"Das Jahrhundert der Frauen ist noch nicht vorbei"
Braucht man heute den Weltfrauentag noch? Im Interview mit EURACTIV erklärt die EU-Abgeordnete Angelika Niebler (CSU), dass durch diesen Themen, die Frauen bewegen, ganz oben auf die politische Tagesordnung gesetzt werden. Sie fordert ein letztes Warnsignal an europäische Unternehmen, selbst für die Förderung von Frauen in Führungspositionen zu sorgen.
Braucht man heute den Weltfrauentag noch? Im Interview mit EURACTIV erklärt die EU-Abgeordnete Angelika Niebler (CSU), dass durch diesen Themen, die Frauen bewegen, ganz oben auf die politische Tagesordnung gesetzt werden. Sie fordert ein letztes Warnsignal an europäische Unternehmen, selbst für die Förderung von Frauen in Führungspositionen zu sorgen.
Zur Person
Dr. Angelika Niebler (CSU) ist Mitglied des EU-Parlaments. Seit der Europawahl 2009 ist sie Mitglied im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter und Stellvertreterin im Rechtsausschuss.
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EURACTIV: Frauen haben auf Initiative der Deutschen Clara Zetkin vor 100 Jahren den ersten Weltfrauentag gefeiert. Unter anderem forderten sie das aktive und passive Wahlrecht. Das Frauenwahlrecht ist in Europa inzwischen Normalität, genauso wie die finanzielle Unabhängigkeit der Frau und in vielen europäischen Ländern das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Braucht man den Weltfrauentag heute noch?
NIEBLER: Für mich ist der Weltfrauentag wichtig, da Themen, die Frauen bewegen, ganz oben auf die politische Tagesordnung gesetzt werden. In den letzten 100 Jahren ist viel erreicht worden, aber es gibt auch Entwicklungen, die sich seit 30 Jahren nicht geändert haben. Die europäische Basis für Lohngleichheit zwischen Männern und Frauen wurde schon in den Gründungsverträgen zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft 1957 verankert. Die aktuellen Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Die Lohndifferenz liegt in Europa durchschnittlich bei 18 Prozent, in Deutschland sogar bei 23 Prozent. Trotz aller Gesetzgebung und Appelle hat sich dort zu wenig verändert. Der Frauenanteil unter den Vorstandsvorsitzenden der 200 größten börsennotierten Firmen in Europa beträgt sogar nur 3 Prozent. Wenn ein Weltfrauentag die Öffentlichkeit auf diese Themen lenken kann, dann ist das eine gute Sache.
EURACTIV: Wie sehen Sie die momentane Situation der Frauen in der Welt?
NIEBLER: Die letzten 100 Jahre waren wichtige Jahre für Frauen. Faszinierend finde ich momentan die wichtige Rolle der Frauen in den Entwicklungen in Nordafrika. Das Jahrhundert der Frauen ist noch nicht vorbei.
Entscheidende Impulse der EU
EURACTIV: Wie beurteilen sie die Gleichstellungspolitik der EU?
NIEBLER: Die Europäische Union hat entscheidende Impulse gesetzt, so dass sich in der Frauenförderung und bezüglich der Gleichstellung von Männern und Frauen sehr viel bewegt hat. Bestimmte Themen, wie zum Beispiel die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, kann man jedoch nur national lösen. Ich finde, dass die Europäische Union seit vielen Jahrzenten beispielhafte Initiativen zeigt, wie zum Beispiel die Einsetzung von Gleichstellungsbeauftragten oder die Transparenz bei der Gleichberechtigung in Betrieben, öffentlichen Stellen und Ministerien. Ohne die Europäische Union wären wir lange nicht da, wo wir heute stehen.
EURACTIV: In ganz Europa gibt es noch große Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern. Wie kann das sein? Was sollte die EU dagegen tun?
NIEBLER: Die Gründe für die Gehaltsunterschiede sind multikausal. Darum gibt es auch nicht nur eine Lösung. Einmal müssen besonders junge Frauen motiviert werden, selbstbewusster ihre erste Stelle anzutreten und mehr Gehalt zu fordern. Empirische Studien zeigen, dass Frauen bis zu einem Drittel weniger Gehalt fordern als ihre männlichen Kollegen. Dass Frauen insgesamt weniger verdienen als Männer liegt meiner Meinung nach auch an der Marktsegregation. Die Bezahlung von typischen Frauenberufen wie im Gesundheitsbereich muss deshalb angehoben werden. Frauen sollten gleichzeitig motiviert werden, Berufe zu ergreifen, in denen Fachkräftemangel herrscht, wie die MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Meiner Meinung nach wäre bei einer größeren Mischung auf dem Arbeitsmarkt das Thema Lohndifferenz schnell überflüssig. Politische Regulierungen sehe ich in dem Bereich als einen falschen Weg.
Auf europäischer Ebene ist viel in Bewegung. Allein im Ausschuss für die Rechte der Frau arbeiten wir aktuell an acht Berichten, die sich mit der Gleichstellung von Frauen und Männern in verschiedenen Bereichen beschäftigen. Da geht es nicht nur um Analysen und Maßnahmen zu Frauen in Führungspositionen, sondern auch um Verbesserungen für Frauen im ländlichen Raum, die Ungleichbehandlung im Gesundheitswesen oder um die Eindämmung von Gewalt gegen Frauen. In der Europäischen Kommission haben wir mit Vizepräsidentin Viviane Reding außerdem eine aktive Kämpferin für die Gleichberechtigung von Frauen in der EU.
Frauenquote in Führungspositionen?
EURACTIV: Zusammen mit der Justizkommissarin Viviane Reding haben Sie eine Presseerklärung herausgegeben, in der sie eine Frauenquote für die Privatwirtschaft auf europäischer Ebene befürworten. Warum?
NIEBLER: Ich bin für eine stufenweise Einführung einer gesetzlichen Frauenquote in Führungspositionen, wenn sich die Situation nicht ändert. In den letzten 10 bis 15 Jahren haben die Unternehmen nur geringe freiwillige Fortschritte gemacht. Die Unternehmen sollen ein letztes Warnsignal bekommen, dass sie selber für die Förderung von Frauen in Führungspositionen verantwortlich sind. Aber erst wenn diese Warnung nicht umgesetzt wird, sehe ich es als zweiten Schritt, eine gesetzliche Regelung zu finden. Frau Reding sieht eine gesetzliche Regelung für 2012 vor, für mich sind die Jahre 2015 oder 2016 realistischer. Denn man sollte auch den Berufungszyklus der Unternehmen im Auge behalten. Die Quotenregelung ist für mich aber eher ein politisches Signal, nicht die allgemeine Lösung des Problems.
Ungeschriebene Quoten in den Parteien
EURACTIV: Was halten sie von dem Begriff der "Quotenfrau"?
NIEBLER: Ob man sich als Quotenfrau sieht, ist eine Frage des Selbstbewusstseins. Frauen, die durch die Quote ihr Können unter Beweis stellen, haben meiner Meinung nach keine Marke. Man sollte auch im Kopf haben, dass es bereits in vielen anderen Bereichen Quoten gibt. In den Parteien beispielsweise gibt es viele ungeschriebene Quoten, zum Beispiel den Regionalproporz, Religionszugehörigkeit der Kandidaten, Vertreter bestimmter Berufsgruppen wie Mittelständler, Freiberufler, Landwirte etc.
EURACTIV: Wie beurteilen Sie die Situation der Frauen in ihrer eigenen Partei?
NIEBLER: Wir haben auf dem letzten Parteitag der CSU im Oktober 2010 für die Bezirksvorstände und den Landesvorstand eine gesetzliche Quote von 40 Prozent eingeführt. Dies ist ein klares politisches Signal an die Bezirksvorstände und ein klares Signal an Frauen, welches ihnen Mut machen soll, Verantwortung in der Partei zu übernehmen. Prozesse können sich nur verändern, wenn Frauen selber handeln. Nur eine oder zwei Frauen in Verantwortung stellen noch nicht die erforderliche kritische Masse dar, die für Veränderungen notwendig ist.
EURACTIV: Der Frauentag ist eng verknüpft mit dem Feminismus. Was bedeutet Feminismus im Jahr 2011 für Sie?
NIEBLER: Ich habe viel Respekt für die Feministinnen der ersten und zweiten Welle. Vieles, wofür sie vor 30 Jahren gekämpft haben, ist dank ihnen jetzt selbstverständlich. Doch leben wir heutzutage in einer anderen Welt, mit anderen Voraussetzungen. Kritisch fand ich immer, dass Frauen für ihre Rechte alleine kämpfen wollten. In meinen Augen löst man so keine Gleichberechtigungsfragen. Es sollte eine Mentalität entstehen, in der auch Männer Verantwortung im familiären Bereich übernehmen. Feminismus im Jahr 2011 heißt für mich, in einer gleichberechtigten Partnerschaft zu leben. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sollte nicht nur das Thema von Frauen sein.
Große Solidarität unter weiblichen Abgeordneten
EURACTIV: Im Europäischen Parlament sind 35 Prozent der Abgeordneten weiblich. Wie beurteilen Sie hier die Vereinbarkeit von Familie und Beruf?
NIEBLER: Ich komme gut damit klar. Doch eine Voraussetzung dafür ist, dass der Partner bereit ist, Aufgaben im Haushalt zu übernehmen und die Kinderbetreuung gesichert ist. Die Solidarität unter den weiblichen Abgeordneten ist sehr groß. Ich habe sehr viel Unterstützung erfahren, als ich selber zum zweiten Mal schwanger war während meiner Zeit im Europaparlament.
EURACTIV: Was sollte sich bis zum 200. Geburtstag des Frauentages ändern?
NIEBLER: Ich würde mir wünschen, nicht mehr nur über Gleichberechtigung zu sprechen, sondern sie zu haben.
Interview: Hanna Gieffers
Links
Dokumente
Pressemitteilung: Wandel in den Chefetagen: Europa braucht mehr Frauen in Führungspositionen
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