Migration und Integration: Künftig Normalfall
Migration und Integration sind die künftigen Schlüsselthemen für die Nationalstaaten Europas. Sie verändern den Lebensalltag auf allen Ebenen. Wie höchst unterschiedlich die einzelnen Länder darauf reagieren, zeigt ein Projekt der ASKO EUROPA-STIFTUNG. EURACTIV.de sprach mit Frank Baasner, dem Herausgeber eines Sammelbandes.
Migration und Integration sind die künftigen Schlüsselthemen für die Nationalstaaten Europas. Sie verändern den Lebensalltag auf allen Ebenen. Wie höchst unterschiedlich die einzelnen Länder darauf reagieren, zeigt ein Projekt der ASKO EUROPA-STIFTUNG. EURACTIV.de sprach mit Frank Baasner, dem Herausgeber eines Sammelbandes.
EURACTIV.de: Herr Baasner, als Sie vor mehr als zwei Jahren dieses Forschungsprojekt begonnen haben, konnten Sie sich da vorstellen, wie polemisch das Thema heute in Deutschland diskutiert wird?
BAASNER: Nein, wirklich nicht. Denn in Deutschland hatte man seit der Reform des Staatsbürgerschaftsrechts den Eindruck, dass es einen politischen und gesellschaftlichen Konsens zu einer sehr einfachen Tatsache gibt: Wir sind ein Einwanderungsland, müssen das auch sein, und wir alle haben an einer gelungenen Integration aller hier lebenden Menschen ein vitales Interesse.
EURACTIV.de: Und wieso ist dieser Konsens heute scheinbar nicht mehr gegeben?
BAASNER: Das ist schwer zu sagen. Vielleicht gibt es einfach eine Zeitverzögerung. Bis diese eben genannte Tatsache ins Bewusstsein dringt und die Konsequenzen für jeden Einzelnen klar werden, vergeht sicherlich Zeit. Und dabei muss uns eines klar sein: Integration ist keine Einbahnstraße, wir alle müssen uns bewegen und werden uns bewegen. Das weckt Ängste vor Veränderung. Und gleichzeitig hat man den Eindruck, einige Politiker meinen immer noch, Wahlen mit sehr einfachen Slogans gewinnen zu können.
Ich glaube das nicht wirklich. Selbst wenn man als „Protestpartei“ mit Anti-Einwanderungsparolen Stimmen bekommen kann, wird dies doch alles schnell in sich zusammenfallen, sobald man Verantwortung in der Regierung übernehmen muss.
EURACTIV.de: Aber wie erklären Sie sich die hohe spontane Zustimmung zu Thilo Sarrazin oder jetzt Horst Seehofer?
BAASNER: Das scheint mir ziemlich klar. Das Manko liegt im politischen Diskurs derer, die sich des Themas schon vor sehr langer Zeit hätten annehmen müssen, das heißt bei den großen Parteien. Wenn man sich um so ein zentrales gesellschaftliches Thema herumdrückt, liegt es schlicht auf der Straße herum, und der Erste, der es aufsammelt, wird damit punkten können. Nicht weil er etwas zu sagen hat, sondern weil die anderen nichts gesagt haben, obwohl sie es hätten tun können. Die Hoheit über solch ein entscheidendes Thema darf nicht bei Minderheiten liegen.
EURACTIV.de: Zu welchen Erkenntnissen kommt das von Ihnen herausgegebene Buch?
BAASNER: Wir haben mehr als zehn verschiedene europäische Länder untersucht und zudem noch Fallstudien zu einzelnen Aspekten wie Sprachkompetenzen, Schulbildung und Zugang zum Arbeitsmarkt. Dabei haben wir nicht nur auf die jeweiligen Politiken und ihre Wirkung geschaut, sondern auch nach der diskursiven, sprachlichen Verarbeitung und Verortung der Integrations- und Einwanderungsdebatte gefragt. Und hier wird besonders deutlich, dass wir ganz unterschiedliche „Geschichten“ lesen können. Die Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedsstaaten sind immens. Deshalb kann man auch nicht einfach eine gemeinsame europäische Politik dekretieren.
EURACTIV.de: Welche für Unterschiede sind das?
BAASNER: Da gibt es zum Beispiel die Länder, die sich schon sehr lange als Einwanderungsländer verstehen und stolz darauf sind – Frankreich und Großbritannien gehören dazu. Hier gibt es also einen über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte gewachsenen Diskurs, der sich nur schwerfällig neuen Problemlagen anpassen kann.
Und dann gibt es Länder wie Italien, Spanien und Portugal, die bis vor sehr kurzer Zeit selbst Auswanderungsländer waren und nun plötzlich mit den höchsten Ausländerquoten in der ganzen EU umgehen müssen. Hier ist interessant zu sehen, dass in relativ kurzer Zeit in der Bewusstwerdung und Verarbeitung der Einwanderung und der Integrationsaufgaben ein enormer Weg zurückgelegt worden ist.
EURACTIV.de: Was haben die „jungen“ Einwanderungsländer von den „alten“ gelernt?
BAASNER: Eher wenig. Das liegt daran, dass keines der alten Einwandererländer ein wirklich praktikables und erfolgreiches Modell entwickelt hat. Frankreich mit seinem streng politischen Modell des individuellen, völlig egalitären „citoyen“ (der immer gleich ist, egal wo er herkommt), das englische Modell des „laissez faire“ und das holländische Modell des „multikulti“ haben eines gemeinsam: Sie haben offenbar nicht ausreichend Antworten auf die Fragen parat, die sich bei der Integrationsaufgabe stellen.
Wundern kann man sich über ein weiteres Phänomen: Italien und Spanien haben sowohl mit Emigration als auch mit Binnenmigration von Süd nach Nord enorm viele Erfahrungen sammeln können. Die Probleme der mangelnden Integration von süditalienischen Arbeitern im industriellen Norden sind ja denen der heutigen Situation sehr ähnlich. Da gibt es offenbar viel zu wenig Erfahrungstransfer.
EURACTIV.de: Wie müssen wir uns denn die nächsten Jahre vorstellen? Kann die EU hier einen konstruktiven Beitrag leisten?
BAASNER: Sicher. Allerdings glaube ich nicht, dass die von der EU gut finanzierten soziologischen Studien viel praktischen Nutzen bringen. Denn die haben oft – Ausnahmen bestätigen die Regel – herausgefunden, dass es streng genommen kaum Integrationsprobleme gibt, die irgendetwas mit der Herkunft der Betroffenen zu tun haben.
Die Erfahrung vor Ort spricht eine andere Sprache. Daher scheinen mir alle Programme sinnvoll, die es den Städten und Gemeinden erlauben, in einen Erfahrungsaustausch mit Städten anderer Länder zu treten und ihre Lösungsansätze für die bestehenden Probleme zu vergleichen und zu überprüfen. Und in diesem Bereich kann man feststellen, dass es eine große Konvergenz zu ähnlich pragmatischen Lösungen gibt.
EURACTIV.de: Wann sind die Aufgeregtheiten der vergangenen Wochen vergessen?
BAASNER: Es wird sicher noch dauern, bis unsere Gesellschaften einen neuen Zusammenhalt finden. Aber ich bin ganz zuversichtlich, gerade was die deutsche Gesellschaft angeht. Man sollte auf die Menschen, die Städte und die Projekte schauen, wo im Alltag ein buntes, demokratisches und dynamisches Leben möglich ist und gefördert wird. Die deutsche Gesellschaft hat sich insgesamt ganz schön entwickelt in den letzten Jahren, und dazu haben die Politik, alle Verwaltungsebenen, aber vor allem alle Bürger, Migranten oder nicht, einen großartigen Beitrag geleistet.
Interview: EURACTIV.de
Hintergrund
„Migration und Integration in Europa“ – Die Ergebnisse eines Projekts der ASKO EUROPA Stiftung und des Deutsch-Französischen Instituts sind als Sammelband erschienen (Nomos Verlag, Denkart Europa 11, Baden-Baden 2010), herausgegeben von Prof. Dr. Frank Baasner
Die europäischen Gesellschaften sind einem rasanten Wandel unterworfen. Migration innerhalb der EU und von außerhalb verändert den Lebensalltag, vor allem in wirtschaftlich und sozial dynamischen Städten und Regionen. Migration und Integration sind Aufgaben für ganz Europa und finden doch auf nationaler, auch lokaler Ebene statt. Um eine wirksame Diskussion zwischen den Beteiligten aus unterschiedlichen Ländern zu ermöglichen, ist es nützlich, über die verschiedenen Hintergründe und Traditionen Bescheid wissen. Das Buch mit zehn Länderstudien und vielen Fallstudien gewährt einen differenzierten Blick, wie in europäischen Ländern mit dem Phänomen der Einwanderung und mit der Integrationsproblematik umgegangen wird.
Zur Person:
Prof. Dr. Frank Baasner (geboren 1957) ist in Paris, Bonn und Belgien aufgewachsen. Nach dem Studium der Romanistik und Psychologie in Bonn, Bologna und Paris promovierte er mit einer Arbeit zur europäischen Aufklärung. Er hat seinen Lehrstuhl an der Universität Mannheim. Gastprofessuren führten ihn nach Valencia, Salzburg und Linköping (Schweden). Seit acht Jahren leitet er das Deutsch-Französische Institut Ludwigsburg (dfi).
Buchpräsentation in Berlin:
Das Buch wird in Kürze in Berlin vorgestellt: Termin ist Donnerstag, der 21. Oktober 2010, um 11.00 Uhr in der Vertretung des Saarlandes beim Bund, In den Ministergärten 4, 10117 Berlin. Anmeldung bei der ASKO EUROPA-STIFTUNG in Saarbrücken (Tel. 0681-9267430, E-Mail: c.weiand@asko-europa-stiftung.de).