Ökostädte verhindern Katastrophen

Energieeffiziente Gebäude sind nicht genug, sagt Richard Register, Gründer von Ecocity Builders. Es brauche Ökostädte. Diese könnten die Folgen von Katastrophen verringern.

„Städte wandeln sich langsam“, sagt der urbane Ökologe Richard Register. „Aber wir brauchen ein Planungsinstrument für Ökostädte.“ Grafik: ecocity.
"Städte wandeln sich langsam", sagt der urbane Ökologe Richard Register. "Aber wir brauchen ein Planungsinstrument für Ökostädte." Grafik: ecocity.

Energieeffiziente Gebäude sind nicht genug, sagt Richard Register, Gründer von Ecocity Builders. Es brauche Ökostädte. Diese könnten die Folgen von Katastrophen verringern.

Zur Person


Richard Register
ist ein urbaner Ökologe, Stadtplaner und Autor. Er gründete 1992 Ecocity Builders. Die nichtgewinnorientierte Organisation in Kalifornien entwickelt Instrumente und Strategien, mit denen lebendige urbane Zentren gebaut werden können. Bereits 1975 hatte er er die Organisation Arcology Circle gegründet, 1980 Urban Ecology. Er ist Autor von "Ecocities, Rebuilding Cities in Balance with Nature" (2006) und anderen Büchern.

Das Interview führte Elana Caro für das EURACTIV.de-Partnerportal Nachhaltigkeit.org, auf dem das Interview zuerst erschien.
___________________

CARO: Sie haben nach dem Erdbeben in Japan geschrieben, dass ein intelligenter Städtebau die Folgen solcher Naturkatastrophen mildern könnten. Wie?

REGISTER: Eine Ökostadt ist kompakter und richtet sich an den Fussgängern aus. Sie kann mehr in den Schutz gegen Naturkatastrophen investieren, weil sie dichter besiedelt ist und sie viel weniger Geld für die Unterstützung der für die Autos bestimmten Infrastruktur ausgeben muss.

Um sich gegen Tsunamis und Hochwasser zu schützen, sollten Städte auf Hügeln gebaut werden – und wenn es künstliche Hügel wie in Galveston, Texas, sind, das nach einem Hurrikan 1900 wieder aufgebaut worden ist. Und wenn Städte kompakter sind, dann können Hochwasser um die Städte herumgehen statt durch sie hindurch.

CARO: Wie können solche Prinzipien in bereits bestehenden Städten angewandt werden?

REGISTER: Städte wandeln sich langsam. Aber wir brauchen ein Planungsinstrument für Ökostädte, das mit Zonencodes hilft, lebendige Zentren in der Stadt zu stärken. Dieses Planungssystem setzt auf die Fussgängertauglichkeit, sichert den Durchgang durch die Stadt und Fahrradwege, verbindet die Gebäude.

In Kalifornien, wo es oft brennt, ist es ein Teil der Lösung, Gebäude auf einem bestimmten Gelände zu konzentrieren und mit Mauern aus Wasser zu umgeben – Wasserpumpen, Bäche, Teiche -, vor allem auf der Seite, von der normalerweise der Wind kommt.

Ich war nach dem Hurrikan Katrina in New Orleans und habe vorgeschlagen, das Gelände zu erhöhen. Wir hätten die Chance, den Landverbrauch auf ein Achtel zu senken, indem man Hochhäuser für eine gemischte Nutzung errichtet. Aber niemand unterstützt einen solchen Wandel der Landnutzung. Jeder will nur, dass es wieder wird wie vorher, alle wollen an ihrem persönlichen Eigentum festhalten – auch wenn alles zerstört worden ist.

CARO: Haben die Menschen nicht auch Angst, ihr soziales Netz zu verlieren, wenn sie in Wohnblocks wohnen?

REGISTER: Es gibt kulturelle Faktoren, die man anschauen muss. Diese Ideen funktionieren an dem einen Ort, aber nicht an dem anderen. Aber es gibt viele Dinge, die getan werden können, wenn man mehr in das Konzept der Ökostadt investiert und weniger in die Infrastruktur, die für Autos gebraucht wird. So können öffentlich zugängliche Terrassen auf verschiedenen Ebenen der Hochhäuser geschaffen werden, mit Brücken zwischen verschiedenen Bereichen. Die Leute müssen auch nur auf die Strasse hinuntergehen und finden alles, was sie brauchen, in Fussgängerentfernung. In China lebt jeder in Wohnblocks. Die alten europäischen Stadtzentren funktionieren nach demselben Prinzip.

CARO: Das Prinzip der Ökostadt – kleinere und dichtere Städte mit geringem Energieverbrauch – könnte überall in der Welt angewandt werden, nicht nur in Gebieten, in denen es oft Naturkatastrophen gibt. Wie kann das Prinzip umgesetzt werden?

REGISTER: Es geht wieder darum, Zonen festzulegen und systematisch zu verstehen, wie grüne Städte funktionieren und blühen. In Vierteln, in denen mehr urbane Aktivität gewünscht ist, sollte in Höhe gebaut werden in einem Design, das Dichte und Verschiedenheit stärkt. Umgekehrt sollten baufällige Gebäude, die weit von den Zentren entfernt sind oder in der Nähe von Parks oder Bächen stehen, abgerissen statt renoviert werden. So kann allmählich der Landgebrauch geändert werden. Das verringert den Bedarf an Autos und dehnt die landwirtschaftlich genutzte oder die natürlich belassene Fläche in der Stadt und um sie herum aus.

Wir reden immer über grüne Technologien. Aber wir sollten den Städtebau als eine eigene Technologie oder sogar als eine Meta-Technologie verstehen. Bei Ökostädten geht es um eine gemeinsame Gestaltung wo die richtigen Dinge an ihren richtigen Platz gestellt werden müssen.

CARO: Es geschieht viel in Sachen städtischer Nachhaltigkeit: grüne Gebäudestandards, Energieeffizienz, erneuerbare Energien. Wie können diese Entwicklungen in Einklang mit der Vision von Ökostädten gebracht werden?

REGISTER: Das erste Leitmotiv muss die Gestaltung in drei Dimensionen sein. Das zweidimensionale Design entspricht der Ausbreitung in die Fläche. Das fördert die Benutzung des Autos, ist verschwenderisch und ineffizient. Das eindimensionale Design ist sogar noch schlimmer: die Entwicklung entlang von Strassen oder der Bau von hohen Hochhäusern wie dem Burj Khalifa in Dubai, der eigentlich nichts anderes ist als Werbung für diese Stadt.

Man muss sich auch immer bewusst sein, wo man die Dinge plazieren muss, um eine gute Idee davon zu haben, was grünes Design bedeutet. Ein dreidimensionales Design ist ein wohlorganisierter Komplex von Organen; jedes Organ ist wichtig, um den gesamten Organismus leben zu lassen: Räume für die Arbeit, Wohnräume, Räume für die Bildung und den Handel und das Geschäft, wo Leute miteinander Geschäfte machen und sich treffen können.

CARO: Wer muss auf dem Weg zu Ökostädten die Führung übernehmen: Regierungen, Basisorganisationen, internationale Organisationen?

REGISTER: Es wird ein allmählicher kultureller Wandel sein müssen. Denn überall übernehmen Leute die Führung, aber nicht genug an einem Ort.

Aber die physische Gestalt eines Ortes ist nicht alles. Wir können unsere Probleme nicht lösen, wenn wir uns nicht mit der Tatsache auseinandersetzen, dass unsere Ernährung eine Landwirtschaft braucht, die riesige Flächen beansprucht. Wir müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass unsere gegenwärtige Infrastruktur die landwirtschaftliche Fläche in die Wüste und die Berge hinauf verdrängt. Und wir müssen das Bevölkerungswachstum eindämmen, wenn wir ein angemessenes Leben führen wollen. Es hat auch mit der Verteilung über die Generationen hinweg zu tun: Wenn wir ständig nur kurzfristig investieren für uns und für unsere Familien, aber nicht langfristig für unseren Planeten, dann können wir nicht erwarten, dass andere Dinge des Lebens weiter leben werden.

CARO: Welche Städte sind für Sie vorbildlich?

REGISTER: Ich bin Mitglied des Beratergremiums für Changwon in Südkorea. Die Stadt besteht aus Hochhäusern mit 30 Etagen. Die ersten sechs oder sieben Etagen werden kommerziell genutzt werden, die übrigen für Wohnzwecke, mit Dachgärten, Brunnen, Skulpturen, Terrassen und Fussgängerbrücken zwischen den Gebäuden. Changwon hat bereits zwei Drittel der Eigenschaften, die wir für Ökostädte vorsehen. Aber es fehlt die natürliche Umgebung und das landwirtschaftlich genutzte Land.

Tianjin in China ist kompakt und fussgängerfreundlich. Aber die Gebäude sind langweilig. Ausserdem soll 80 Prozent des Strombedarfs von Kohle kommen, nur 20 Prozent von erneuerbaren Energien.

Ein anderes gutes Beispiel ist Masdar. Die Gebäude sind nur vier oder fünf Stock hoch, so dass es nicht die dreidimensionale Gestalt aufweisen, die wir im Sinn haben. Aber es hat eine gute Beschattung zwischen den Gebäuden und eine gemischte Nutzung. Das angedachte Transportsystem ist etwas merkwürdig: weder echter öffentlicher Verkehr noch Privatautos.

Ecocity Builders nimmt teil an einem Projekt, das international Ökostadtstandards schaffen will. Aber ich habe in 29 Ländern in aller Welt gesprochen und überall nach Orten gesucht, in denen alle Eigenschaften einer Ökostadt umgesetzt sind. Es gibt diesen Ort noch nicht.

Interview: Elana Caro

Mehr zum Thema:

Kopenhagen – erste kohlendioxidfreie Stadt der Welt?
(26. Januar 2011)

Die Städte und der Klimawandel (2. Dezember 2010)

"Städte müssen sich an den Bewohnern ausrichten" (22. Oktober 2010)

In nachhaltige Gebäude investieren (20. September 2010)

Städte sind für Menschen da (16. September 2010)