Deutschland wehrt sich gegen Lebensmittel-Kennzeichnung
Foodwatch hat Ministerin Klöckner dazu aufgerufen, ihren Widerstand gegen neue Lebensmittel-Etikettierungen aufzugeben.
Die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch hat Landwirtschafts- und Ernährungsministerin Julia Klöckner dazu aufgerufen, ihren Widerstand gegen neue Lebensmittel-Etikettierungen aufzugeben, die die Nährwerte von Produkten deutlicher zeigen würden. Nach dem Vereinigten Königreich und Frankreich hatte Belgien vergangene Woche angekündigt, die sogenannte Nutri-Score Etikettierung einzuführen.
„Zuerst Großbritannien, dann Frankreich, jetzt Belgien – immer mehr Länder in Europa führen Lebensmittelkennzeichnungssysteme ein,“ sagte Oliver Huizinga, Leiter Forschung und Kampagnen bei Foodwatch, am Freitag in Berlin.
Er kritisierte: „Aber Ministerin Klöckner weigert sich, eine solche Farbcodierung von Zucker, Salz & Co. einzuführen – und das, obwohl Ärzteverbände, Krankenkassen und Verbraucherorganisationen seit Jahren eine solche Farb-Lebensmittelkennzeichnung fordern.“
Der Foodwatch-Aktivist verwies auf Umfragen, aus denen hervorgehe, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland für eine solche Lebensmittelkennzeichnung sei.
Etikettierung „irreführend”?
Im März hatte Klöckner die Idee einer derartigen Lebensmittelkennzeichnung abgelehnt. Ihrer Ansicht nach bringe die „vereinfachte farbliche Kennzeichnung lediglich Verwirrung“.
Sie verwies dabei auf das Beispiel von frisch gepresstem Orangensaft, der Zucker enthalte und somit ein rotes Etikett bekommen müsste. „Und daneben steht dann eine Light-Limonade mit grünem Etikett. Ist das Naturprodukt wirklich ungesünder?“
Klöckner betonte, sie halte es für falsch, „einzelne Rohstoffe herauszupicken“ und sie dann zum Sündenbock für schlechte oder ungesunde Ernährung zu machen. „Was wir brauchen, ist eine Gesamtstrategie zur Kalorienreduzierung,“ argumentiert sie.
Laut dem Koalitionsvertrag wollen CDU/CSU und SPD das System der Nährwertkennzeichnung für verpackte und verarbeitete Lebensmittel in Deutschland weiterentwickeln. Dabei könnten die Inhaltsstoffe der Produkte „gegebenenfalls in vereinfachter Form“ visualisiert werden.
Bis zum Sommer 2019 soll gemeinsam mit Lebensmittel- und Verbraucherverbänden sowie kleineren Anbietern ein Modell dafür erarbeitet werden.
Gesündere Ernährung durch die Nährwert-Ampel?
Am Mittwoch vergangener Woche hatte die belgische Gesundheitsministerin Maggie de Block angekündigt, ihr Land werde das von Frankreich bereits im Jahr 2017 gestartete Nährwertkennzeichnungssystem Nutri-Score ebenfalls einführen.
Sie betonte jedoch, dass die Verwendung des Systems freiwillig bleiben werde. Die belgischen Lebensmittelhersteller und -händler seien nicht verpflichtet, das System anzuwenden.
Frankreich hatte Nutri-Score im November 2017 eingeführt. Mit dem System werden nun Lebensmittel (außer Lebensmittel mit nur einem Inhaltsstoff und Wasser) auf einer Skala von einem dunkelgrünen A (am besten) bis zu einem roten E (am schlechtesten) bewertet.
Die Initiative zielt darauf ab, den Verbrauchern verständlichere Informationen zur Verfügung zu stellen. Damit sollen beim Einkauf von Lebensmitteln die Nährwerte der Produkte ebenso berücksichtigt werden wie der Preis oder der Geschmack, erklärten die zuständigen Minister.
Nach Angaben der OECD können derartige Nährwerte-Ampeln die Aufnahme von Kalorien um rund vier Prozent mindern. 18 Prozent der Menschen half und motivierte die Ampel dazu, eine gesündere Lebensmittel-Option zu wählen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und ihr Europäischer Aktionsplan für Lebensmittel und Ernährung 2015-2020 rufen die EU-Länder dazu auf, Systeme zur Etikettierung von Verpackungen zu entwickeln und umzusetzen, die leicht verständlich sind und den Verbrauchern ein besseres Verständnis der Nährwertinformationen bieten. Diese Labels sollten auf der Vorderseite der Verpackungen angebracht seien, fordert die WHO.
Indem sie die Verbraucher zu gesünderen Ernährungsoptionen ermutigt und als Anreiz für die Lebensmittelindustrie dient, ihre Produkte neu zusammenzusetzen, könne die Kennzeichnung zur Verbesserung der Ernährungsqualität beitragen. Dies sei „angesichts der hohen Belastung durch ernährungsbedingte, nicht übertragbare Krankheiten und Fettleibigkeit in der gesamten Europäischen Region wichtig,“ so die Organisation.