EU-Krebsplan benötigt bessere Daten zu Ungleichheiten
Die Ziele des EU-Krebsbekämpfungsplans werden unerreichbar sein, wenn nicht vorrangig die notwendigen Daten gesammelt werden, um ein genaueres Bild der Ungleichheiten in der Krebsversorgung zu erhalten, so ein Gesundheitsökonom.
Um die Ziele ihres Krebsbekämpfungsplans zu erreichen, müsse die EU dringend die nötigen Daten für ein genaueres Bild über die europaweiten Ungleichheiten in der Krebsvorsorge sammeln, sagt der Gesundheitsökonom Thomas Hofmarcher im Interview.
Thomas Hofmarcher ist Gesundheitsökonom am Schwedischen Institut für Gesundheitsökonomie (IHE).
Seit Beginn der Amtszeit von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen schreibt die EU-Exekutive Maßnahmen zur Krebsbekämpfung eine hohe Priorität zu.
So schlug kürzlich die Kommission im Rahmen des Europäischen Plans zur Krebsbekämpfung eine Überarbeitung der Empfehlung des Rates zur Krebsfrüherkennung aus dem Jahr 2003 vor.
Ein wichtiger Teil des Plans ist es, auch Ungleichheiten bei der Krebserkennung und -behandlung anzugehen.
Für Hofmarcher fehlt es jedoch an ausreichenden Daten, um die wahren Lücken beim Zugang zur entsprechenden Gesundheitsversorgung zu erkennen.
„Wir brauchen einen genauen Überblick und müssen auch die Entwicklung im Laufe der Zeit verfolgen“, sagte Hofmarcher gegenüber EURACTIV.
„Wir wollen in der Lage sein, die Dinge im Laufe der Zeit zu verfolgen. Deshalb ist es wichtig, jetzt in die Datenerhebung zu investieren und dieses Vorhaben jedes Jahr zu wiederholen“, sagte er.
Aus Sicht Hofmarchers ist die Sammlung aufschlussreicher Daten zu Ungleichheiten in diesem Bereich so wichtig, dass es ansonsten „nicht möglich“ sei, die Ziele des Krebsplans richtig umzusetzen.
Ein im Plan postuliertes Ziel ist, dass 90 Prozent aller Menschen, die in die Zielgruppe für die Früherkennung von Brust-, Gebärmutterhals- und Darmkrebs fallen, diese auch tatsächlich in Anspruch nehmen.
Doch derzeit gebe es keine Möglichkeit, diesen Anteil zu messen, warnte Hofmarcher.
„Ich denke, wenn wir konkrete Indikatoren definieren, können wir das nur unter der Voraussetzung tun, dass wir wissen, dass wir die entsprechenden Daten zur Messung haben. Ansonsten macht es keinen Sinn“, sagte er.
Es gab bereits Versuche, Ungleichheiten zu kartieren, wie zum Beispiel das „European Cancer Inequalities Registry“ der EU-Kommission, doch laut Hofmarcher bleiben immer noch viele Lücken in der Datenerfassung zu schließen.
Ein Instrument, das sich aus Sicht des Experten als nützlich erweisen könnte, ist der sogenannte European Cancer Pulse, der von der European Cancer Organisation im November eingeführt werden soll.
Auch wenn die Organisation sagt, dass sie „eine Reihe zusätzlicher Ungleichheiten bei Krebs“ aufzeigen wird, um das Register der Kommission zu ergänzen, sind wir noch weit davon entfernt, ein vollständiges Bild zu erhalten.
Ein weiterer möglicher Beitrag ist der Europäische Gesundheitsdatenraum (EHDS). Hier liegt allerdings erst der Kommissionsvorschlag vor, wie der entsprechende Rechtsrahmen am Ende aussehen und wie hilfreich er für die Sammlung der benötigten Daten sein wird, ist bisher offen.
Wenn Krebs wie Corona wäre
Eine Herausforderung bei der Datenerfassung sei das Fehlen einer gemeinsamen Quelle für Daten zu den verschiedenen Dimensionen von Krebs: Prävention, Früherkennung, Behandlung und Überleben.
„Man muss sich wirklich verschiedene Teile aus verschiedenen Quellen zusammensuchen“, sagte Hofmarcher und nannte Quellen wie Eurostat, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) oder die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).
Während der Corona-Pandemie wurde deutlich, dass die Staaten bei entsprechender Prioritätensetzung plötzlich eine große Menge an Daten sammeln können.
Laut einer Mitteilung der Kommission sind im Jahr 2020 1,3 Millionen EU-Bürger:innen an Krebs gestorben – dreimal so viele wie diejenigen, die im selben Jahr an COVID-19 starben.
„Bei Corona wussten wir anfangs nicht, was passieren würde, und wir wollten nur sicherstellen, dass wir die Diagnosen, die Todesfälle und später auch die Impfraten verfolgen. Alle unsere Gesellschaften waren auf Corona fokussiert, nicht nur die Politiker:innen – alle standen geschlossen hinter dem Kampf gegen Corona“, sagte Hofmarcher.
Bei anderen weit verbreiteten Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die seit jeher ein Problem seien, sei dies jedoch nicht geschehen, so der Experte. „Aufgrund dieser Krise konnten wir es also mit Corona schaffen. Aber wir sollten damit beginnen, dies auch für andere Krankheiten zu tun“.
[Bearbeitet von Gerardo Fortuna/Zoran Radosavljevic]