Braucht Europa einen Tourismus-Aktionsrahmen?
Die EU-Kommission will einen "wettbewerbsfa?higen, modernen, nachhaltigen und verantwortungsvollen europa?ischen Tourismussektor" schaffen. Eine Notwendigkeit für ein Handeln der EU im Bereich des Tourismus ist jedoch schwer zu identifizieren, meint das Centrum für Europäische Politik (CEP).
Die EU-Kommission will einen „wettbewerbsfa?higen, modernen, nachhaltigen und verantwortungsvollen europa?ischen Tourismussektor“ schaffen. Eine Notwendigkeit für ein Handeln der EU im Bereich des Tourismus ist jedoch schwer zu identifizieren, meint das Centrum für Europäische Politik (CEP).
Der Autor:
Benedikt Langner ist wissenschaftlicher Referent am Centrum für Europäische Politik (CEP) in Freiburg. Das CEP ist der europapolitische Think-Tank der Stiftung Ordnungspolitik. Es versteht sich als ein Kompetenzzentrum zur Recherche, Analyse und Bewertung von EU-Politik. Die Analysen des CEP beruhen auf den Grundsätzen einer freiheitlichen und marktwirtschaftlichen Ordnung. Die vollständige Studie finden Sie hier.
Mit dem Lissabon-Vertrag erha?lt die EU erstmals eine im Prima?rrecht verankerte Kompetenz fu?r den Tourismus: Sie darf die Tourismuspolitik der Mitgliedstaaten "erga?nzen", um gu?nstige Rahmenbedingungen fu?r die im Tourismus ta?tigen Unternehmen zu schaffen und die Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten insbesondere durch den Austausch bewa?hrter Praktiken ("best practices") zu unterstu?tzen. Die Kommission will diese Kompetenz nun ausfu?llen. Sie beschreibt die "Herausforderungen" und stellt einen "Aktionsrahmen fu?r den Tourismus in Europa" vor. Ziel ist, einen "wettbewerbsfa?higen, modernen, nachhaltigen und verantwortungsvollen europa?ischen Tourismussektor" zu schaffen.
Maßnahmen zur Steigerung der Wettbewerbsfa?higkeit
Die Kommission will den "kulturellen und natu?rlichen Reichtum Europas" bekannter machen und transnationale Tourismusprodukte (z. B. Europa?ische Fahrradwege und Jakobsweg) sta?rken:
– Ein "Europa?isches Kulturerbe-Siegel" soll an Sta?tten des gemeinsamen europa?ischen Kulturerbes verliehen werden. Diese sollen so "eine Art" europa?ischer "Legitimita?t" erhalten.
– Das "gelungene Experiment" der "Kulturhauptsta?dte Europas", in dessen Rahmen ja?hrlich zwei Sta?dte aus verschiedenen Mitgliedstaaten ein Kulturprogramm mit "europa?ischer Dimension" veranstalten, wird fortgesetzt. Die Zahl der U?bernachtungen in den ausgewa?hlten Sta?dten steigt laut Kommission durchschnittlich um 12 Prozent gegenu?ber dem Vorjahr.
Die Kommission will die Verteilung der Urlaubsreisen u?ber das Jahr hinweg "verbessern":
-Ein mit o?ffentlichen Mitteln gefo?rdertes "freiwilliges" Austauschprogramm fu?r Touristen soll es "Schlu?sselgruppen" wie Jugendlichen (bis 30 Jahren), Senioren (ab 65 Jahren), Menschen mit Behinderungen und einkommensschwachen Familien ermo?glichen, in der Nebensaison in Tourismusziele anderer Mitgliedstaaten zu verreisen. Laut Kommission "zahlt sich dies aus": in Gestalt ho?heren Wachstums und steigender Bescha?ftigung sowohl im Reiseland als auch im Herkunftsland.
– Ein "freiwilliger" Informationsaustausch u?ber das Internet soll eine bessere Koordinierung der Schulferien zwischen den Mitgliedstaaten ermo?glichen.
Maßnahmen zur Fo?rderung eines "nachhaltigen und verantwortungsvollen Qualita?tstourismus‘"
Die Kommission will "nachhaltigen und verantwortungsvollen Qualita?tstourismus" fo?rdern:
– Sie wird "Sensibilisierungskampagnen" durchfu?hren, u. a. hinsichtlich der Wahl des Reiseziels, der Befo?rderungsart und des "Kampfes gegen die Ausbeutung von Kindern und Frauen" am Reiseziel.
– Sie wird Indikatoren fu?r ein "nachhaltiges Wirtschaften" am Reiseziel entwickeln und darauf aufbauend ein "Gu?tesiegel fu?r nachhaltiges Wirtschaften im Tourismus" vergeben.
– Ein "Gu?tesiegel fu?r Qualita?tstourismus" soll "professionelle Vorgehensweise" auszeichnen und so das Vertrauen der Verbraucher sta?rken.
Ordnungspolitische Beurteilung
Eine Notwendigkeit fu?r ein Handeln der EU im Bereich des Tourismus ist schwerlich zu identifizieren: Der Tourismus in Europa lebt gerade vom Wettbewerb zwischen einzelnen Sta?dten, Regionen und Mitgliedstaaten. Ein Mehrwert einer europa?ischen Tourismuspolitik ko?nnte bestenfalls darin bestehen, u?ber weltweit geschaltete Werbekampagnen zusa?tzliche Touristen nach Europa zu locken. Die Kommission ku?ndigt auch entsprechende "Initiativen" an, um die Außenwirkung Europas als Tourismusziel zu verbessern.
Es ist jedoch fraglich, ob etwa das geplante "Europa?ische Tourismusgu?tesiegel", das nationale und regionale Werbekampagnen erga?nzen soll, einen nennenswerten Einfluss auf die Wahl Europas als Reiseziel von z.B. Brasilianern und Chinesen haben wird. Schließlich hat sich Europa bereits heute als weltweit beliebtes Reiseziel fest etabliert. Die Kommission betont selbst, dass Europa die meist besuchte Reiseregion der Welt ist. Diese herausragende Position konnte offenbar auch ohne eine europa?ische Tourismuspolitik erreicht werden.
Zielfu?hrender sind vielmehr die Initiative der "Kulturhauptsta?dte Europas" und das angedachte "Europa?ische Kulturerbe-Siegel": Sie tragen dazu bei, den "kulturellen und natu?rlichen Reichtum Europas" bekannter zu machen – sowohl bei Europa?ern, als auch bei Nicht-Europa?ern.
Austauschprogramm für Touristen ist strikt abzulehnen
Das Vorhaben eines mit o?ffentlichen Mitteln gefo?rderten Austauschprogramms fu?r Touristen zur besseren zeitlichen Verteilung der Urlaubsreisen ist strikt abzulehnen. Die Kommission ignoriert die – vollauf funktionierenden – Marktmechanismen, die eine zeitliche Streckung von Urlaubsreisen bereits aus sich heraus bewirken, wie deutlich niedrigere Preise in der Nebensaison. Die Ballungen in den Sommermonaten treten nicht auf, weil der Markt "versagte", sondern wegen der beho?rdlich vorgegebenen Schulferien und wegen der klimatischen Bedingungen an den Urlaubsorten. An beidem a?ndert auch ein Austauschprogramm nichts. Gerade Senioren und Jugendliche, die nicht von Schulferien abha?ngig sind, ko?nnen bereits heute in der Nebensaison Urlaub machen. Soweit sie dies bislang nicht tun, wollen sie es offenbar nicht.
Die propagierte Koordinierung der Schulferien zwischen den Mitgliedstaaten ist ebenso abzulehnen, auch wenn die Abstimmung der Schulferien zuna?chst nur "freiwillig" erfolgen soll: Es liegt nicht im europa?i- schen Integrationsinteresse, dass Deutsche, wenn sie im europa?ischen Ausland Urlaub machen, nur auf Deutsche treffen, weil nur sie Ferien haben. Gerade die Urlaubszeit ist ideal zur Ausbildung einer europa?ischen Identita?t, da in ihr la?nderu?bergreifende Bekanntschaften geschlossen werden ko?nnen.
Nachhaltiger Qualitätstourismus
Es ist keine hoheitliche Aufgabe, Menschen zu einem "nachhaltigen und verantwortungsvollen Qualita?tstourismus" zu dra?ngen. Umweltschutz ist u?ber die gesetzlichen Rahmenbedingungen, unter denen der Tourismussektor (inkl. aller Verkehrstra?ger) agiert, zu gewa?hrleisten. Das ist deutlich wirkungsvoller. Die Urlauber haben im U?brigen ein Eigeninteresse an sauberen Stra?nden und sauberer Luft.
Die angeku?ndigten "Sensibilisierungskampagnen" fu?r die Wahl des Reiseziels und die Befo?rderungsart sind daher abzulehnen: Sie verzerren massiv den Wettbewerb zwischen den Reisezielen und den Verkehrstra?gern. Dem mu?ndigen Verbraucher ist durchaus zuzutrauen, selbst daru?ber zu befinden, welche Reiseziele und Befo?rderungsarten mit seinen individuellen Wertvorstellungen vereinbar sind.
Keine EU-Förderung einzelner Tourismus-Projekte
Die angeku?ndigte o?ffentliche Fo?rderung einzelner Tourismus-Projekte u?ber EU-Fonds ist ebenfalls abzulehnen: Die resultierende Wettbewerbsverzerrung droht bereits bestehende und somit sich selbst tragende Tourismusangebote zu verdra?ngen – sowohl in gefo?rderten, als auch in nicht-gefo?rderten Regionen.
Nicht nachvollziehbar sind vor allem die fu?r das Herkunftsland in Aussicht gestellten positiven Wachstums- und Bescha?ftigungseffekte durch Austauschprogramme fu?r Touristen. Denn diese fragen am Reiseziel vor allem nicht-handelbare Dienstleistungen (z.B. Hotelu?bernachtungen und Restaurantbesuche) nach. Positive Wachstums- und Bescha?ftigungseffekte sind somit ausschließlich an den durch Austauschprogramme begu?nstigten Reisezielen zu erwarten. An Reisezielen, die nicht von den Austauschprogrammen begu?nstigt sind, ist im Gegenteil mit negativen Wachstums- und Bescha?ftigungseffekten zu rechnen.
Die fu?r eine Tourismus-Fo?rderung beno?tigten Finanzmittel mu?ssen gesamtwirtschaftlich u?ber Steuern gegenfinanziert werden. Die erho?hte Steuerbelastung fu?hrt zu negativen Wachstums- und Bescha?ftigungseffekten.
Zusammenfassung der Bewertung
Ein "Europa?isches Kulturerbe-Siegel" und die "Kulturhauptsta?dte Europas" fu?hren zu einer verbesserten Wahrnehmung des kulturellen Reichtums Europas. Ein mit o?ffentlichen Mitteln gefo?rdertes Austauschprogramm fu?r Touristen ist u?berflu?ssig, da bereits Marktmechanismen fu?r eine bessere Verteilung von Urlaubsreisen bestehen. "Sensibilisierungsmaßnahmen" fu?r die Wahl des Reiseziels und der Befo?rderungsart verzerren massiv den Wettbewerb zwischen den Reisezielen und den Verkehrstra?gern.
Links / Dokumente
CEP: Website
CEP: Kurzanalyse zur Tourismuspolitik
CEP: Übersichtstabelle – Europa – wichtigstes Reiseziel der Welt
EU-Kommission: Europa – wichtigstes Reiseziel der Welt: ein neuer politischer Rahmen für den europäischen Tourismus (30. Juni 2010)