Ungenutzte Chancen des vielstimmigen Islam
Thilo Sarrazins Thesen haben eine heftige Debatte um die Integration muslimischer Einwanderer ausgelöst. Zu begrüßen ist, dass die Integrationspolitik aus ihrem Schattendasein befreit wurde, meint Sabine Riedel von der Stiftung Wissenschaft und Politik. In einem Standpunkt auf EURACTIV.de erklärt sie, warum sich Europas Bild vom Islam verändern muss - um "Brücken zu schlagen und alternative Lösungswege zu finden".
Thilo Sarrazins Thesen haben eine heftige Debatte um die Integration muslimischer Einwanderer ausgelöst. Zu begrüßen ist, dass die Integrationspolitik aus ihrem Schattendasein befreit wurde, meint Sabine Riedel von der Stiftung Wissenschaft und Politik. In einem Standpunkt auf EURACTIV.de erklärt sie, warum sich Europas Bild vom Islam verändern muss – um „Brücken zu schlagen und alternative Lösungswege zu finden“.
ZUR AUTORIN
Sabine Riedel ist Privatdozentin für Politikwissenschaft bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. Sie war 2006 an der Sciences Po Paris in Nancy tätig und hatte von 2003 bis 2004 die Professur für Politikwissenschaft an der Universität München inne. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der vielstimmige Islam in Europa, Menschenrechtskonzepte in der Minderheitenpolitik, nationalistische Ideologien und Parteien in Europa sowie Migration im Mittelmeerraum.Die provokanten Thesen von Thilo Sarrazin haben die Diskussion um die Integration muslimischer Einwanderer heftig angestoßen. Dieser Impuls ist für sich genommen positiv zu bewerten, weil die Integrationspolitik über Jahrzehnte hinweg ein Schattendasein führte und in Deutschland erst seit gut zehn Jahren wahr- und ernst genommen wird. Doch als alarmistisches Wachrütteln kann er den öffentlichen Diskurs auch in eine ungewünschte Richtung drängen und gesellschaftliche Konfliktlinien verstärken, statt Brücken zu schlagen.
Der Blick auf alternative Lösungswege bleibt vor allem dann verstellt, wenn voreilig Trendmeinungen bedient und unzureichend geprüft werden. Hierzu gehört der Zeitnerv, alles und so auch die Einwanderer zuerst nach ihrem ökonomischen Nutzen zu beurteilen. Dabei ist es gerade diesem Denken geschuldet, dass vor rund fünfzig Jahren billige Arbeitskräfte aus dem Ausland angeworben wurden. Aber es sind Menschen gekommen, deren Kinder und Enkel in Europa geboren wurden und hier ihre neue Heimat sehen.
Ein zweiter Trend, auf dessen Ticket vor allem extremistische Anschauungen und nationalistische Parteien fahren, ist das Bild vom Islam als einer rückständigen Religion, die mit modernen Lebensweisen nicht vereinbar sei. Doch dies ist nur ein Gesicht der vielfältigen islamischen Religion, Geschichte und Kultur. Wer dabei die kritischen Stimmen unter den Muslimen überhört, der gibt leichtfertig Integrationspotentiale aus der Hand.
Christen instrumentalisieren den Islam
Einzelbeispiele zeigen, dass die Vorstellung eines konservativen Islam auch gern von Christen in Dienst genommen wird, um ganz eigene Ziele zu verfolgen. So sieht sich die Anglikanische Kirche in Großbritannien Forderungen gegenüber, ihre privilegierte Stellung als Staatskirche aufzugeben. Dabei erwies sich die Idee des Erzbischofs von Canterbury als ein kluger Schachzug, Anfang 2008 die Einführung von Scharia-Recht ins britische Rechtssystem vorzuschlagen.
Doch nur wenige muslimische Organisationen lassen sich mittlerweile zu potentiellen Verbündeten machen. Viele Vertreter wie zum Beispiel die Britischen Muslime für eine Säkulare Demokratie (BMSD) haben sich von ehemals islamistischen Positionen losgesagt und die Werte pluralistischer Gesellschaften entdeckt, das heißt die Religionsfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat. Bei den letzten Wahlen zum britischen Unterhaus riefen sie die Muslime unterschiedlicher Glaubensrichtungen dazu auf, sich stärker in den bestehenden Parteien zu engagieren.
Sarkozys gescheiterter Plan
In Frankreich hatte sich die Regierung im Jahre 2003 dazu hinreißen lassen, auch mit solchen Organisationen zusammenzuarbeiten, die religiöse Lehrmeinungen in den Rahmen politischer Ideologien stellen und damit Machtverschiebungen in ihren Herkunftsländern anstreben. Der damalige Innenminister Nikolas Sarkozy wollte deren Einfluss begrenzen, indem er alle Muslime an einen Tisch versammelte und die Gründung eines französischen Muslimrats (CFCM) vorschlug. Dabei unterstützte er die Vertreter des algerischen und marokkanischen Staatsislam gegen islamistische Oppositionelle.
Doch dies hat letztlich zur Politisierung des Islam beigetragen und nicht verhindern können, dass heute jene Organisationen das Sagen haben, die Frauen zum Tragen von Kopftuch oder Schleier auffordern. Dagegen regt sich seit 2009 Widerstand vonseiten der Laizistischen Föderation der Bürger muslimischer Identität (MOSAÏC), die religiösen Eiferern die Werte der französischen Demokratie wie Toleranz und Laizismus entgegensetzt.
Keine islamische Kleiderordnung
Wenn man das jüngste Vermummungs-Verbot in Frankreich als Burka-Verbot wahrnimmt und als eine Ungleichbehandlung muslimischer Frauen betrachtet, sollte man sich auch mit dem diskriminierenden Frauenbild des französischen Muslimrats auseinandersetzen: Mit welchen Lehrmeinungen und theologischen Autoritäten begründen die Verbände ihr konservatives Frauenbild?
Denn im Islam gibt es keine fest stehende religiöse Kleiderordnung, sondern ganz unterschiedliche Positionen. Der Großmufti von Marseille, Soheib Bensheikh, ist zum Beispiel der Ansicht, dass die Würde der Frau in heutiger Zeit nicht durch den Schleier zum Ausdruck komme, als vielmehr durch ihre Persönlichkeit, Bildung und ihren beruflichen Erfolg. Selbst ägyptische Geistliche und Gerichte streiten sich über die Ansichten von Großscheich Tantawi und dessen Nachfolger al-Tayyib, die an ihrer Azhar-Universität in Kairo das Tragen des Gesichtsschleiers als unislamisch verboten haben.
Meinungsvielfalt im Islam
Diese Meinungsvielfalt unter islamischen Theologen und muslimischen Gläubigen ist einigen großen Dachverbänden in Europa ein Dorn im Auge. Denn sie sehen dadurch ihre religiöse Autorität, ihre gesellschaftliche Stellung und letztlich auch ihren politischen Einfluss in Gefahr. Dies kommt am Beispiel der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) deutlich zum Ausdruck, die im Jahre 1979 als Körperschaft des öffentlichen Rechts und offizielle Vertretung der österreichischen Muslime gegründet wurde.
Gegen eine Mitarbeit in dieser Körperschaft sträuben sich Organisationen wie die ATIB, die mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden bleiben möchte, oder die AIF als Arm der türkischen Millî-Görü?-Bewegung. Beide wollen unabhängig voneinander als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, um in eigener Regie Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen anbieten zu können.
So prüfen derzeit auch deutsche Gerichte, ob muslimische Dachverbände die Voraussetzungen zur Anerkennung als Religionsgemeinschaft erfüllen und ihnen deshalb der Status als Körperschaft des öffentlichen Rechts sowie Fördermittel zustehen. Hierzu gehören u.a. die Offenlegung ihrer Mitgliederstruktur und der Nachweis, dass ihre jeweilige Gemeinschaft von einem geistlichen Oberhaupt mit fachlicher Kompetenz geleitet wird.
Deutschland sollte seine Muslime schützen
Eine weitere Frage wurde bisher jedoch vernachlässigt: Inwieweit respektieren die muslimischen Verbände die Besonderheiten des säkularen Systems in Deutschland, das sich durch die Selbstverwaltung der Religionsgemeinschaften auszeichnet. Auf Grund der Erfahrungen mit totalitären Systemen ist es heute undenkbar, dass sich der Staat in die religiöse Lehre einmischt oder bei Personalien mitentscheidet.
In diesem Sinne sollte sich Deutschland auch schützend vor seine Muslime stellen und verhindern, dass der türkische Staat über die Entsendung von Religionsattachés und Imamen deren Selbstverwaltung beschneidet.
Die Probleme liegen im Detail
Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist bereits in Sicht: Die Einrichtung neuer Lehrstühle für islamische Theologie an deutschen Universitäten soll die Ausbildung eigener Imame und Theologen ermöglichen. Doch wie immer liegen die Probleme im Detail. Wenn diese neuen Stellen von der türkischen Religionsbehörde finanziert werden, verstärkt sich der Einfluss des türkischen Staatsislam zulasten des vielstimmigen Islam in Europa. Verlierer wären aber nicht nur andere islamische Religionsgemeinschaften wie die Aleviten, die bis heute in der Türkei verfolgt werden.
Auch das religionsneutrale Fach Islamwissenschaft gerät ins Hintertreffen, wenn die neuen „Islamischen Studien“ nicht in theologischen, sondern in philosophischen und kulturwissenschaftlichen Fakultäten angesiedelt werden. Dagegen sollte man sich die internationale Reputation der deutschen und europäischen Islamwissenschaft vergegenwärtigen und von deren Forschungen profitieren: Sie zeichnen nicht nur ein pluralistisches Bild der islamischen Welt, sondern ermöglichten bisher auch einen Dialog unter Islamwissenschaftlern über die Landes- und Religionsgrenzen hinweg.
Links
SWP: Homepage
EURACTIV.de: Die Muslima in Europas Diaspora (27. Oktober 2010)
EURACTIV.de: Warum Türken deutsche Kindergärten meiden (18. Oktober 2010)
EURACTIV.de: Migration und Integration: Künftig Normalfall (14. Oktober 2010)
EURACTIV.de: Euro-Einführung? Atomausstieg? Schweden wählt (17. September 2010)
EURACTIV.de: Migrationstrends in OECD-Ländern (16. Juli 2010)
EURACTIV.de: EU-Regionalpolitik und Immigration (25. Juni 2010)
EURACTIV.de: Deutsch-Türken fordern Entlassung Sarrazins (14. Juni 2010)
EURACTIV.de: TGD entwirft "Willkommensbrief" für Migranten (27. Oktober 2009)
EURACTIV.de: Kolat zur Integration: "Mit der Keule klappt es nicht" (21. Oktober 2009)
EURACTIV.de: Schweden will "Flüchtlings-Schlüssel" (24. August 2009)
Dokumente:
Union/FDP: Koaltionsvertrag zum Download – "WACHSTUM. BILDUNG. ZUSAMMENHALT" (24. Oktober 2009)
Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD): Presse-Erklärung zum Koaltionsvertrag (27. Oktober 2009)