Neustart der deutsch-französischen Beziehungen
Was halten Deutsche und Franzosen voneinander? Wie schätzen sie die deutsch- französischen Beziehungen ein? Und wie stellen sie sich die Zukunft Europas vor? Das Magazin ParisBerlin erstellte ein Barometer der deutsch-französischen Beziehungen, rät zum Überdenken der Beziehungen und zum Neubeginn bei Null.
Was halten Deutsche und Franzosen voneinander? Wie schätzen sie die deutsch- französischen Beziehungen ein? Und wie stellen sie sich die Zukunft Europas vor? Das Magazin ParisBerlin erstellte ein Barometer der deutsch-französischen Beziehungen, rät zum Überdenken der Beziehungen und zum Neubeginn bei Null.
Das Magazin ParisBerlin stellte diese Woche die erste Ausgabe des "Barometers der deutsch-französischen Beziehungen" vor. In Zusammenarbeit mit den Medienpartnern France 24 und Rue 89 wurde das Meinungsforschungsinstitut Seprem beauftragt, 1.000 Deutsche und 1.000 Franzosen zu befragen. Die Online-Umfrage wurde in der zweiten und dritten Dezemberwoche 2011 durchgeführt und soll den Blick von Deutschen und Franzosen auf den jeweiligen Nachbarn sowie die aktuelle Wahrnehmung der deutsch-französischen Beziehungen und der Rolle der beiden Ländern in der EU zeigen.
Das Barometer soll künftig halbjährlich durchgeführt werden, um Veränderungen registrieren zu können.
Seit einem Jahr steigt das Interesse der Franzosen an ihren deutschen Nachbarn rasant. Bei den Deutschen war das Interesse an den Franzosen, ihren wichtigsten Wirtschaftspartnern, schon immer lebhafter.
Interesse steigt mit dem Alter
Das Interesse der deutschen Befragten am Geschehen in Frankreich ist demnach höher als das Interesse der Franzosen für das Geschehen in Deutschland. Allgemein ist es bei Männern höher als bei Frauen (69 Prozent vs. 53 Prozent in Frankreich, 68 Prozent vs. 64 Prozent in Deutschland). Der Grad des Interesses nimmt mit steigendem Alter der Befragten zu: Er liegt bei 50 Prozent bei den unter 35-jährigen Franzosen (61 Prozent bei den gleichaltrigen Deutschen) und erreicht 72 Prozent bei den 55-jährigen und älteren (61 Prozent bei den Deutschen), also bei der Generation, die während des Kriegs oder kurz nach dem Krieg geboren wurde.
In beiden Ländern glaubt eine große Mehrheit der Befragten, dass die deutsch-französischen Beziehungen besonders gut sind im Vergleich zu den Beziehungen zu anderen europäischen Ländern. In Deutschland wie in Frankreich glauben vor allem Pensionäre und Rentner, dass die Beziehungen besonders gut sind.
Doch die Wahrnehmung der Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen in den letzten zwölf Monaten unterscheidet sich stark zwischen den Befragten der beiden Länder: In Frankreich glauben 28 Prozent der Befragten, dass sie sich verbessert haben, in Deutschland sind es 43 Prozent. In Frankreich glauben auch mehr Befragte als in Deutschland, dass sie schlechter geworden sind (15,8 Prozent vs. 7,5 Prozent).
"Wie stellen Sie sich das Europa von morgen vor?"
In Frankreich liegt die Vorstellung von einem "um einen deutsch-französischen Kern herum gebildetes Europa" an erster Stelle vor der Idee eines föderalen Europas. Die Meinungen unterscheiden sich aber stark je nach Geschlecht. 32 Prozent der Franzosen stellen sich ein föderales Europa vor, aber nur 18 Prozent der Französinnen, die ihrerseits zu 26 Prozent das um den deutsch-französischen Kern gebildete Europa nennen.
In Deutschland ist ein föderales Europa die beliebteste Vorstellung, "ein Europa der 27, in dem alle Länder das gleiche Gewicht haben" kommt an zweiter Stelle – auf französischer Seite wird es nur von 7,8 Prozent der Befragten angegeben.
Kommissionspräsident sollte vom Volk gewählt werden
In beiden Ländern ist übrigens die Wahl des Präsidenten der Europäischen Kommission durch das Volk ein weit verbreiteter Wunsch (jeweils rund drei Viertel der Befragten!). Die Männer stehen dieser Möglichkeit allerdings in beiden Ländern aufgeschlossener gegenüber als die Frauen (78 Prozent vs. 64 Prozent in Frankreich, 79 Prozent vs. 71 Prozent in Deutschland).
"Eine Beziehung, die neu zu erfinden ist"
"Deutschland und Frankreich wissen noch immer um die Notwendigkeit ihrer engen Verbundenheit, ihrer gegenseitigen Annäherung. Aber bei der jungen Generation schwindet die Sensibilität dafür, sie verspürt weniger Interesse, die Sprache des anderen zu erlernen, sie findet sich in den ‚offiziellen‘ Begegnungen nicht (mehr) wieder", folgert der Chefredakteur von ParisBerlin, Henri de Bresson.
Der Elysée- Vertrag beispielsweise sage ihnen nicht mehr viel. Haben die bestehenden Systeme versagt? Sind historische Einrichtungen wie das Deutsch-Französische Jugendwerk gescheitert? Dienen die Gedenkveranstaltungen nur noch dem politischen Schein? "Zu einem großen Teil muss das sicherlich bejaht werden. Nur dass sich ohne diese Strukturen die Verbindung wahrscheinlich noch schneller gelöst hätte."
Speziell die letzten zwölf Monate hätten gezeigt: "Trotz aller gegenseitigen Beglückwünschungen gab es einen gewissen reflexartigen Missmut, verspürten wir einen stummen Groll, vor allem auf französischer Seite."
Und was kommt nach der Aussöhnung?
Seit der Phase der Aussöhnung sei nur wenig Neues erdacht worden. Nur wenig werde den heutigen Anforderungen gerecht, vieles erscheine altmodisch. Es sei "an der Zeit, die Beziehung von Grund auf zu überdenken und noch einmal bei Null zu beginnen", empfiehlt de Bresson.
Frankreich sollte sich bei allem, was Ausbildung und Arbeit betrifft, und in der Haushaltspolitik von Deutschland inspirieren lassen, während das "französische Modell" sich mit seiner Lebenskunst und – etwas weniger nachhaltig – in der Familienpolitik und/oder der sozialen Sicherheit durchsetzen könnte.
ekö
Link
Barometer der deutsch-französischen Beziehungen (in deutscher und französischer Sprache)