Früherer französischer Botschafter: Niger-Putsch ist „Versagen Europas“
Der Putsch in Niger sei vor allem auf die neokolonialen Beziehungen zwischen Frankreich und dem afrikanischen Kontinent zurückzuführen, so der ehemalige französische Botschafter Gérard Araud im Interview mit EURACTIV.
Der Putsch in Niger sei vor allem auf die neokolonialen Beziehungen zwischen Frankreich und dem afrikanischen Kontinent zurückzuführen, so der ehemalige französische Botschafter Gérard Araud im Interview mit EURACTIV.
Am vergangenen Mittwoch (26. Juli) stürzte Armeegeneral Abdourahamane Tiani bei einem Militärputsch in Niger den demokratisch gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum und nahm ihn gefangen.
Die Krise entspringe aus einer „Ablehnung der französischen Präsenz im Land“ und der Frustration der lokalen Bevölkerung über das koloniale Erbe Frankreichs, das sich bis heute in engen wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen Frankreichs zu ehemaligen afrikanischen Kolonien niederschlage, erklärte Araud gegenüber EURACTIV.
Araud, ein erfahrener Botschafter, der bei den Vereinten Nationen, in Washington und Israel tätig war, war früher Generaldirektor für politische und sicherheitspolitische Angelegenheiten im französischen Außenministerium.
In den afrikanischen Ländern mit französischer Kolonialvergangenheit sei eine „Revolte der Jugend“ zu beobachten, die sich sowohl gegen Frankreich als auch gegen ihre nationalen Regierungen richte, welche als Marionetten Frankreichs in der Region angesehen würden, erklärte er.
Zudem gehe die Wut gegen Frankreich mit hohen Geburtenraten und extremer Armut einher, was die nationalen Behörden erheblich belaste, so der Diplomat.
Militäroperation „Barkhane“ gescheitert
Frankreich ist seit drei Jahrhunderten militärisch und wirtschaftlich in der Sahelzone präsent und hat unter anderem Länder wie die Elfenbeinküste, Guinea, den Senegal und den Sudan kolonisiert.
Auch nach der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren brachen die Beziehungen zwischen Frankreich und den ehemaligen Kolonien nicht vollständig ab, und die militärischen Interventionen des Landes im Rahmen der Operationen Serval und Barkhane in den letzten zehn Jahren zeugten von den Bemühungen Frankreichs, in der Region präsent zu bleiben.
Die Serval-Operation von 2012 bis 13, bei der es darum ging, dschihadistische Aufständische im Norden Malis zurückzudrängen, sei als Erfolg gewertet worden, sodass französische Soldaten im Land als „Freiheitskämpfer“ willkommen geheißen worden seien, so Araud. „Aber jede Befreiungsarmee wird nach einer Weile zu einem Besatzer.“
Die neun Jahre andauernde Barkhane-Operation, die 2014 zum ersten Mal durchgeführt wurde, hatte ein breiteres Mandat als Serval und sollte den Dschihadismus in der gesamten Sahelzone bekämpfen.
Die französischen Soldaten hätten „unter unglaublich schwierigen Umständen eine großartige Arbeit geleistet“, doch sei es ihnen nicht gelungen, dem dschihadistischen Terror ein Ende zu setzen, erklärte der Diplomat.
Der französische Präsident Emmanuel Macron sprach sich daher im November 2022 dafür aus, die Operation auslaufen zu lassen.
„Ich würde behaupten, dass Barkhane die Dschihadisten gestärkt hat, die sich mit anderen terroristischen und ethnischen Gruppen verbündet haben, deren einzige Besessenheit der Tod des westlichen Soldaten ist“, sagte Araud.
Dies habe dazu beigetragen, dass sich in Burkina Faso und Mali – die beide in den letzten Jahren ebenfalls Militärputsche erlebten – das Narrativ verbreitet habe, Frankreich unterstütze in Wirklichkeit den Aufstieg dschihadistischer Gruppen, so der Diplomat weiter.
Beziehungen „normalisieren“
Die Schließung der französischen Kaserne in Niger sei längst überfällig, so Araud. Militärbasen seien „ein Zeichen dafür, dass man sich in afrikanische Angelegenheiten einmischen will.“
In gewisser Weise sei „Niger für Frankreich das, was Afghanistan für die USA ist“, sagte er. Für Paris sei es höchste Zeit, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den ehemaligen Kolonien zu normalisieren und seine afrikanischen Partner als souveräne Nationen zu behandeln.
„Überlassen Sie es den Diplomaten und Unternehmen und schaffen Sie die militärische Präsenz ganz ab“, forderte er.
Auch die mangelnde Einigkeit in der EU über eine gemeinsame Afrikastrategie trage zu dem Chaos bei, das die Region derzeit erlebe, erklärte Araud. Die EU sei zwar ein wichtiger Geber von Entwicklungshilfe, doch die EU-Länder seien uneins über das Vorgehen in der Sahelzone.
Dies führe zu einem europäischen „Versagen“, so Araud. Auch Deutschland und Italien, die ebenfalls militärische Kontingente in Niger hatten, müssten ihr Vorgehen neu bewerten.
Russland reitet auf der Welle
Hat Frankreich letztlich gegen Russland verloren, das vor allem über die private Wagner-Miliz in der Region Einfluss übt? „Russland surft nur auf der Welle“, erklärte Araud.
Das Weiße Haus hatte erklärt, es habe keine Hinweise darauf gefunden, dass Russland hinter dem Putsch steckt.
Der Einsatz von Wagner-Söldnern passe nicht in die große russische Strategie in Afrika, sagte er. Der Einsatz sei „rein opportunistisch“ und habe keine offensichtlichen wirtschaftlichen Interessen.
Die Sahelzone ist eine der ärmsten Regionen der Welt und verfüge über keine nennenswerten Ressourcen. Selbst Uran, das vom französischen Nuklearmogul Orano abgebaut wird, sei auf der ganzen Welt reichlich vorhanden, mit Reserven in Russland.
„Wir befinden uns nicht in einer Situation wie im Kalten Krieg“, betonte Araud. „Es gibt eine Konfrontation mit Russland, auch wenn es bei weitem nicht so mächtig ist wie die UdSSR.“
Das Aufeinandertreffen der Mächte in der Region verdeutliche vielmehr „eine archaische Auffassung davon, was Macht [in der Sahelzone] ausmacht“ – eine Dynamik, die sich dringend ändern müsse, wenn mehr Stabilität erreicht werden soll.