vincenzo Spadafora, Präsident von Unicef in Italien, sagte, er sei „sehr besorgt“. Die Regierung handle in einer diskriminierenden Weise, wenn sie nicht von einem jeden Kind, das in Italien lebe, Fingerabdrücke nehme.
Amos Luzzatto, der ehemalige Präsident der jüdischen Gemeinschaft in Italien, warnte davor, dass die Fingerabdruck-Maßnahme einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen könnte. Dies sei nur der Anfang; dann würde man einen Ausschluss von Schulen und Klassentrennung vornehmen und schließlich zu einer weitverbreiteten Diskriminierung übergehen. Er erinnerte an die faschistische Vergangenheit Italiens und fügte hinzu, Italien sei ein Land, das seine Erinnerung verloren habe.
Amnesty International und die Anti-Defamation League glauben, dass die Idee hinter der Abnahme von Fingerabdrücken sei, den Roma Angst einzujagen, sie aus den Großstädten zu vertreiben und eine Grundlage für eine Massenausweisung zu schaffen.