"Für manche Wähler ist Timoschenko eine informelle Anführerin"

Interview mit Jewgeni KopatkoEnde Oktober finden in der Ukraine Parlamentswahlen statt. Im Interview mit EURACTIV.de erklärt der ukrainische Soziologe Jewgeni Kopatko, wer die tonangebenden Akteure in der ukrainischen Politik sind, was er von den Kandidaturen des Boxweltmeisters Vitali Klitschko und des Fußballstars Andrej Schewtschenko hält und ob die Opposition mit einer Alternative zu Viktor Janukowitsch aufwarten kann.

Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch. Foto: dpa
Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch. Foto: dpa

Interview mit Jewgeni KopatkoEnde Oktober finden in der Ukraine Parlamentswahlen statt. Im Interview mit EURACTIV.de erklärt der ukrainische Soziologe Jewgeni Kopatko, wer die tonangebenden Akteure in der ukrainischen Politik sind, was er von den Kandidaturen des Boxweltmeisters Vitali Klitschko und des Fußballstars Andrej Schewtschenko hält und ob die Opposition mit einer Alternative zu Viktor Janukowitsch aufwarten kann.

EURACTIV.de: Die inhaftierte Julia Timoschenko ist vom wichtigsten Oppositionsbündnis zur Spitzenkandidatin ernannt worden. Es handelt sich allerdings eher um einen symbolischen Schritt, denn Inhaftierte dürfen nicht zu Wahlen antreten. Kann die Opposition mit einer echten Alternative zu Präsident Viktor Janukowitsch aufwarten?

KOPATKO: Derzeit ist formal die Nummer eins in der Liste der Opposition Arseni Jazenjuk. Wir können sagen, dass Julia Timoschenko eine informelle Anführerin für manche Wähler ist. Tatsache ist, dass die Opposition die Chance auf ein gutes Ergebnis bei den Wahlen hat, wenn es Einheit und keinen inneren Konflikt geben würde.

EURACTIV.de: Hat Janukowitsch das umstrittene Sprachengesetz zur Verwendung der russischen Sprache durchgepeitscht, um seine russischsprachige Basis in der Ostukraine zu mobilisieren?

KOPATKO: Die Verabschiedung des Gesetzes "Über die staatliche Sprachenpolitik" ist eine Forderung eines erheblichen Teils der Bürger, die ihren Wohnsitz in der Ukraine haben. Mindestens die Hälfte der ukrainischen Bürger sprechen sich dafür aus, dass der Status der russischen Sprache gesetzlich verankert wird.

EURACTIV.de: Umfragen zufolge liegen die "Partei der Regionen" von Janukowitsch und die vereinigte Opposition in der Wählergunst nahezu gleich auf. Wie ist Ihre Prognose zum Wahlausgang?

KOPATKO: Das Gleichgewicht der Kräfte im Parlament wird vom Ergebnis der Wahlen abhängen. Ich glaube, dass es in der Gesellschaft ein ernsthaftes Verlangen danach gibt, sicherzustellen, dass die verschiedenen politischen Kräfte miteinander kooperieren und nicht mit einem ständigen Kampf weitermachen.

EURACTIV.de: Was ist von dem Trend zu halten, dass Prominente eine größere Rolle in der Politik spielen angesichts der Kandidaturen des Boxweltmeisters Vitali Klitschko und des Fußballstars Andrej Schewtschenko?

KOPATKO: Nicht nur in der Politik der Ukraine spielen Repräsentanten aus Sport, Kultur und Wissenschaft gelegentlich eine große Rolle. Erinnern wir uns zum Beispiel an Ronald Reagan, Vaclav Havel und andere Repräsentanten, die entscheidend wurden. Die Frage ist, wie sie ihre sportlichen Leistungen in politischen Erfolg umwandeln können. Dies hängt hauptsächlich von ihnen selbst ab und davon, wie sie auf der neuen politischen Plattform agieren.

EURACTIV.de: Wer sind die tonangebenden Akteure in der ukrainischen Politik?

KOPATKO: Wenn wir im Kontext der Wahlen sprechen, gibt es vier bis fünf politische Projekte mit Vertretern, die um Sitze im Parlament kämpfen. Das sind sicherlich die regierende Partei, die vereinigte Opposition, Klitschkos UDAR-Partei, die Kommunistische Partei. Natalja Koroljowskaja und ihre Partei haben gewisse Chancen, es ins Parlament zu schaffen. Ich glaube, dass die Politiker, die von einem Großteil der Wählerschaft unterstützt werden, die politische Situation beeinflussen können und das in anderer Forn derzeit irgendwie auch schon tun. Das ist die eine Sache, wenn wir uns die politischen Kampagnen zur Wahl ansehen.

Auf der anderen Seite spielt die derzeitige Konfiguration der Behörden eine große Rolle bei der Situation des Landes. Es wurde eine vertikale Linie zu der Frage gebildet, was eine positive Rolle im Innenleben des Landes spielen kann und sollte, um interne politische Konflikte zu vermeiden, die die wirtschaftliche und politische Situation destabilisieren können.

Das wichtigste ist meiner Meinung nach, dass Politiker verschiedener Vektoren einen Kompromiss finden und erkennen müssen, dass die innerstaatliche politische Elite Probleme selbst lösen sollte.

EURACTIV.de: Haben die ukrainischen Eliten das Interesse an der EU verloren?

KOPATKO: Die ukrainischen Eliten haben nicht das Interesse an einer Annäherung an die EU verloren. In den letzten zweieinhalb Jahren haben die derzeitigen Behörden mehr Schritte dazu unternommen als die vorherigen in fünf Jahren.

EURACTIV.de