Putins Versuch, die UdSSR wiederherzustellen, bedroht Georgien
Putins Bestreben, die UdSSR wiederherzustellen, birgt die größten Risiken für Georgien, gefolgt von Armenien, Moldawien und Kasachstan sowie anderen zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken, schreibt Roman Rukomeda.
Putins Bestreben, die UdSSR wiederherzustellen, birgt die größten Risiken für Georgien, gefolgt von Armenien, Moldawien und Kasachstan sowie anderen zentralasiatischen ehemaligen Sowjetrepubliken, schreibt Roman Rukomeda.
Roman Rukomeda ist ein ukrainischer Politologe. Dies ist sein 64. Bericht über die russische Invasion in der Ukraine.
Der 194. Tag der russischen Aggression und des Krieges gegen die Ukraine geht zu Ende. Die russische Militäraggression gegen die Ukraine steht im Zusammenhang mit Putins Versuch, die neue Sowjetunion im Einklang mit der Symbolik der Jahreszahlen wiederherzustellen.
Im Dezember 2022 werden es 100 Jahre seit der Gründung der Sowjetunion sein. Putin versucht, das neue sowjetische/russische Imperium durch die Annexion und Eroberung von Teilen des ehemaligen Sowjetimperiums, in dessen Zentrum die Ukraine stand, neu zu erfinden. Außerdem wird Putin am 7. Oktober 2022 seinen 70. Geburtstag feiern.
Dieses Jahr ist für ihn ein besonderes Jahr, und er beabsichtigt, diese Jubiläen mit einigen bedeutenden Ereignissen abzuschließen. Putin ist davon besessen, den direkten russischen Einfluss auf die ehemaligen Sowjetrepubliken wiederherzustellen. Putins Obsession konzentriert sich ausschließlich auf die Vergangenheit, ohne eine Vision für die Zukunft zu verfolgen.
Wie bereits mehrfach erwähnt, wird Russland seine Aggression und seinen Blutdurst nicht aufgeben. Aber Putins Russland kann durch eine militärische Niederlage unter Kontrolle gebracht werden. Die größten Sorgen bereiten jetzt Georgien, Armenien, Moldawien und Kasachstan sowie andere ehemalige Sowjetrepubliken. Neben der Aggression gegen die Ukraine besteht die größte Gefahr derzeit wohl für Georgien, das nicht über die militärische Stärke verfügt, um eine Invasion abzuwehren.
Außerdem verlaufen zwei wichtige Pipelines (Öl und Gas), die aserbaidschanische Kohlenwasserstoffe in die Türkei (und weiter nach Europa) liefern, teilweise durch georgisches Territorium. Die Durchtrennung dieser Pipelines ist für Russland, das eine vollständige Öl- und Gasblockade Europas anstrebt, äußerst wichtig. Georgien kann zum Einfallstor für eine weitere mögliche russische Besetzung von Armenien werden. Ferner ist die Republik Moldau durch die russische Militärbasis in Transnistrien bedroht, auf der etwa 5000 Soldat:innen stationiert sind.
Seit dem Beginn der sogenannten „ukrainischen Offensive“, wie sie in den Medien bezeichnet wird, ist eine Woche vergangen. Nach Angaben der ukrainischen Streitkräfte begann die Offensive im Süden der Ukraine zu Beginn des Sommers. Es handelte sich jedoch eher um Angriffe mit Langstreckenraketen auf russische Logistikzentren (Lagerhäusern, Militärstützpunkten, Kommandozentralen, Eisenbahnknotenpunkten und dergleichen).
Der Beginn der massiven ukrainischen Angriffe auf die Brücken über den Fluss Dnipro (um eine russische Militärgruppe in Cherson mit etwa 15.000-20.000 Soldat:innen abzuschneiden) und auf der Krim ist ebenfalls ein Teil der Offensive. Doch in Wirklichkeit handelt es sich, wie die meisten Kriegsexpert:innen bestätigen, eher um die Vorbereitung einer echten Offensive als um eine Offensive selbst.
Die ukrainische Armee schwächt die russischen Offensiv- und Defensivkapazitäten im Süden, Osten und sogar im Nordosten (Region Charkiw) ernsthaft, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich die russischen Angreifer entweder selbst zurückziehen oder aufgrund des Mangels an Munition und anderen Versorgungsgütern umzingelt und gefangen genommen werden.
Bislang zeigen die russischen Aggressoren jedoch keinerlei Rückzugsabsichten. Sie versuchen sogar, die Region Donezk anzugreifen, um die sogenannte „vollständige Befreiung des Donbass“ fortzusetzen. In den nächsten ein bis zwei Monaten wird die russische Armee allerdings auf Verteidigung umstellen müssen. Außerdem werden die ständigen Angriffe auf die russische Logistik sie dazu zwingen, einen Teil der eroberten ukrainischen Gebiete im Osten und Süden zu verlassen.
Leider bleibt die Lage im eroberten Kernkraftwerk Saporischschja kompliziert. Russische Terroristen beschießen weiterhin das Kraftwerk und die nahe gelegene Infrastruktur. Viele Stromleitungen des Kraftwerks sind beschädigt, und die Kernreaktoren können die erzeugte Energie nicht in das ukrainische Stromnetz einspeisen.
Außerdem setzt Russland das ukrainische Personal, das das Kraftwerk betreibt, weiterhin unter Druck und greift in einigen Fällen auch zu Folter. Die Mission der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) hat das Kraftwerk bereits bis auf zwei Delegationsmitglieder verlassen – wird dies russische Terroristen davon abhalten, gewaltsam gegen das Kraftwerk vorzugehen?
Die Vereinten Nationen, die EU und die NATO sollten mehr Anstrengungen unternehmen, um die Lage des Kernkraftwerks zu sichern und das Risiko einer neuen Nuklearkatastrophe auszuschließen.
In den eroberten ukrainischen Gebieten gibt es eine wachsende Widerstandsbewegung. Im besetzten Süden und Osten der Ukraine finden sich fast keine Freiwilligen, die einen russischen Pass beantragen. Die wenigen, die es wagen, sich einen russischen Pass zu besorgen, erhalten sofort die Aufforderung, sich der russischen Armee anzuschließen und gegen die Ukraine zu kämpfen.
Weiterhin verüben russische Aggressoren in den eroberten Regionen Cherson und Saporischschja alle möglichen Gräueltaten, wie jene, die in Bucha begangen wurden. Die meisten dieser Verbrechen werden vorsätzlich begangen, um die örtliche ukrainische Bevölkerung einzuschüchtern, die mehrheitlich dem ukrainischen Staat gegenüber loyal bleibt. Vor allem die Befreiung ukrainischer Gebiete im Süden und Osten des Landes gibt den Menschen Hoffnung und Optimismus. Mit jedem Tag kommt die Ukraine einem endgültigen Sieg näher.