Die Muslima in Europas Diaspora
Die Muslima in der Diaspora und die Probleme des Kopftuches, der Stellung der Frau im Islam, der Menschenrechte für muslimische Frauen in Europa, die unterschiedliche Auffassung von Säkularität in Europa und der Umgang mit Gesetzen der Scharia in westlichen Gesellschaften – Christa Chorherr hält es mit Bundespräsident Christian Wulff: Der Islam gehört nicht nur zu Deutschland, sondern zu Europa.
Die Muslima in der Diaspora und die Probleme des Kopftuches, der Stellung der Frau im Islam, der Menschenrechte für muslimische Frauen in Europa, die unterschiedliche Auffassung von Säkularität in Europa und der Umgang mit Gesetzen der Scharia in westlichen Gesellschaften – Christa Chorherr hält es mit Bundespräsident Christian Wulff: Der Islam gehört nicht nur zu Deutschland, sondern zu Europa.
Bei in Europa meist als Minderheit lebenden Muslimen ist das islamische Konzept der Gesamtgestaltung des Lebens schwer anwendbar, da hier Religion in den Bereich des Privatlebens gerückt wird.
Seine Bedeutung als äußeres Symbol einer Minderheitsgesellschaft erlangte der Schleier erst durch die Begegnung mit dem Westen, der für viele Muslime eine Existenz in einer nicht muslimisch geprägten Diaspora brachte. Der Koran wurde so zum „mobilen Vaterland“ und der Schleier zum „mobilen Mutterland“.
Wie kann in westlichen Gesellschaften mit Gesetzen der Scharia umgegangen werden, die nicht in staatliche Gesetze des Landes passen? Manche Maximen der islamischen Religion und der umgebenden Mehrheitsgesellschaft schließen einander aus. Es kommt zu Konflikten. Der Gegensatz zum Islam ist nicht das Christentum, sondern eine durchgehend säkulare Lebensordnung, eine liberale Auffassung von Gesellschaft und eine laizistische Einstellung zu Staat und Politik. Andererseits sollte niemand veranlasst werden, für die Staatsbürgerschaft die eigene Identität aufgeben zu müssen.
Islamische Identität mit "eigenen" Menschenrechten
Der „westlichen“ Frau geht es um rechtliche Gleichbehandlung, um Wahlrecht, wirtschaftliche Selbstständigkeit und individuelle Lebensentfaltung. Die islamische Frau kämpft um ihre Bildung, um eine selbstständige Auslegung des Korans und die Eroberung des öffentlichen Lebens. Nun wird Europa teilweise (wieder) islamisches Gebiet, wenn auch nur für eine Minderheit der europäischen Bevölkerung. Aber dieser Bevölkerungsanteil wächst, wird zunehmend „sichtbarer“, bestätigt seine islamische Identität und fordert nachdrücklich „seine“ Menschenrechte ein.
Manche Betrachter fühlen sich beim Anblick eines Schleiers „beleidigt“ – ihre Meinung lautet: „Ob sich die Trägerin nun unterdrückt fühlt oder nicht, das Tragen selbst bedeutet Unterdrückung, und daher sollte kein Schleier in den Straßen einer liberalen, modernen Gesellschaft angetroffen werden.“
Zuweilen wird das Tragen auch als Mangel an Integrationswillen interpretiert bzw. als Zurückweisung der Idee der Gleichheit der Frauen betrachtet.
Andere meinen wieder, dass bestimmte Frauen unter gewissen Umständen keine Kopfbedeckung tragen sollten, als Beispiele werden Lehrerinnen oder im öffentlichen Dienst stehende Frauen angeführt.
Gewaltanwendung oder Missbrauch?
Und wie steht es mit den Schleiern, die auch das Gesicht bedecken? In Frankreich läuft darüber eine heftige Debatte – auch wenn es sich angeblich „nur“ um 400 Frauen handelt. Verschleiert das Kopftuch unter Umständen Zeichen von Gewaltanwendung oder Missbrauch?
Die Kopftuchdebatte steht im Zusammenhang mit und ist Katalysator für Multikulturalismus, Identität, Kultur, Islam in Europa, Islamfeindlichkeit, Kirche-Staat-Verhältnis, Neutralität, Säkularismus, Grenzen der religiösen Freiheit in einer pluralistischen Gesellschaft, Immigration, Privatisierung der Religion, Toleranz.
Ist es eine Verletzung der internationalen Menschenrechte, wenn eine islamische Frau ein islamisches Kopftuch trägt, während sie in der Schule unterrichtet? US-Präsident Obama meinte – so wie das europäische Reform-Muslime empfehlen –, dass weder die Familie, aber auch nicht westliche Länder muslimischen Frauen vorschreiben sollten, was sie zu tragen hätten. Das internationale Recht biete keine klare Antwort, denn es sind immer verschiedene Rechtsaspekte auf lokaler und internationaler Ebene betroffen.
Debatten über Säkularität und Laizität
Das Kopftuch facht Debatten an, was unter Säkularität, Laizität bzw. religiöser Neutralität verstanden wird und wie der Islam als Minderheitenreligion in diese Situation hineinpasst. Diese Begriffe werden in verschiedenen Staaten unterschiedlich interpretiert. Ob in Ägypten, der Türkei oder in Algerien – aus einem „aufgezwungenen“ Säkularisierungsprozess kann schnell eine orthodoxe Auslegung des Islam entstehen, die in den politischen Islam mündet.
Auch in Europa waren die Folgen der Aufklärung für viele schmerzhaft. Im Rahmen der damaligen Säkularisierungsentwicklungen musste Religionsfreiheit auch dem Christentum und Judentum „abgetrotzt“ werden.
Frankreich verbannt heute das Kopftuch aus den staatlichen Schulen, weil es sich zum säkularen Staat bekennt, während beispielsweise Baden-Württemberg das Kopftuch aus Gründen der Verankerung der europäischen Gesellschaft im Christentum verbietet.
Andere beziehen sich auf die Tradition der Aufklärung, um den Kern des Rechtsstaats, die Trennung von Staat und Religion, eine Errungenschaft der Aufklärung, aufrechtzuerhalten.
Falsch wäre es, auf der einen Seite die Wegsperrung islamischer Frauen aus dem Gefühl kultureller oder intellektuell-säkularer (christlicher) Überlegenheit zu beklagen, auf der anderen Seite aber dieselben Frauen (in Europa) daran zu hindern, den öffentlichen Raum von Beruf und Emanzipation zu betreten.
Muslima, Nonnen und Juden mit der Kippa
Verschleierte Frauen werden von der Mehrheitskultur einerseits als exotisch, andererseits als fundamentalistisch gesehen. Für Menschen im „Westen“ scheint das Tragen des Kopftuchs eine Bedrohung des jüdisch-christlichen Charakters von Europa bzw. der USA zu sein. Jedenfalls stören Frauen, die den Hijab tragen, die Menschen des „Westens“ wesentlich mehr als Nonnen oder Juden, die die Kippa tragen oder auch Sikhs mit ihren Turbanen.
In der Geschichte der katholischen Frauenorden spielt(e) die Verhüllung des Körpers und des Kopfes immer eine Rolle, noch heute werden zum Teil jene Kleidungstücke getragen, wie sie zur Zeit der Ordensgründung in Mode waren. Diese „Tracht“ wurde und wird als akzeptiertes Merkmal einer religiösen Gesinnung und einer bestimmten Lebensform wahrgenommen – an verhüllten und verschleierten islamischen Frauen dagegen wird Anstoß genommen.
Daraus resultierend stellt sich für so manchen „westlichen“ Menschen die Frage, warum der muslimische Mann anscheinend eine unterdrückte, unscheinbare Frau, die abgeschieden lebt und sich der Welt nur voll Angst unter ihre Schleier versteckt zeigt, benötigt, und warum das Frauenbild des Islam noch heute durch Sklavinnen des „Goldenen Zeitalters“ des Islam geprägt wird.
Im Westen erscheint eine freiwillige Verschleierung nicht denkbar, also wird geschlossen, dass diese Frauen ungebildet seien oder zum Schleiertragen gezwungen würden. Das Ablegen des Schleiers ginge parallel mit Modernität und wäre ein Zeichen der Integration, also „westlich“ zu sein.
Die Mehrheitsgesellschaft muss erkennen, dass das Tragen eines Kopftuchs nicht ein Symbol für die „Unterdrückung der Frau im Islam“ ist, dass dadurch nicht unbedingt eine familiäre Bindung an die vorhergehende Generation gezeigt wird, sondern auch eine Lösung von den Müttern.
Zielscheibe rechter Provokateure
Die islamische Frau zeigt mit dem Tragen des Kopftuchs, dass sie eine „Andere“ ist, und auch, dass sie nicht bereit ist, auf diesen Hinweis ihrer kulturellen Differenz zu verzichten. Ein Beispiel dafür ist die belgisch-türkische Politikerin Mahinur Özdemir, die mit 27 Jahren im Juni 2009 ins Brüsseler Parlament gewählt wurde – aufgrund der zahlreichen Direktstimmen, die sie erhalten hatte. Wegen ihres Kopftuchs war sie im Vorfeld zur Zielscheibe rechter Provokateure und der Medien geworden.
Unabhängig davon fühlen sich manche Muslimas ohne dieses Tuch oft schutzlos. Das Kopftuch wird damit wieder zum Symbol der Würde und des Sozialprestiges urbaner muslimischer Frauen – was es ja auch zur Zeit Mohammeds war –, zum „Dach über dem Kopf“ und zum Zeichen für die Zugehörigkeit zur Umma.
Auch führt zuweilen die genauere Kenntnis des Islam zum Tragen des Kopftuchs, weil sich junge Mädchen damit von den europäischen Jugendlichen abgrenzen wollen, auch wenn sie sonst in der Schule integriert sind. Mit einem Kopftuch wird ihnen von den Vätern eher gestattet, für Freizeitaktivitäten das Haus zu verlassen.
Muslima erleben heute einerseits die patriarchalisch dominierte Tradition, andererseits aber die Ansprüche der Gesellschaft, anderen Normen zu gehorchen. So sollte in den Niederlanden ein Gesetz eingebracht werden, dass jene Frauen, die sich weigern, ihre Burqa abzulegen, und aus diesem Grund keine Arbeit finden, ihren Anspruch auf Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe verlieren sollen. Im Oktober 2009 sprach die renommierte Al-Azhar-Universität in Kairo ein Machtwort: Die höchste theologische Autorität des sunnitischen Islam, der Großscheich Mohammed Sayed al-Tantawi, verbietet das Tragen von Gesichtsschleiern an der Universität, denn das Angesicht einer Frau sei keine Schande. Der Gesichtsschleier (und damit die Burqa) habe nichts mit dem Islam zu tun, sondern entspreche nur einer Tradition. Die Muslimbruderschaft hat diese Entscheidung heftig kritisiert.
Die „neue“ Muslima sucht Individualität
Oft fühlen sich Frauen wegen dieser Nicht-Akzeptanz durch die umgebende Gesellschaft allein gelassen und überfordert. Die „neue“ Muslima sucht Individualität und Authentizität und entfernt sich damit vom traditionellen Bild der Frau und Mutter. Ihre Religiosität wurzelt jedoch nicht im Vorbild oder in der Autorität der Eltern. Die Frauen der Einwanderer werden von ihren Töchtern übertroffen, die das lokale Idiom beherrschen, die Schule besuchen und sich selbstbewusst in der Gesellschaft bewegen können.
Diese für den Islam neue Situation, nämlich dass junge, gut ausgebildete Mädchen ihre Mütter übertreffen und ohne Vorbild eine neue Identität suchen müssen, wird von einzelnen, meist intellektuellen muslimischen Männern ausgenützt, die diesen Mädchen einzureden versuchen, ihre neue Identität durch das Tragen des Schleiers beweisen zu können.
Das Kopftuchtragen der Töchter von Immigrantinnen, die selbst schon lange ihr Kopftuch abgelegt haben, erschwert das Verhältnis zwischen den Generationen. Davon ist auch die Beziehung Schwiegermutter – Schwiegertochter betroffen, da (z. B. nach türkischem Brauch) „die Herrschaft der Schwiegermütter“ gilt – und daran können sogar oftmals Ehen zerbrechen.
Wenn Töchter die Mütter verachten
Die Töchter beginnen, ihre Mütter zu verachten, was in deren Witwenstand zu sozialer Isolation und an den Rand der Gesellschaft führen kann. Aber noch immer halten viele Töchter an den Wertvorstellungen der alten Generation fest, besonders da es noch (teilweise) akzeptiert wird, dass die Eltern die Ehe (oft im fernen Ursprungsland) arrangieren.
Das kann zu herzzerreißenden Situationen führen, wenn sehr junge, in Europa erzogene Mädchen viel älteren Männern, manchmal sogar als Zweit- oder Drittfrau, angetraut werden und – eingesperrt, überwacht und ausgenützt – in einer Kultur leben müssen, die ihnen vollständig fremd ist.
Moderne muslimische Frauen treten gegen Gewalt in der Ehe, gegen arrangierte Heiraten und für das Engagement von Frauen in der Öffentlichkeit (und die Beteiligung der Ehemänner an der Hausarbeit) auf. Ihre Bestrebungen werden von der Mehrheit kaum wahrgenommen. Sie werden durch jene „entmündigt“, die vorgeben, für ihre Emanzipation einzutreten, statt mit ihnen wird über sie gesprochen.
Konflikt mit dem Kalender
Nach den Regeln des Islam zu leben, bringt Frauen in unserer Gesellschaft generell in Schwierigkeiten: Das Tragen des Kopftuchs kann berufliche Nachteile nach sich ziehen, die Beachtung der religiösen Feste und Feiertage steht im Konflikt mit dem hier gültigen Kalender. Sogar das Einhalten der fünf Pflichten eines Moslems ist schwierig: Fünfmal am Tag zu beten ist fast nicht durchführbar, der Ramadan ist mit dem Arbeitsrhythmus in Europa nicht kompatibel, das Almosengeben – eine weitere der fünf Säulen des Islam – ist besonders für Studentinnen mit begrenzten Mitteln problematisch, die Pilgerfahrt nach Mekka kann verschoben werden.
Auch viele Dinge des täglichen Lebens bringen sie in Bedrängnis: So ist ein Schwimmbad- oder Fitnesscenterbesuch nur möglich, wenn dort nur Frauen anwesend sind. Genau um diesem Problem zu begegnen, wurde der „Burqini“ entworfen, aber selbst damit gibt es Probleme: Im Sommer 2009, in der Nähe von Paris, will eine junge Frau in einem Burqini (lange Hose, überhüftlange Tunika und ein badehaubenartiger „Schleier“) ins Schwimmbad gehen. Der Bademeister verbietet es ihr „aus hygienischen Gründen“, denn Baden mit Kleidung sei in öffentlichen Bädern verboten. Sowohl Polizei als auch Bürgermeistern geben aufgrund ihrer Beschwerde dem Bademeister, der den Regeln entsprechend gehandelt hätte, recht. Die Betroffene dagegen erklärt gegenüber der Presse, sie habe einfach nur baden wollen, ohne sich „zu sehr zu entblößen“, denn das verbiete der Islam.
Auch einige Politiker melden sich zu Wort und bezeichnen die Handlung der Muslima als Provokation. In Österreich ist das Tragen eines Burqinis in öffentlichen Schwimmbädern erlaubt, allerdings wird davon nicht allzu oft Gebrauch gemacht. Es sind eher die zum Islam konvertierten Österreicherinnen, die auf das Schwimmen nicht verzichten möchten und sich – entsprechend den von ihnen so interpretierten Forderungen des Islam – dafür bekleiden.
Unterschiedliche Anpassung
Muslimas passen sich unterschiedlich an, manche bewahren die religiösen Traditionen, besonders im Hinblick auf ihre private Lebensführung im Rahmen der Familie: Hier wird Religion durch Vorbilder weitergegeben. Andere wieder anerkennen nur bestimmte Grundannahmen der Religion. Zuweilen greift man auf den „wahren“ Islam zurück, dessen innovative Kraft erkannt und neu entdeckt wird.
Man sucht Gleichgesinnte und erlebt Religion nicht mehr nur in der Familie. Für einige ist der Islam für die alltägliche säkulare Lebensführung nicht mehr existent, er dient nur als „spiritueller Unterton“. Der Verdienstcharakter (Belohnung im Jenseits) ist weniger relevant, wesentlich ist der Glaube als Lebenshilfe.
Nach der Scharia und ihren Rechtsschulen gilt: „Nach den Grundsätzen der Scharia ist alles erlaubt, was nicht verboten ist.“ Dementsprechend könnte eine freiere Interpretation des Islam einen möglichen Weg darstellen, die Lebenspraxis zu erleichtern sowie die religiöse Identität zu erhalten.
Rituelle Aspekte der Religion, die Sinnstiftung und Glaubensvergewisserung enthalten, werden generell nicht schnell aufgegeben. Religiöser Schutz, religiöse Begleitung für die Höhepunkte des Lebens wie auch für schwere Lebensphasen werden weiterhin – wie auch bei den Christen – gewünscht. Denn Religion kann für Christen und Muslime Aspekte bieten, die die umgebende Kultur nur schwer abdecken kann. Gibt es überhaupt eine kulturunabhängige Normalität? Muss damit sowohl christlich als auch islamisch fundierte kulturelle Zugehörigkeit als Norm erhalten bzw. modifiziert werden?
Christa Chorherr (Wien) ist Autorin mehrerer Bücher zu diesem Themenkreis. Das Kapitel, das sie EURACTIV.de zur Verfügung stellte, stammt aus ihrem Buch „Wer wirft den ersten Stein?“ (Siehe Publikationen bei: www.christachorherr.at)