Frankreichs schwindender Einfluss in Afrika

In nur wenigen Jahren hat die französische Armee den Großteil ihrer Militärbasen in Afrika verloren. Während die Beziehungen zu einigen ehemaligen Kolonien weiterhin angespannt sind, hoffen die meisten auf eine neue Beziehung – ohne militärische Präsenz.

EURACTIV.com
France starts withdrawing troops from Niger
Seit dem Jahr 2022 zieht Frankreich schrittweise seine Truppen aus Westafrika ab. [[Photo by Balima Boureima/Anadolu via Getty Images]]

In nur wenigen Jahren hat die französische Armee den Großteil ihrer Militärbasen in Afrika verloren. Während die Beziehungen zu einigen ehemaligen Kolonien weiterhin angespannt sind, hoffen die meisten auf eine neue Beziehung – ohne militärische Präsenz.

Der Rückzug geschieht unter zunehmendem Haushaltsdruck und politischer Unruhe in Paris und ist ein weiteres Zeichen für Frankreichs nahezu verschwundenen Einfluss in Afrika. Im 17. Jahrhundert hatte Frankreich erstmals eine koloniale Präsenz auf dem Kontinent etabliert.

Seit 2022 zieht Frankreich schrittweise Truppen aus Westafrika ab. Die wachsende Ablehnung der französischen Militärpräsenz in der Region sowie der Widerstand gegen Frankreichs Kampf gegen islamistische Aufstände in der Sahelzone haben die über 40-jährige militärische Präsenz dort faktisch beendet. Dieser Rückzug, von Experten und Medien als „Niedergang von Françafrique“ betitelt, zog auch eine Abkehr von der Zusammenarbeit mit dem Westen in Sicherheits- und Entwicklungsfragen mit sich – und eine verstärkte Hinwendung zu Ländern wie China und Russland.

Erst letzte Woche übergab Frankreich offiziell die Militärbasis in N’Djamena an die tschadischen Behörden und zog alle verbleibenden Soldaten ab, nachdem der Tschad das Ende seiner Sicherheits- und Verteidigungsabkommen mit Frankreich verkündet hatte.

Im Jahr 2022 waren französischen Truppen aus Mali abgezogen, ein Jahr später aus Burkina Faso. Nach einem Militärputsch im September 2023 beendete Frankreich auch seine militärische Zusammenarbeit mit Niger – einem Land, das lange als Basis für französische Anti-Terror-Operationen in benachbarten Mali diente.

Der französische Abzug aus ehemaligen Kolonien geht weiter. Côte d’Ivoire und der Senegal haben den Abzug für dieses Jahr angekündigt. Nigers Militärregierung erklärte außerdem ihren Kurs in Richtung „vollständiger Souveränität“.

Neudefinition der Beziehungen zu Afrika

„Nein, Frankreich zieht sich nicht aus Afrika zurück, sondern handelt klar und organisiert sich neu“, erklärte der französische Präsident Emmanuel Macron auf der jährlichen Botschafterkonferenz Anfang Januar.

Macron verteidigte auch die jüngste militärische Intervention auf dem afrikanischen Kontinent.

„All die afrikanischen Regierungen hatten angesichts der öffentlichen Stimmung nicht den Mut, anzuerkennen, dass ihre Länder heute nicht souverän wären, wenn die französische Armee nicht in der Region aktiv gewesen wäre,“ sagte Macron. Die Aussagen scheinen die bestehenden Spannungen zu bestätigen.

„Nicht alle Länder im frankophonen Afrika haben die gleichen wirtschaftlichen Beziehungen zu Frankreich“, sagte Thierry Vircoulon, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Sub-Sahara-Afrika-Zentrums des Französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri).

„Generell sind die Beziehungen zwischen Frankreich und [West-]Afrika seit dem Ende des 20. Jahrhunderts immer lockerer geworden. Dieses Phänomen beschleunigt sich, und mit der Zeit werden sie verschwindend gering sein“, fügte er hinzu.

Der Handel zwischen Frankreich und Subsahara-Afrika (48 Länder) belief sich im Jahr 2023 auf 24,5 Milliarden Euro – das sind 1,8 Prozent der französischen Exporte und 1,9 Prozent der Importe. Die Zahlen des französischen Finanzministeriums deuten auf einen Abwärtstrend über die letzte Dekade hin.

Uran aus Niger in Gefahr

Während der Handel zwischen Frankreich und Tschad praktisch nicht existiert, sieht es in Niger anders aus. Dort baut das mehrheitlich staatliche französische Unternehmen Orano über drei Tochtergesellschaften Uran ab.

Das Uran ist von strategische Bedeutung für Frankreich und sogar Europa. Laut AFP machte es im Jahr 2022 ein Viertel der Versorgung europäischer Kernkraftwerke aus.

Aber Schwierigkeiten könnten sich abzeichnen. Niger scheint entschlossen, die Kontrolle über seine Bergbauressourcen – insbesondere Uran – zurückzugewinnen.

Orano hatte Ende Oktober die Produktion in seiner nigrischen Bergbautochtergesellschaft, die zu 36,6 Prozent dem nigrischen Staat gehört, eingestellt. Grund war der Verlust der „betrieblichen Kontrolle„. Ende letzten Monats reichte das Unternehmen eine neue Klage gegen Niger ein und bezichtigt das Land, die „Vermarktung der [Uran-]Produktion zu behindern“.

Zusätzlich wendet Niger nun bevorzugt Russland und dem Iran zu – wie Mali, Burkina Faso und die Zentralafrikanische Republik, die auch an die Sahelzone grenzt. China wurde in der ersten Hälfte des Jahres 2024 Afrikas wichtigster Handelspartner – mit einem Handelsvolumen von über 152 Milliarden Euro.

Kein Wunsch, alle Beziehungen zu kappen

Die Situation in anderen Sahelstaaten sieht etwas optimistischer aus.

Für die Regierung in Burkina Faso bedeutet das Ende der französischen Militärpräsenz nicht das Ende der diplomatischen Beziehungen. Mit anderen Worten: Obwohl das französische Finanzministerium 2023 im Vergleich zu 2022 geringere Handelsströme sowie eine nun „unsichere“ Perspektive verzeichnete, könnte sich die Lage verbessern.

In Bezug auf die Handelsbeziehungen zur Cote d’Ivoire sieht die Lage für Frankreich noch positiver aus. Vircoulon weist auf die „vielen französischen Unternehmen im Land“ hin.

In Cote d’Ivoire sind fast 300 französische Tochtergesellschaften ansässig, mehr als 700 ivorische Unternehmen werden von Franzosen geleitet. Das Land ist der zweitgrößte Kunde und viertgrößte Lieferant Frankreichs in Subsahara-Afrika, insbesondere für Kakao. Bis 2023 belief sich der bilaterale Handel auf 2,4 Milliarden Euro, so das französische Ministerium für Europa und Auswärtige Angelegenheiten.

Auch für den Senegal ist die Botschaft klar: „Das Bestreben einer Zukunft ohne Militärpräsenz – nicht nur von Frankreich – sollte nicht als Wunsch verstanden werden, alle Beziehungen zu Frankreich abzubrechen“, sagte Senegals Präsident Bassirou Diomaye Faye im November.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter Vircoulon warnte jedoch vor Fayes Afrika-orientierter Außenpolitik und erklärte, dass diese „die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Senegal verlangsamen könnte“.

Babacar Ndiaye, ein selbständiger Unternehmensberater im senegalesischen Saint-Louis, arbeitet täglich daran, die Zusammenarbeit zwischen französischen und europäischen Unternehmen und lokalen Wirtschaftsakteuren zu erleichtern. Er befürchtet, dass die angespannten diplomatischen Beziehungen zwischen seinem Land und Frankreich sein Geschäft beeinträchtigen könnten.

„Es ist bereits kompliziert, ein dreimonatiges Visum aus beruflichen Gründen zu erhalten, und ich befürchte, dass sich die Situation in Zukunft verschlechtern wird und unsere Wirtschaftsprojekte dadurch gefährdet werden“, erklärte er.

Wie immer gilt jedoch – Tango wird zu zweit getanzt. Vircoulon betonte, dass auch der Einfluss Afrikas auf die französische Wirtschaft berücksichtigt werden sollte. Insbesondere, da französische Unternehmen 2023 rund 230.000 Menschen auf dem afrikanischen Kontinent beschäftigten.

[LG/DE/VB]