Malta: Antibiotika-Resistenzen können nur global angegangen werden
In Kombination mit einem globalen Ansatz werden länderübergreifende Zusammenarbeit und Maßnahmen entscheidend sein, um das Problem der antimikrobiellen Resistenz (AMR) zu lösen, so der maltesische Gesundheitsminister und stellvertretende Premierminister Christopher Fearne in einem Exklusivinterview mit Euractiv.
Antibiotika Resistenzen werden immer mehr zu einem Problem. Die internationale Gemeinschaft müsse sich der Sache deshalb gemeinsam annehmen, sagte der maltesische Gesundheitsminister Christopher Fearne im Interview mit EURACTIV.
Antibiotikaresistenzen wird oft als eine ‚stille Pandemie‘ bezeichnet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) führen solche Resistenzen jährlich zu rund 4,9 Millionen Todesfällen weltweit.
Das Phänomen wird durch den Missbrauch und die Überbeanspruchung von Antibiotika verursacht. Dies führt dazu, dass einige Mikroorganismen, sogenannte Superbugs, eine antimikrobielle Resistenz entwickeln, wodurch die Wirksamkeit von Arzneimitteln abnimmt und Infektionen hartnäckiger werden.
Auf dem Europäischen Gesundheitsforum (27. September) forderte Fearne die Teilnehmer auf, die antimikrobielle Resistenz (AMR) nicht nur auf EU-Ebene zu bekämpfen.
„Wenn dieses Problem nur auf europäischer Ebene betrachtet wird, wird es nicht gelöst werden,“ sagte er. Er fügte hinzu, dass Mikroorganismen, wie bei jeder anderen Pandemie auch, keine Grenzen kennen, wie COVID-19 gezeigt habe.
Fearne zufolge dürfen Antibiotikaresistenzen nicht nur als europäisches Problem betrachtet werden, sondern muss umfassender angegangen werden.
Die Vollversammlung der UN wird im kommenden Jahr das Thema erstmals ausgiebig diskutieren – laut Fearne ein Meilenstein.
„Das ist eine Chance, die wir nicht verspielen dürfen“, betonte der Minister.
Hauptziel wird es sein, klare globale Ziele im Kampf gegen Antibiotikaresistenzen festzulegen. Fearne räumte ein, dass frühere UN-Gesundheitstreffen – wie das diesjährige zum Thema Tuberkulose – aufgrund „zu vager“ politischer Erklärungen gescheitert sein könnten.
Er nannte auch zwei wichtige Ansatzpunkte: Finanzierung und Überwachung der Umsetzung.
„Wir müssen sicherstellen, dass es einen Finanzierungsmechanismus gibt, sei es ein globaler Fonds, ein regionaler Fonds oder die Unterstützung der Regierungen bei der Beschaffung von Mitteln für ihre eigenen Aktionspläne“, erklärte er.
Fearne wies auf die Bedeutung nationaler Aktionspläne hin, die sich aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse und Gegebenheiten von Land zu Land unterscheiden werden.
Bedarf an Forschung und Entwicklung
Da resistente Keime nicht auf vorhandene Antibiotika ansprechen, ist die Entwicklung neuer Antibiotika für die Bekämpfung dieser unerlässlich.
Laut dem Fortschrittsbericht der WHO gibt es jedoch keinen tragfähigen Markt für neue Antibiotika, da die Investitionsrendite die Kosten für die Entwicklung, Herstellung und den Vertrieb nicht deckt.
Die WHO erklärte 2022, dass seit 2017 nur zwölf Antibiotika zugelassen wurden. Zehn von diesen Antibiotika wirken allerdings nicht gegen resistente Keime.
Fearne nannte dies ein „Problem.“
„Uns gehen die Antibiotika schneller aus, als wir neue Antibiotika auf den Markt bringen“, sagte er.
Fearne fügte hinzu, dass die Situation in fünf oder zehn Jahren nicht vielversprechend sei. „Es muss etwas geschehen, um Anreize zu schaffen und das Marktversagen zu beheben.“
Der von der Europäischen Kommission vorgelegte Vorschlag für ein neues Arzneimittelgesetz will dieses Problem mit einem neuen Anreizsystem angehen. Er zielt auch auf die Ungleichheiten zwischen den Ländern in den Zugang zu Arzneimitteln, Forschung und Innovation bei neuen Antibiotika ab.
Fearne wies darauf hin, dass die pharmazeutische Industrie derzeit nicht verpflichtet sei, ihre Produkte in allen Mitgliedstaaten anzubieten, was seiner Meinung nach „keinen Sinn macht, wenn wir von Solidarität zwischen den Ländern sprechen.“
„Die Bürger der Europäischen Union sollten, wo auch immer sie sich befinden, Zugang zu den besten Medikamenten haben, wenn sie krank sind“, fügte er hinzu.
Die Kommission schlägt Anreize für Unternehmen vor, die ihre Produkte in allen 27 Mitgliedsstaaten anbieten. Damit soll die Versorgung mit innovativen Antibiotika in der gesamten Europäischen Union sichergestellt werden. Dies sei derzeit in vielen kleinen Ländern wie Malta nicht der Fall, erklärt Fearne.
Während die neuen pharmazeutischen Vorschriften den Zugang zu Antibiotika in allen Mitgliedstaaten garantieren sollen, schlägt Fearne jedoch auch vor, einen Blick über Europa hinauszuwerfen und die Anreize mit einer globalen Vision zu verknüpfen. So soll die Versorgung mit bereits etablierten Antibiotika in Ländern sichergestellt werden, in denen die Versorgung noch gefährdet ist.
In der Zwischenzeit
Da die Gespräche über das Arzneimittelgesetz wahrscheinlich nicht vor Ablauf des derzeitigen Mandats der Kommission abgeschlossen werden können und die UN-Generalversammlung erst im September 2024 stattfinden wird, sind kurzfristige Lösungen erforderlich.
Einem von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichten Bericht zufolge bringt jeder US-Dollar, der im Gesundheits- und Lebensmittelsektor in die Bekämpfung der antimikrobiellen Resistenz investiert wird, einen fünfmal höheren Nutzen.
„Es ist wirtschaftlich gesehen fünfmal teurer, nichts zu tun, als etwas zu tun“, verdeutlichte Fearne in Bezug auf den Bericht.
Er betonte auch die Notwendigkeit, mit den Gesundheitsbehörden zusammenzuarbeiten und sektorübergreifende Maßnahmen zu ergreifen. Die aus der COVID-19-Pandemie gezogenen Lehren seien ein Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen allen Regierungszweigen und Behörden.
Fearne fügte hinzu, dass sich das Klima, die Landwirtschaft und sogar die Planung unserer Städte auf die Gesundheit auswirken.
Die Öffentlichkeit und die Gesetzgebungsinstanzen außerhalb des Gesundheitswesens seien sich des Ausmaßes von Antibiotika-Resistenzen jedoch immer noch nicht ausreichend bewusst, sagte er.
[Bearbeitet von Giedrė Peseckytė/Alice Taylor]