Polen und Ukraine streiten über Massaker im Zweiten Weltkrieg

Das Wolhynien-Massaker belastet weiter die polnisch-ukrainischen Beziehungen, nachdem die Ukraine erneut eine Exhumierung der Opfer abgelehnt hat. Die polnische Regierung knüpft ihre Forderungen nun an den EU-Beitritt Kyjiws.

EURACTIV.pl
Poland marks so-called National Day of Remembrance for the Victims of Genocide
Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba wurde bei einer Veranstaltung im Rahmen des Nationalen Gedenktags für die Opfer des Völkermords, den Polen seit 2016 begeht, gefragt, ob Kyjiw Exhumierungen der Opfer zulassen würde. [EPA-EFE/Art Service 2 ]

Das Wolhynien-Massaker belastet weiter die polnisch-ukrainischen Beziehungen, nachdem die Ukraine erneut eine Exhumierung der Opfer abgelehnt hat. Die polnische Regierung knüpft ihre Forderungen nun an den EU-Beitritt Kyjiws.

Die ethnischen Säuberungen in der heutigen Westukraine durch die aufständische ukrainische Armee (1943-1944) im Zweiten Weltkrieg hatte Zehntausende Polen das Leben gekostet. Nach wie vor ist das Massaker höchst umstritten, wobei Experten noch immer darüber streiten, ob es als Völkermord bezeichnet werden kann.

Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba war kürzlich bei einer Veranstaltung im Rahmen des Nationalen Gedenktags für die Opfer des nationalsozialistischen Völkermords, den Polen seit 2016 begeht, erneut gefragt worden, ob Kyjiw Exhumierungen der Opfer zulassen würde.

Zu der langjährigen Forderung Warschaus sagte er, dass historische Fragen wie das Wolhynien-Massaker den Historikern überlassen werden sollten. Der Fokus solle sich stattdessen auf den Aufbau einer gemeinsamen Zukunft richten.

In Polen stieß die Aussage des Ministers auf breite Kritik und wurde als respektlos gegenüber den polnischen historischen Wunden empfunden.

Außenminister Radosław Sikorski (KO, EVP) schloss sich am Dienstag den Kritikern an und riet der Ukraine, dafür zu sorgen, dass die Forderung nach Exhumierungen in Wolhynien erfüllt werde.

„Die Ukraine hat natürlich auch bestimmte Forderungen an uns. Aber es ist Polen, das über den Abschluss der nächsten Kapitel der ukrainischen Verhandlungen mit der Europäischen Union entscheiden wird“, sagte er dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender TVP Info.

„Daher ist es für die Ukraine besser, diese Angelegenheit so schnell wie möglich zu regeln.“

In einem Interview am Freitag (30. August) hatte sich auch Verteidigungsminister Władysław Kosiniak-Kamysz (Polnische Volkspartei, EVP) entsprechend geäußert. Die Ukraine, müsse die polnischen Opfer angemessen berücksichtigen und ihrer gedenken, damit die historischen Streitigkeiten mit Polen beigelegt werden können, so Kosiniak-Kamysz. 

Die Ukraine sollte darauf achten, die polnischen Forderungen in Bezug auf historische Verbrechen der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) zu erfüllen, sagte Kosiniak-Kamysz. Er fügte hinzu, dass die Zukunft Kyjiw in der EU von Warschau abhänge.

Er warnte die Ukraine, dass der Streit beigelegt werden müsse, damit die EU-Beitrittsgespräche fortgesetzt werden könnten. Dabei betonte er, dass Polen bereits viel getan habe, um die Ukraine inmitten des Krieges mit Russland zu unterstützen. Die Ukraine sollte daher die polnischen Bemühungen zu schätzen wissen, während sie weiterhin helfen werde.

Außerdem schloss er die von der Ukraine geforderte Entsendung zusätzlicher MiG-29-Kampfjets aus. Als Begründung nannte er, dass diese zum Schutz des polnischen Luftraums benötigt würden.

Polen gehört seit dem ersten Tag der russischen Invasion zu den treuesten Unterstützern der Ukraine. Dennoch tauchen immer wieder Probleme auf, die zu Verstimmungen zwischen den beiden Ländern führen.

Ein Problem, das noch nicht vollständig gelöst ist, ist der Zustrom ukrainischer Agrar- und Lebensmittelprodukte auf den polnischen Markt seit 2022. Dies ist auf die Solidaritätskorridore zurückzuführen, die von der EU zur Erleichterung ukrainischer Exporte eingerichtet wurden.

Dieser Zustrom hat die polnische Inlandsproduktion vor erhebliche Probleme gestellt und war der Hauptgrund für die Proteste von Landwirten zu Beginn dieses Jahres.

*Die Ortsangabe von Wolhynien wurde nach Veröffentlichung korrigiert

[Bearbeitet von Nick Alipour]