Das Reiseverhalten der Österreicher
Die Spaltung der Gesellschaft ist offensichtlich, die Kluft zwischen Besserverdienenden und Geringverdienern wird besonders beim Thema Urlaub immer tiefer. In einer Sommerserie fasst EURACTIV.de die Ergebnisse der Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen zusammen. Heute: die Österreicher.
Die Spaltung der Gesellschaft ist offensichtlich, die Kluft zwischen Besserverdienenden und Geringverdienern wird besonders beim Thema Urlaub immer tiefer. In einer Sommerserie fasst EURACTIV.de die Ergebnisse der Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen zusammen. Heute: die Österreicher.
Im vergangenen Jahr hat nicht einmal die Hälfte der Österreicher (48 Prozent) eine Urlaubsreise von wenigstens fünf Tagen Dauer unternommen. Eine vergleichbar niedrige Reisefrequenz errechnete die Statistik Austria zuletzt im Jahre 1996. Besonders auffällig war hierbei die Spaltung innerhalb der Gesellschaft: Während drei Viertel der Hochschulabsolventen die "besten Wochen des Jahres" fernab der Heimat verbrachten, blieben knapp zwei Drittel der Hauptschulabgänger daheim.
Ähnlich groß ist die Kluft, wenn man das monatliche Haushaltsnettoeinkommen zugrunde legt: Fast doppelt so häufig verreisten die Besserverdienenden (61 Prozent), als die Bürger mit einem niedrigen Einkommen (34 Prozent).
Aber nicht nur bei Einkommen und Bildung zeigten sich große Unterschiede, auch bei der Ortsgröße und den Lebensphasen offenbarten sich Abweichungen.
Inlandsziele: kürzer und günstiger
Ist für die Österreicher ein Inlandsurlaub zu alltäglich und stellt sich "Urlaubsfeeling" erst im Ausland ein? Fakt ist: Nur noch gut jede fünfte Hauptreise (22 Prozent) verbrachten die Österreicher 2010 in der Heimat. Hierbei konnte das Bundesland Kärnten die meisten Urlauber für sich begeistern. Fast jeder dritte Inlandsurlaub wurde rund um die Seen im südlichsten Bundesland verbracht.
Auslandsziele: Italien und Kroatien im Trend
2010 war ein sehr erfolgreiches Jahr für die ausländischen Reisedestinationen. Insgesamt führten fast acht von zehn Reisen (78 Prozent) die Bürger über die Landesgrenzen hinaus. Das beliebteste Auslandsreiseziel war im vergangenen Jahr eindeutig Italien. Fast jede sechste Reise der Österreicher ging dorthin. Vor allem Singles (28 Prozent) und Ruheständler (25 Prozent) faszinierte "la dolce vita" unter der mediterranen Sonne.
Dagegen favorisierten junge Erwachsene (18 bis 24 Jahre) und Familien 2010 das Reiseland Kroatien (je 19 Prozent), knapp gefolgt von der Türkei. Mit deutlichem Abstand folgten Spanien und Griechenland. Deutschland wird nur ganz selten Ziel einer Reise.
Entscheidungsfaktoren: Preis, Landschaft und Gastlichkeit
Wonach wählen die Österreicher ihr Urlaubsziel wirklich aus? Der Urlauber ist reiseerfahren und preisbewusst, kann sämtliche Angebote und Preise in Katalogen oder im Internet vergleichen und weiß zudem genau, was er wirklich will. Dabei ist der Gast nicht bereit, auf Qualitätsstandards zu verzichten: "Höchste Klasse für jede Kasse" lautet sein Anspruch. Aber nicht nur der Preis entscheidet – das Gesamtpaket muss stimmen.
Innerhalb der Altersgruppen zeigen sich zahlreiche unterschiedliche Vorstellungen und Präferenzen:
– Die junge Generation favorisiert Destinationen mit Bademöglichkeiten, zahlreichen Cafés, Restaurants und Bars. Sie sucht Party- und Kontaktmöglichkeiten ebenso wie Angebote für einen Aktivurlaub.
– Für die mittlere Generation haben Sauberkeit und Sicherheit überdurchschnittlich hohe Bedeutung.
– Und die älteren Generationen nennen besonders häufig Gastfreundschaft und Atmosphäre, aber auch kulturelle Vielfalt und historische Sehenswürdigkeiten.
Beim Zweiturlaub steht die Erholung im Mittelpunkt
Mehr Einkommen = mehr Urlaubsreisen. Auf diese einfache Formel kann die Analyse der Mehrfachreisenden reduziert werden. Wer es sich leisten konnte, verreiste in der abgelaufenen Reisesaison gleich mehrfach. So nutzte jeder dritte besserverdienende Reisende (33 Prozent) seine finanziellen Möglichkeiten aus und verbrachte mehr als nur den Haupturlaub fernab des eigenen Wohnumfeldes.
Bei den Reisemotiven für den Zweiturlaub lag die Erholung unangefochten an der ersten Stelle. Zählt man noch die Wellness-Wochenenden dazu, standen für fast die Hälfte der Zweiturlaube Ruhe, Entspannung und Erholung im Zentrum der Reise. Beliebt waren auch Städtereisen. Getragen durch günstige Flugangebote waren Kurztrips in europäische Metropolen von Rom bis Paris, von London bis Berlin den Österreichern oftmals eine Reise wert.
Zuwächse für 2011 zu erwarten
In Österreich herrscht Aufbruchsstimmung, und das Jahr 2011 könnte für die Tourismusbranche zu einem großen Erfolg werden. Fast die Hälfte der Österreicher (48 Prozent) saß zu Saisonbeginn schon auf gepackten Koffern.
Doch innerhalb der einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen wird auch in diesem Jahr kaum finanzieller Spielraum für einen Urlaub vorhanden sein – mehr als zwei von fünf Bürgern mit einem monatlichen Einkommen unter 1.500 Euro sind nicht mit der Planung einer Reise beschäftigt.
Die neuen "Vielflieger"-Senioren
Jeder neunte Bürger (11 Prozent) plante indes zwei oder sogar mehr Reisen. Besonders interessant ist hierbei die Generation der über 55-Jährigen. Zwar nennen sie insgesamt die geringsten Reiseabsichten – unter denjenigen, die jedoch sicher verreisen wollen, planen etliche, die Welt gleich mehrfach zu entdecken. Die Tourismusbranche sollte sich auf diese "Vielflieger"-Senioren vorbereiten.
Und wohin geht bzw. ging die Reise 2011? Sonne, Strand und Meer werden auch in diesem Jahr gesucht. Erstmals könnte Kroatien seinem Nachbarland Italien Konkurrenz um den Spitzenplatz machen. Neben den jungen Österreichern wollen heuer auch immer mehr Ältere die kroatische Seite der Adriaküste besuchen: kurze Anreise, schöne Landschaft, gutes Preis-Leistungs-Niveau. Dagegen musste Italien eher auf die Unentschlossenen hoffen.
Zuwächse kann auch der Fernreisemarkt erwarten, ob Nordamerika, Asien oder die Karibik – jeder achte Österreicher (13 Prozent) plant eine Reise außerhalb Europas.
Und Österreich selber? Eine Renaissance des Inlandstourismus kündigt sich an. 22 Prozent der Österreicher planen fest, ihren Urlaub im eigenen Land zu verbringen. Diese Wiederentdeckung des Inlandstourismus kann zu einer großen Zukunftschance der Tourismusbranche in ganz Österreich werden.
Trendziele dieses Jahrzehnts müssen bezahlbar sein
Die Österreicher wollen auch in Zukunft vornehmlich in "ihre" Feriengebiete reisen. Auf die Frage, in welche Länder sie in den nächsten zehn Jahren gerne einmal reisen würden, antworten die Bürger ebenso realistisch wie pragmatisch: Italien, Griechenland und Kroatien. Auf dem vierten Platz folgt Spanien, auf dem sechsten Rang die Türkei. Damit landen die derzeit fünf beliebtesten Destinationen auch bei den zukünftigen Reisewünschen ganz vorne.
Mögliche "Traumziele" wie die Südsee, die Malediven oder auch Australien bleiben auch im Traumbereich, ein realistischer Besuch wird nicht geplant. Die Bürger nennen stattdessen Destinationen, deren Besuch sie sich auch leisten können.
Die Frage nach Reisezielen: Wollen die Kunden jedes Jahr ein neues Ziel oder lieber immer wieder in die gleichen Zielgebiete oder gar die selbe Hotelanlage reisen? In der Bevölkerung hat beides einen gleich hohen Stellenwert: Ein Teil der Bürger sucht jede Saison ein neues Ziel, um etwas Neues kennen zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Ebenso viele bevorzugen aber auch die Orte, in denen sie schon einmal waren: "Da weiß man, was man hat".
Mit schmaler Geldbörse Urlaub auf Balkonien
Und was darf in Zukunft in puncto Reisen insgesamt erwartet werden? Fakt ist, die Aussage: "In Zukunft kann ich mir Urlaub immer seltener leisten" erhält fast ebenso so viel Zustimmung wie
"In Zukunft möchte ich gerne mehr verreisen". In allen Lebensphasen bis zum 50. Lebensjahr – also bei den Jugendlichen, jungen Erwachsenen, Singles, Paaren und Familien – überwiegt hierbei der Wunsch nach mehr Reisen.
Bei den Generationen über 50 Jahren setzt sich jedoch zunehmend die Befürchtung oder Erkenntnis durch, in Zukunft mehr Urlaub auf "Balkonien" zu verleben. Die Kluft zwischen Wunsch und Angst gilt es durch entsprechend innovative Angebotsstrukturierung, die für jeden Geldbeutel erschwinglich sind, zu begegnen. Nur so können alle Österreicher auch in Zukunft auf Reisen gehen und müssen vom Urlaub nicht nur träumen.
Hintergrund
Die Stiftung für Zukunftsfragen versteht sich als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, Öffentlichkeit und Politik. Wie schon das BAT Freizeit-Forschungsinstitut stand auch die Stiftung zunächst unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Horst W. Opaschowski. Im Rahmen seiner langjährigen Forschungsarbeit am BAT Institut hat er sich schon frühzeitig gesellschaftlichen Zukunftsfragen gestellt und Zukunftsstudien veröffentlicht. Seit 2011 hat Prof. Dr. Ulrich Reinhardt die wissenschaftliche Leitung der Stiftung inne.
Links
EURACTIV.de: Wie die Europäer ihr Reiseziel auswählen (10. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Briten (11. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Italiener (12. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Spanier (15. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Dänen (16. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Niederländer (17. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Polen (18. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Franzosen (22. August 2011)
EURACTIV.de: Das Reiseverhalten der Russen (23. August 2011)
Weitere Informationen der Stiftung für Zukunftsfragen finden Sie hier.


