Franzosen bewerten Erneuerbare zunehmend positiv
Frankreich, das lange Zeit als glühender Befürworter der Kernenergie galt, scheint nun auch die erneuerbaren Energien stärker zu unterstützen.
Frankreich, das lange Zeit als glühender Befürworter der Kernenergie galt, was oft auf Kosten des Erneuerbaren-Ausbaus ging, scheint nun auch die erneuerbaren Energien stärker zu unterstützen.
Dies geht aus einer neuen Umfrage hervor, welche der Regierung bei der Ausarbeitung eines neuen Gesetzes zur Beschleunigung von Energieinfrastrukturprojekten einen willkommenen Auftrieb gibt.
Die Umfrage, die Anfang des Monats vom französischen Zweig des Netzwerks More in Common, zeigt, dass Frankreich zwar immer noch die Kernkraft befürwortet, aber nicht mehr so zurückhaltend gegenüber erneuerbaren Energien ist wie in der Vergangenheit.
Auch wenn sie keine Mehrheit bilden, sind die „Positionen der ‚Anti-Erneuerbaren‘ einfach sehr sichtbar“, kommentierte Zélie Victor, Leiterin des Bereichs Energiewende des Verbands Climate Action Network (RAC) France.
Zurückhaltend gegenüber erneuerbaren Energien
Prominente Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie der Starjournalist Stéphane Bern, ein überzeugter Verfechter des französischen Kulturerbes, und Bernard Accoyer, ehemaliger Abgeordneter der konservativen Partei Les Républicains, sind beide glühende Befürworter der Kernenergie und Gegner der Windenergie.
Auch die Vereinigung für die Verteidigung des nuklearen Erbes und des Klimas, deren Präsident Accoyer ist, vertritt diese Ansicht. Ihr gehören prominente Persönlichkeiten wie die ehemaligen sozialdemokratischen Minister Jean-Pierre Chevènement und Arnaud Montebourg sowie Louis Gallois, ehemals Präsident der französischen Eisenbahngesellschaft SNCF, an.
Auch Brigitte Macron, die Ehefrau des französischen Präsidenten, ist laut einer von der Zeitung Le Monde veröffentlichten Recherche persönlich nicht sehr angetan von Windenergie.
Franzosen und Französinnen generell für erneuerbare Energien
Die viel bekannte französische Abneigung gegenüber erneuerbaren Energien sei jedoch „eine Wahrnehmung, die nicht unbedingt der Realität entspricht“, so Victor.
Laut einer Studie des Branchenverbands France Énergie Éolienne (FEE) vom Januar 2021 waren die Franzosen und Französinnen schon vor der aktuellen Energiekrise gegenüber erneuerbaren Energien aufgeschlossen.
Nun zeigt auch die August-Umfrage denselben Trend.
Demnach sind 62 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Regierung zu langsam in erneuerbare Energien investiert, während 54 Prozent sagen, dass dies der Schlüssel zur Überwindung der Krise wäre.
Es überrascht nicht, dass die Wähler:innen der Grünen den Ausbau der erneuerbaren Energien am stärksten befürworten (81 Prozent), dicht gefolgt von den Wähler:innen Macrons und den Anhänger:innen des Linksbündnisses NUPES von Jean-Luc Mélenchon (beide 61 Prozent).
Die rechtsgerichteten Wähler:innen stehen dem Ausbau der erneuerbaren Energien am ablehnendsten gegenüber und sind im Vergleich zu anderen stärker davon überzeugt, dass die Kernenergie die Lösung für die Krise ist.
Die Umfrage zeigt jedoch, dass niemand – auch nicht diejenigen, die erneuerbare Energien stark ablehnen – eine stärkere Ausrichtung auf Nachhaltigkeit ablehnt, wie More in Common feststellt.
Mehrheit hat eine „positive Meinung“ von Windenergie
Von den Befragten gaben 76 Prozent an, eine „positive Meinung“ von der Windenergie zu haben, in der Altersgruppe unter 35 Jahren sind es sogar 91 Prozent.
Sogar die Einwohner:innen, die im Umkreis von fünf Kilometern von Windparks leben, befürworten diese ausdrücklich: 85 Prozent unter ihnen gaben an, dass Windturbinen keine schlechte Sache seien.
Allerdings verzeichnete die Umfrage auch einen Rückgang von fünf Prozentpunkten bei denjenigen, die glauben, dass Windparks für den Zeitraum von 2018 bis 2020 eine „gute Sache“ waren. Tatsächlich glauben 44 Prozent der Befragten, dass Windturbinen das Landschaftsbild beeinträchtigen, während 30 Prozent der Meinung sind, dass sie regelrecht gefährlich sein können.
Einige Windkraftprojekte können in der Tat durch Planungsprobleme beeinträchtigt werden, räumte Victor ein und verwies dabei auf die fehlende Konsultation der Anwohner:innen, beispielsweise im Hinblick auf den Umgang mit Risiken für die biologische Vielfalt.
Dennoch stellt die Studie fest, dass lediglich eine kleine Minderheit von 6 Prozent angab, sie habe ein „sehr schlechtes“ Bild von der Windenergie.
Rückstand im Hinblick auf die Ziele
Die Umfrage ist eine gute Nachricht für die französische Regierung, die mit einem für September erwarteten neuen Gesetz den Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigen will.
Zusammen mit Polen ist Frankreich das einzige EU-Land, das sein nationales Ziel verfehlt hat, den Anteil der erneuerbaren Energien am Energiemix der EU bis 2020 auf 20 Prozent zu steigern.
Frankreich hatte sich ein nationales Ziel von 23 Prozent gesetzt, schaffte es aber nur, den Anteil der erneuerbaren Energien auf 19,1 Prozent seines Bruttoendenergieverbrauchs zu erhöhen.
Bis zum Ende des Jahrzehnts wird Frankreich zu einem neuen EU-weiten Ziel für erneuerbare Energien beitragen müssen. Bislang hat sich die EU-27 auf ein Ziel von 40 Prozent für 2030 geeinigt und liegt damit unter dem von der Europäischen Kommission vorgeschlagenen Ziel von 45 Prozent, das im Mai nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine vorgelegt wurde.
Es wird erwartet, dass die EU-Mitgliedstaaten, das Europäische Parlament und die Kommission noch vor Ende des Jahres eine endgültige Entscheidung über das Ziel für 2030 treffen werden.
Die Ergebnisse der Umfrage sind zwar vielversprechend für die erneuerbaren Energien, sollten aber mit Vorsicht interpretiert werden, meint Christian Simon, Lehrer und Forscher an der Universität Sorbonne.
Eine Umfrage könne nur im Lichte konkreter Projekte interpretiert werden, bemerkte Simon und empfahl der Regierung, die „finanziellen und materiellen Mittel für eine öffentliche Debatte“ bereitzustellen.
Simon kritisierte auch die „Vagheit“ des Energiegesetzes, das derzeit von der Regierung ausgearbeitet wird, und verwies auf den Vorschlag, öffentliche Debatten über Offshore-Windkraftanlagen entlang der Küsten und nicht über konkrete Projekte zu führen.
[Bearbeitet von Frédéric Simon, Daniel Eck und Zoran Radosavljevic]