Warum Türken deutsche Kindergärten meiden

Je mehr die in Deutschland lebenden Türken beschuldigt würden, sich nicht integriert zu haben, desto mehr zögen sie sich zurück. In dieser Ghetto-Kultur bekomme der Islam eine immer größere Rolle. Gülseren Onanç, die Präsidentin des türkischen Unternehmerinnenverbandes Kagider in Istanbul, ermuntert im EURACTIV.de-Gespräch beide Seiten, mehr voneinander zu lernen.

Türkin ohne Kopftuch: Gülseren Onanc, die Präsidentin des Unternehmerinnenverbandes KAG?DER, ?stanbul (Foto: Malik)
Türkin ohne Kopftuch: Gülseren Onanc, die Präsidentin des Unternehmerinnenverbandes KAG?DER, ?stanbul (Foto: Malik)

Je mehr die in Deutschland lebenden Türken beschuldigt würden, sich nicht integriert zu haben, desto mehr zögen sie sich zurück. In dieser Ghetto-Kultur bekomme der Islam eine immer größere Rolle. Gülseren Onanç, die Präsidentin des türkischen Unternehmerinnenverbandes Kagider in Istanbul, ermuntert im EURACTIV.de-Gespräch beide Seiten, mehr voneinander zu lernen.

EURACTIV.de: Im Sommer fand in Berlin eine Konferenz von deutschen und türkischen Unternehmerinnen statt. Was kann denn die Türkei von Deutschland lernen? Und umgekehrt: Was kann Deutschland von der Türkei lernen?

ONANC: Auf jeden Fall können beide Länder voneinander etwas lernen. Die Türkei ist ein sehr dynamisches Land, wir haben eine ausgezeichnete Privatunternehmenskultur, die wir auch für die Frauen mehr entwickeln wollen. Denn da sind wir noch nicht so weit, wie wir sein sollten. Mehr Frauen sollten unternehmerische Initiative ergreifen. Da liegt unheimlich viel Potenzial darin. Wir sind sehr froh, dass die Politik in die Richtung geht. Ich glaube, wir können unsere Erfahrungen austauschen, denn wir erkennen eine Menge ähnlicher Entwicklungen zwischen der Türkei und Deutschland, was eine konservative oder patriarchalische Mentalität betrifft.

Von außen betrachtet wirkt Deutschland besser, als es ist; tatsächlich aber ist auch Deutschland noch entwicklungsfähig. Es gibt auch in Deutschland eine patriarchalische Mentalität. Daher finde ich, dass wir unsere Ansichten austauschen können und zwischen den türkischen und den deutschen Zivilgesellschaften eine Solidarität herstellen können.

EURACTIV.de: Was ist der Grund dafür, dass es in der Türkei – verglichen mit europäischen ändern – eine relativ große Quote von Unternehmerinnen gibt?

ONANC: Ich glaube, die Rate ist nicht höher als in Deutschland. Aber wir haben mehr Privatunternehmenskultur als etwa in den neuen EU-Mitgliedsländern wie Bulgarien und Rumänien.            

"Deutschland ist sehr konservativ"

EURACTIV.de: Halten Sie die Zahl von Unternehmerinnen in Deutschland nicht für relativ niedrig?

ONANC: Ja, der Meinung bin ich auch. Das Hindernis ist, dass Deutschland ein sehr konservatives Land ist. Die Politik der Deutschen fußt mehr auf Familie als auf Individualismus oder auf Frauen. Die Vorstellung von Familie wird dadurch ziemlich dominierend. Das betrifft vor allem die Frauen. Denn Basis von Familie sind Kinder. Daher wirkt sich die Vorstellung von Familie ziemlich unterdrückend auf die Freiheit von Frauen aus. Zum Beispiel kritisieren wir unser Land dafür, dass es ein Familienministerium gibt. Ich finde, wenn man Familienwerte ganz oben platziert, reduziert man automatisch die Einflussmöglichkeiten von Frauen in der Gesellschaft. Schauen Sie mal in die USA: Dort gibt es kein Familienministerium. Obwohl die Amerikaner konservativ sind, haben die kein solches Ressort.

EURACTIV.de: Gibt es in der Türkei ein Familienministerium?

ONANC: Ja, gibt es. Das ist so familienorientiert, dass es darauf hinausläuft: Entweder ist man auf Familien konzentriert oder man ist auf Frauen konzentriert. Man kann nicht beides gleichzeitig haben.

EURACTIV.de: Welches Ansehen haben denn die türkischen Unternehmerinnen bei den anderen Frauen in der Türkei? Werden sie als Heldinnen angesehen? Werden sie beneidet? Oder werden sie als Verräterinnen an der Tradition gesehen?

ONANC: Wir haben viele Self-made-Unternehmerinnen. Das heißt, die haben viele ähnliche Erfahrungen durchgemacht, um zum Erfolg zu kommen. Deshalb wollen wir den türkischen Frauen ein Rollenmodell aufzeigen, das nicht darauf hinausläuft, einen reichen Mann zu heiraten, um eine gutsituierte Stellung zu erreichen, sondern dass sie dies auch aus eigenem fertig bringen. Zur Zeit haben Existenzgründung und Unternehmertum unter den Frauen schon eine wirklich hohe Anerkennung bekommen.

EURACTIV.de: Was sind die typischen Branchen, in denen die Frauen unternehmerisch tätig sind?

ONANC: Da sie in der Regel schwer an finanzielle Unterstützung herankommen, fokussieren sie sich auf das, was sie selbst können: Lebensmittel, Restaurants, Textilien, Änderungsschneidereien, Reinigung, aber auch solche Dienstleistungen wie PR, Werbung, Design oder Forschung.

Benachteiligung bei der Kreditvergabe

EURACTIV.de: Werden sie benachteiligt im Vergleich zu Männern, etwa bei der Kreditvergabe?

ONANC: Ja, sie sind zumindest indirekt benachteiligt. Um einen Kredit zu bekommen, muss man ja gewisse Legitimationen und Referenzen bringen. Man muss ein gewisses Vermögen und Sicherheiten nachweisen. Grundbesitz ist aber in der Regel Männern vorbehalten. Daher kann man sagen, dass Frauen ärmer sind als die Männer.

Das gilt auch bei den Einkommen. Das Durchschnittseinkommen von Männern beträgt 15.000 Dollar im Jahr, bei den Frauen sind es nur 5.000 Dollar. Also im Durchschnitt sind das 10.000 Dollar pro Person, aber die Verteilung ist höchst unterschiedlich. Ein Drittel geht an die Frauen, zwei Drittel an die Männer.

EURACTIV.de: Um also selber eine Existenz gründen zu können, müssen sich Frauen einen Kredit in der Familie oder Verwandtschaft organisieren?

ONANC: So ist es. Die Hauptressourcen kommen von den Familien.

EURACTIV.de: Was würde sich durch den EU-Beitritt der Türkei für die Wirtschaft ändern? Was würde das speziell für die Frauen bedeuten?

ONANC: Während des Verhandlungsprozesses müssen wir uns noch mit so vielen Problemen auseinandersetzen, um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen zu erreichen. Beispielsweise müssen wir das Zustimmungsrecht der Ehemänner durchbrechen. Nach dem Gesetz sind wir Frauen gleichberechtigt, aber in der Realität sieht es anders aus.

Wir erwarten also, dass die Integration in die EU einen Mentalitätswechsel bei all unseren Politikern und in unserer Gesellschaft bewirkt, sodass die Gleichberechtigung auch Realität wird. Das ist unsere wichtigste Erwartung.

Andererseits würden wir auch gern mehr Interaktion zwischen den europäischen Ländern und der Türkei sehen, denn die Türkei ist schon seit so vielen Jahren Partner der europäischen Länder. Nehmen wir Deutschland als Beispiel: Die Deutschen wissen nicht viel über die Türkei, ebenso wissen die Türken nicht viel über Deutschland.

Je mehr wir übereinander wissen und je mehr wir miteinander wirtschaftlich verflochten sind, desto mehr wird sich das auch auf unsere Kulturen auswirken. So würden zum Beispiel Minderheitengruppen aus der Türkei in dieser Gesellschaft frei und glücklich leben können.

EU-Beitritt der Türkei schon 2014 oder 2017

EURACTIV.de: Was ist Ihrer Meinung nach ein realistisches Datum für den türkischen EU-Beitritt?

ONANC: Wir sollten das Jahr 2014 ansteuern, was schon in vier Jahren ist. Das sollte unser Ziel sein. Zumindest sollten wir 2014 die Kapitel alle abgeschlossen haben. Wenn wir das erledigt haben, könnten wir uns 2017 als Beitrittsziel vornehmen. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Zwischen 2014 und 2015 müssen wir den gesamten Integrationsprozess fertig haben, dann kommen immer noch die anderen Themen; zum Beispiel ist die Zypern-Frage ein sehr schwieriges Thema.

EURACTIV.de: Haben Sie denn den Eindruck, dass die Türkei, insbesondere die türkische Regierung, ihre Hausaufgaben erledigt?

ONANC: Nicht in dem Ausmaß, wie es nötig wäre. Die Regierung sollte sich mehr darauf konzentrieren.

EURACTIV.de: Wie ordnen Sie die Signale ein, die von der türkischen Regierung an Europa ausgesandt werden? Sind die in Ordnung oder nicht?

ONANC: Das sollte ich eigentlich Sie fragen …

EURACTIV.de: Halten Sie es für möglich, dass etwas geschieht, das die Türkei und die EU wieder weit auseinander bringt?

ONANC: Nein, das glaube ich nicht. Wir wollen die Vollmitgliedschaft in der EU erreichen. Gerade die Griechenland- und die große Wirtschaftskrise müsste doch den Politikern, Regierungen, den Kommissionsmitgliedern und den Parlamentariern der EU gezeigt haben, welche außerordentlich wichtige Rolle die Türkei künftig in der EU-Wirtschaft spielen kann. Wir haben eine sehr dynamische Wirtschaft, und diese dynamische Wirtschaftsentwicklung sorgt für Wachstum.

EURACTIV.de: Die Türkei hat seit Jahren kontinuierlich ein Wirtschaftswachstum aufzuweisen…

ONANC: Genau, außer im vergangenen Jahr, da mussten wir auch eine Krise überwinden.

EURACTIV.de: Kann die Griechenland-Krise indirekt für die türkischen Beitrittsverhandlungen nützlich sein?

ONANC: Ja, das glaube ich tatsächlich. Das kann der Türkei helfen, denn da hat Brüssel angefangen, gewisse Koordinaten zu hinterfragen und unsere Resultate zu kontrollieren. Wenn man sich also die Koordinierung und die Kontrolle unserer Resultate vornimmt, heißt das, dass man sich unsere Zukunft ansieht, unser Wirtschaftswachstum und die Handelsstrategien, die eine Menge Arbeitsplätze schaffen werden. Wenn man dann in andere europäische Staaten schaut: Dort entstehen nicht so viele neue Arbeitsplätze, dort gibt es nicht so viel Dynamik. Demnach brauchen die noch etwas.

Die jüngeren Generationen sollten die Türkei besuchen, um nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Die Vollmitgliedschaft der Türkei in der EU wäre auf jeden Fall eine Chancen für die EU selbst!

Integrationsverweigerung im Kindergarten

EURACTIV.de: Wie beurteilen Sie denn das ziemlich problematische Bild, das viele der in Deutschland lebenden Türken abgeben, besonders in Berlin mit seiner türkischen „Parallelgesellschaft“, wo viele nicht Deutsch können, wo es Integrationsverweigerer gibt, wo die hohe Schulabbrecherquote junger Türken direkt in die hohe Arbeitslosenrate führt und wo Freundschaften zwischen türkischen Mädchen und Deutschen oft tabu sind?

ONANC: Jahrelang haben wir diese Leute dafür beschuldigt und sie dafür verantwortlich gemacht, dass sie nicht integriert sind.

Aber wenn diese Leute nach fünfzig Jahren noch immer nicht integriert sind, müssen wir mal die Perspektiven ändern. Denn man kann das Problem weiterhin vom eigenen Standpunkt aus betrachten und den Leuten weiterhin Vorwürfe machen, weil sie nicht gebildet und nicht zivilisiert sind. Aber je mehr Vorwürfe wir ihnen machen, je mehr wir sie dafür bestrafen wollen, dass sie nicht Deutsch können, dass sie nicht integriert sind, desto mehr ziehen sie sich zurück und kapseln sich noch mehr ab. Je mächtiger aber dadurch ihre Ghetto-Kultur wird, desto mehr kommt der Islam ins Spiel.

Wenn man also das Thema von dieser Perspektive aus beleuchtet, sieht man, dass das nicht wirklich hilfreich ist. Ich bin zum Schluss gekommen, dass wir eine differenzierte Betrachtungsweise dieser Problematik brauchen. Ich beobachte, dass Deutschland eine wirklich schwere Kultur hat. Entweder agiert man wie ein Deutscher, oder man ist draußen. Da gibt es nichts dazwischen.

Ich bewundere die Deutschen für ihre Infrastruktur und für ihre Leistungen für die Kinder, alles steht zur Verfügung, und trotzdem schicken diese Leute ihre Kinder nicht in den deutschen Kindergarten. Warum schickt ein vernünftiger Mensch nicht sein Kind in den Kindergarten? Sie haben das Gefühl, solang sie selbst noch nicht wie die Deutschen geworden sind, werden sie nicht akzeptiert.

"Die Türken nicht unter Druck setzen"

Sie haben das Gefühl, dass die Deutschen sie nicht so akzeptieren, wie sie sind. Dadurch ergibt sich eine Spaltung. Da stehen sich zwei Gesellschaften gegenüber, die einander nicht trauen. Zwar stellen die Deutschen den türkischen Menschen mehr Leistungen zur Verfügung als umgekehrt. Aber trotzdem sollten sich die Deutschen einmal die Zeit nehmen und über eine echte Integrationspolitik nachdenken, zum Beispiel über zweisprachige Einrichtungen. Das würde den Leuten zeigen, dass sich dieses Land um sie kümmert. Die Deutschen sollten die Türken nicht unter Druck setzen, dass sie so werden wie sie. Sie sollten eher ihrer Kultur und ihrer Sprache mehr Wertschätzung entgegen bringen. So könnte man mehr Vertrauen zwischen beiden Gesellschaften etablieren.

Die zweite Generation steckt irgendwo dazwischen. Ohne gegenseitiges Vertrauen geht sie verloren. Denn die zweite Generation ist weder komplett türkisch noch komplett deutsch. Die Politiker müssten ein solches Vertrauen aufbauen, wenn sie das Gefühl haben, dass das Türken-Thema ein Problem sei.

EURACTIV.de: Wie sieht man in der Türkei zur Zeit das Thema Kopftuch? Welche gesellschaftliche Haltung steht dahinter?

ONANC: Das spielt vor allem eine Rolle, wenn man die Universität oder ein Amtsgebäude mit Kopftuch betreten will. Wir haben zur Zeit einen Präsidenten und einen Regierungschefs, deren Ehefrauen beide ein Kopftuch tragen. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr, dass Frauen nicht mit dem Kopftuch in die Universität dürfen. Es gibt rund 10.000 Frauen, die aus diesem Grund nicht die Hochschulen besuchen können. Es kann sein, dass sie in Zukunft auch in manchen öffentlichen Einrichtungen und Ämtern kein Kopftuch tragen können. Aber auch wenn sie dadurch vom öffentlichen Leben ausgeschlossen werden, finden sie ihren eigenen Lebensweg.

Frauen mit Kopftuch sollten jedenfalls an die Universitäten gehen dürfen. Indem man sie aussperrt, wird man nicht diese strenge Tradition ändern.

EURACTIV.de: Was wünschen Sie sich jetzt von Deutschland am dringendsten?

ONANC: Deutschland ist der wichtigste Player in der EU. Es sollte sicherstellen, dass die hohen Werte dieser Institution innerhalb seines Territoriums anerkannt und respektiert werden. Wenn Deutschland die Verschiedenartigkeiten erfolgreich toleriert, dann wird auch die EU wettbewerbsfähiger und ein besserer Standort zum Leben. Ich bewundere die Deutschen, und ich vertraue auf ihre Werte. Aber Deutschland sollte sein Verständnis für die Verschiedenartigkeiten von Minderheiten verbessern, und es sollte auch die anderen Partnerländer in diesen Prozess führen.

Die Türken und die Deutschen sollten einander besser kennen lernen und voneinander lernen, um einander immer näher zu kommen.

Interview: Ewald König

 

Links

Homepage: KAG?DER – Verband der türkischen Unternehmerinnen

Homepage: TÜSIADVerein türkischer Industrieller und Unternehmer