Griechenland und Bulgarien führen Corona-Todesliste der EU an

Viele Regierungen sind dabei, ihre Corona-Auflagen zu lockern und erklären, das ein Ende in Sicht sei. In der Realität haben einige Staaten jedoch noch immer mit unverhältnismäßig hohen Sterblichkeitsraten zu kämpfen.

EURACTIV network
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Deutschland, dessen Bevölkerung zehnmal größer ist als die Griechenlands und Bulgariens, verzeichnete im Januar nur 2.256 Corona-bedingte Todesfälle. [<a href="https://www.shutterstock.com/de/image-photo/nurse-checking-dialysis-machine-intensive-care-1852324906" target="_blank" rel="noopener">[Shutterstock/Alexandros Michailidis]</a>]

Während die Ausbreitung der Omicron-Variante zu rekordverdächtigen Infektionsraten in ganz Europa geführt hat, lockern viele Regierungen ihre Corona-Auflagen und erklären, dass ein Ende in Sicht sei. In der Realität haben einige Staaten jedoch noch immer mit unverhältnismäßig hohen Sterblichkeitsraten zu kämpfen.

Die von unseren Partnern in ganz Europa gesammelten Daten zeigen, dass die schnell zugelassenen Corona-Impfstoffe kein Allheilmittel sind und einige Länder ihre Hausaufgaben machen müssen, wenn es um die Modernisierung der Gesundheitssysteme geht. Viele Analyst:innen in Brüssel sind der Meinung, dass der Wiederaufbaufonds der EU in dieser Hinsicht eine große Chance bietet.

In Athen und Sofia gab es im letzten Monat einen dramatischen Anstieg der Corona-bedingten Todesfälle im Vergleich zur Bevölkerungszahl.

Beide Länder meldeten jeweils mehr als 2.300 Corona-bedingte Todesfälle, während im übrigen Europa ein deutlicher Rückgang der Sterblichkeitsraten zu verzeichnen ist.

Deutschland, dessen Bevölkerung zehnmal größer ist als die Griechenlands und Bulgariens, verzeichnete im Januar nur 2.256 Corona-bedingte Todesfälle.

Im Falle Bulgariens führten EU-Quellen die hohe Sterblichkeitsrate auf den schlechten Impfschutz und die schlechte Infrastruktur des Gesundheitssystems zurück.

Offiziellen Zahlen des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) zufolge ist Bulgarien das EU-Land mit den schlechtesten Impfquoten: Nur 29,3 Prozent der Menschen sind vollständig geimpft und nur 9,1 Prozent haben eine dritte Dosis erhalten. Sofia hat eine maximale Kapazität von 1.200 Intensivstationen.

Im Nachbarland Rumänien hingegen wurden im Januar 1.273 Todesfälle gemeldet, und die Impfraten sind nicht wesentlich besser: Nur 42 Prozent der Bevölkerung sind geimpft worden, 8,2 Prozent haben eine dritte Dosis erhalten.

Im Falle Griechenlands, das zu den ersten Ländern gehörte, die Lockdowns verhängten, ist die Zahl der Todesfälle jedoch verwunderlich. 68,9 Prozent der Gesamtbevölkerung sind vollständig geimpft und 45,4 Prozent der Bürger:innen haben eine Booster-Impfung erhalten.

Was die Regierung sagt

Nach Angaben der Regierung ist die hohe Zahl der Todesfälle auf die alternde Bevölkerung zurückzuführen. „89 Prozent der Todesfälle betreffen Menschen, die über 60 Jahre alt waren und Vorerkrankungen hatten“, sagte die stellvertretende Gesundheitsministerin Mina Gaga.

Gaga betonte auch die Art und Weise, wie die Corona-Todesfälle im Vergleich zum übrigen Europa berechnet werden. „Aus welchem Grund auch immer eine Person ins Krankenhaus kommt, selbst bei einem Autounfall oder einem Herzinfarkt, wenn sie im Krankenhaus positiv getestet wird, zählen wir dies als Corona-Fall.“

Eine von EURACTIV kontaktierte Regierungsquelle erklärte, dass die Delta-Variante – die tödlicher ist – dem Gesundheitssystem einen schweren Schlag versetzt hat.

„Die Delta-Variante verharrt […] und das schafft eine Menge Probleme“, sagte eine Regierungsquelle. Menschen, die mit Delta infiziert sind, bleiben teilweise monatelang auf Intensivstationen, während es nur wenige Einweisungen mit Omicron gibt.

Dieselbe Quelle sagte voraus, dass das öffentliche Gesundheitssystem gegen Ende Februar mit einer geringeren Zahl von Todesfällen „aufatmen“ werde.

Mangel an Hausärzt:innen und geschultem Personal auf Intensivstationen

Nach Ansicht der Opposition haben mehrere Faktoren zu diesem Stillstand geführt. Einer davon ist der absolute Mangel an Hausärzt:innen in der präklinischen Versorgung.

„Im Zeitraum 2017-2019 konnten wir 127 lokale Gesundheitsstationen (mit Hausärzt:innen) einrichten, die in dieser Pandemie nicht genutzt wurden […] die Regierung hat nicht einmal ein telefonisches Medikamentenprotokoll für die Kranken eingerichtet, um ihren Gesundheitszustand und den Sauerstoffgehalt zu überwachen und sie zu drängen, bei Bedarf ins Krankenhaus zu gehen“, erklärte gegenüber EURACTIV Stamatis Vardaros, gesundheitspolitischer Berater des Syriza-Präsidenten Alexis Tsipras.

„Fast alle schweren Fälle kommen erst sehr spät ins Krankenhaus, und leider gehen Menschenleben verloren, weil sie nicht rechtzeitig und ausreichend versorgt werden“, sagte er.

Vardaros, der auch ehemaliger stellvertretender Generalsekretär des Gesundheitsministeriums ist, fügte hinzu, dass die Corona-Kliniken zu einem großen Teil mit nicht spezialisiertem ärztlichen Personal besetzt waren. „Wir hatten zum Beispiel Gastroenterologen in den Corona-Kliniken im Einsatz.“

In Bezug auf die Intensivstationen sagte er, die Qualität der Pflege und die Gesundheitsstandards seien dramatisch gesunken. Für eine Intensivstation werden vier Krankenpfleger:innen und ein:e Ärzt:in benötigt. In einer Nacht wurden die Betten verdoppelt, so dass nicht genügend Personal für die Intensivstationen vorhanden war.

Er verwies auch auf eine kürzlich durchgesickerte Studie der führenden Epidemiologen Sotiris Tsiodras und Theodoros Lytras. Sie hatten herausgefunden, dass von den 3.988 untersuchten Todesfällen 1.535 darauf „zurückzuführen“ waren, dass sie aufgrund der hohen Zahlen Corona-Patient:innen nicht auf einer Intensivstation behandelt wurden, obwohl es notwendig gewesen wäre.

Nicht zuletzt sagte er auch, dass der Privatsektor nicht in gleichem Maße an der Betreuung von Corona-Fällen beteiligt sei. „Der Privatsektor hat die schwierigen Fälle nicht übernommen und tut dies auch weiterhin nicht“, schloss er.

Westeuropa

Im vergangenen Monat meldete Deutschland 2.256 Fälle. Die Zahl der belegten Intensivstationen liegt bei 19.086, die der freien bei 2.988 und die der freien Corona-spezifischen Intensivstationen bei 1.276.

In Frankreich lag die durchschnittliche Zahl der täglichen Corona-bedingten Todesfälle im Januar bei 259, während es im vorherigen Monat noch 393 waren.

Im Jahr 2019 gab es 19.600 Betten in Intensivstationen. Es gibt jedoch keine Intensivstationen, die offiziell ausschließlich für Corona-Fälle vorgesehen sind. Analyst:innen in Paris gehen davon aus, dass die Zahl der Todesfälle zurückgehen wird, da der Höhepunkt der fünften Welle erreicht ist und 78 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft sind.

Im Vereinigten Königreich gab es im Januar 5.797 Corona-Todesfälle, während die durchschnittliche Zahl der Patient:innen auf Intensivstationen im selben Monat etwa 700 pro Tag betrug.

Die Niederlande meldeten 275-300 Todesfälle im Januar, Belgien 661.

Südeuropa

Spanien meldete im Januar 4.830 Todesfälle bei einer Bevölkerung von 47,5 Millionen, wobei die Sterblichkeitsrate bei 1,46 Prozent lag. Der Prozentsatz der Corona-Patient:innen auf den Intensivstationen lag zwischen 19 und 23 Prozent der Gesamtkapazität der Intensivstationen. Somit ist fast ein Viertel der Intensivstationen ausschließlich für Corona-bedingte Fälle vorgesehen.

Portugal registrierte 950 Corona-bedingte Todesfälle. Das Land verfügt über keine Intensivstation, die ausschließlich für Corona-Fälle zuständig ist. Krankenhausbetten, ob reguläre oder Intensivstationen, werden je nach Bedarf in Corona-Abteilungen umgewandelt.

Italien mit seinen 59 Millionen Einwohner:innen meldete 9.095 Todesfälle.

Balkan

Slowenien meldete im Januar 244 Todesfälle, im Februar nähern sich die Corona-bedingten Todesfälle im Durchschnitt zwanzig pro Tag. Wie in Portugal gibt es keine Intensivstationen speziell für Corona-Patient:innen. Je nach dem Stand der Pandemie werden zusätzliche Betten auf der Intensivstation freigegeben. Beim Höhepunkt der Pandemie, während früheren Infektionswellen, waren es rund 280, was bedeutet, dass praktisch alle Betten der Intensivstation mit Corona-Patient:innen belegt waren.

In Kroatien starben im Januar 1.254 Bürger:innen an COVID-19, durchschnittlich 35 pro Tag. Leider setzte sich dieser Trend auch im Februar fort: Allein in den ersten fünf Tagen starben 267 Menschen. Der Grund für die hohe Sterblichkeitsrate ist die geringe Zahl der Geimpften, insbesondere der über 60-Jährigen, und die Tatsache, dass viele Infizierte zu spät medizinische Hilfe suchen.

Kroatien verfügt über 795 Intensivstationen in Krankenhäusern, die in Corona-Intensivstationen umgewandelt wurden, jedoch nicht vollständig, um nicht mit Corona infizierte Notfallpatient:innen zu versorgen.

Im benachbarten Serbien gab es insgesamt 890 Corona-bedingte Todesfälle.

Visegrad

Die Slowakei meldete im Januar 1.185 Corona-bedingte Todesfälle. Das Land verfügt über 129 normale Intensivbetten, 364 Betten mit „Sauerstoff-Highflow-Technologie“ und 333 Betten für künstliche Beatmungen.

In der Tschechischen Republik wurden 894 Corona-bedingte Todesfälle registriert, durchschnittlich 28 pro Tag. Insgesamt gibt es in der Tschechischen Republik 4.481 Betten auf Intensivstationen. Es gibt keine Angaben über die Zahl der Intensivstationen, die ausschließlich für Corona-Fälle bestimmt sind. 3.583 Betten verfügen über die notwendige Ausrüstung für die Behandlung schwerer Corona-Fälle, mit HFNO und Beatmungsgeräten.

Skandinavien

Schweden meldete im Januar 775 Todesfälle, während 364 Patient:innen auf einer Intensivstation versorgt wurden.

Dänemark meldete im Januar 479 Todesfälle und 356 Patient:innen auf einer Intensivstation.

Betrachtet man die Daten aus ganz Europa, bezüglich der Sterblichkeit, der Impfquoten und der Kapazitäten der Krankenhäuser, zeigt sich, wie dringend eine Debatte über die Infrastruktur des Gesundheitswesens erforderlich ist.

Da die Regierungen auf eine Rückkehr zur Normalität drängen und man sich auf die Impfungen konzentriert, sollten Lehren gezogen und Vorbereitungen getroffen werden, bevor die nächste Pandemie in Europa ausbricht.

[Sarantis Michalopoulos, Krassen Nikolov, Eleonora Vasques, Clara Bauer-Babef, Aneta Zachová, Sebastijan R. Maček (STA), Barbara Zmušková, Pol Afonso Fortuny, Benjamin Fox, Oliver Noyan, Bogdan Neagu, Julija Simic, Maria de Deus Rodrigues (Lusa), Charles Szumski, Thomas Lehnen, Goranka Jureško (Jutarnji list)]