Affäre DSK: Euro-Entscheidungen ohne Strauss-Kahn

Frankreich steht Kopf: IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wurde wegen des Vorwurfs eines "kriminellen sexuellen Akts" und der "versuchten Vergewaltigung" eines Zimmermädchens in den USA festgenommen. Kann das wahr sein oder ist es ein Komplott der politischen Gegner? Die Euro-Finanzminister entscheiden heute ohne Strauss-Kahn über das Milliardenpaket für Portugal. Der IWF-Stuhl bleibt aber nicht leer.

IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn (2. v. r.) wird am Sonntag aus einer New Yorker Polizeistation geführt. Er war am Samstag in einem Flugzeug Richtung Paris festgenommen worden, weil er zuvor ein Zimmermädchen sexuell attackiert haben soll. Foto: dpa
IWF-Direktor Dominique Strauss-Kahn (2. v. r.) wird am Sonntag aus einer New Yorker Polizeistation geführt. Er war am Samstag in einem Flugzeug Richtung Paris festgenommen worden, weil er zuvor ein Zimmermädchen sexuell attackiert haben soll. Foto: dpa

Frankreich steht Kopf: IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn wurde wegen des Vorwurfs eines „kriminellen sexuellen Akts“ und der „versuchten Vergewaltigung“ eines Zimmermädchens in den USA festgenommen. Kann das wahr sein oder ist es ein Komplott der politischen Gegner? Die Euro-Finanzminister entscheiden heute ohne Strauss-Kahn über das Milliardenpaket für Portugal. Der IWF-Stuhl bleibt aber nicht leer.

Die vermeintliche Sex-Affäre um Dominique Strauss-Kahn hat sofort zu wilden Spekulationen geführt. Es klingt fast zu bizarr um wahr zu sein, dass der Chef des mächtigen Internationalen Währungsfonds (IWF) splitternackt aus der Dusche kommt und ein Zimmermädchen sexuell bedrängt. Der Vorwurf eines "kriminellen sexuellen Akts" und der "versuchten Vergewaltigung" werden in der New York Times ausführlich beschrieben.

Bis zu diesem Moment galt Dominique Strauss-Kahn, in Frankreich einfach DSK genannt, als der inoffizielle aber aussichtsreichste Kandidat der Sozialisten für die Präsidentschaftswahlen 2012.

Geradezu filmreif wird Strauss-Kahn am Samstag auf dem John F. Kennedy International Airport in New York festgenommen. Er saß bereits in einer Air France-Maschine Richtung Paris. Am Sonntag sollte er sich mit Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen – der Termin wird abgesagt, am Montag wurde er beim Treffen der Euro-Finanzminister erwartet. Dort werden die Euro-Finanzminister heute über die Krise in Griechenland und das milliardenschwere Rettungspaket für das ebenfalls hoch verschuldete Portugal beraten. Der Stuhl des IWF-Chefs bleibt aber nicht leer.

IWF in der Euro-Krise

Immerhin trägt der Währungsfonds ein Drittel der internationalen Milliarden-Hilfen für Portugal und Griechenland. Außerdem hat der IWF jahrelange Erfahrungen im Umgang mit hochverschuldeten Staaten, mit konditionierten Finanzhilfen und mit Umschuldungsprogrammen. Diese Expertise und die IWF-Kredite sind nun auch in Europa sehr gefragt.

Auf dem Stuhl des IWF-Direktors wird die stellvertretende geschäftsführende Direktorin Nemat Shafik Platz nehmen. Strauss-Kahns erster Stellvertreter, John Lipsky, soll derweil übergangsweise den IWF leiten. Der IWF bestätigte bisher lediglich die Festnahme Strauss-Kahns und erklärte, dass der IWF weiterhin handlungsfähig sei.

Strauss-Kahn vor Gericht

Strauss-Kahn soll noch am Montag vor Gericht erscheinen. Ursprünglich war die Anhörung bereits für Sonntag geplant. Ein Polizeisprecher sagte, dass Ermittler um mehr Zeit gebeten hätten, um den Körper des 62-jährigen auf Kratzer oder andere Spuren von Gewalt untersuchen zu können. Laut seinem Verteidiger William Tayler hatte Strauss-Kahn der gerichtsmedizinischen Untersuchung zugestimmt.

Auf die Frage, wie es Strauss-Kahn nach der Nacht in einer Zelle in einer Harlemer Polizeistation gehe, sagte er, sein Mandant sei müde, aber es gehe ihm gut. Vor der Untersuchung war Strauss-Kahn erstmals in der Öffentlichkeit zu sehen. Mit versteinertem Gesicht und in Handschellen schenkte er den zahllosen, wartenden Reportern und Kamerateams keine Beachtung, bevor er von zwei Beamten begleitet in ein Auto stieg.

Strauss-Kahn war am Samstag in New York wenige Minuten vor seinem Abflug nach Europa festgenommen worden. Ihm wird sexuelle Nötigung, versuchte Vergewaltigung und Freiheitsberaubung einer Hotelangestellten zur Last gelegt. Die 32-Jährige hat Strauss-Kahn nach Angaben eines Polizeisprechers inzwischen bei einer Gegenüberstellung identifiziert. Der IWF-Chef will nach Angaben seiner Anwälte auf nicht schuldig plädieren.

Reaktionen in Frankreich

Während die DSK-Affäre weltweit für Schlagzeilen sorgt, herrscht in Frankreich eine mediale Ausnahmesituation. Während die Sozialisten-freundlichen Zeitungen wie Liberation oder Le Monde den Reaktionen der Sozialisten im Minutentakt folgen, möglichen Komplott-Gerüchten nachgehen und die Konsequenzen für die Präsidentschaftswahlen 2012 analysieren, konzentriert sich die konservative Zeitung Le Figaro zudem auf alte und neue Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung.

Nach der ersten Medienwelle rief ein Sprecher der Regierung von François Fillon (UMP) zur Zurückhaltung und zum Respekt der Unschuldsvermutung auf. Die Parteichefin der Sozialisten, Martine Aubry, sprach von einer Nachricht, die wie ein Blitz eingeschlagen sei. Francois Bayrou, ein politischer Zentrums-Rivale Strauss-Kahns, sagte: "Das ist alles so völlig verblüffend, verstörend und erschreckend. Falls sich die Fakten bestätigen, […] wäre das eine Entwürdigung aller Frauen. Es ist furchtbar für das Ansehen Frankreichs."

EURACTIV/rtr/mka

EURACTIV.com berichtet auf Englisch: IMF boss faces sex charges, France in shock (16. Mai 2011)