DESERTEC sucht politische Unterstützung
Das Lobbying für das Jahrhundert-Projekt DESERTEC hat begonnen. Die Industrie-Initiative fordert stabile Rahmenbedingungen, um Investitionen von mehreren hundert Milliarden Euro anzustoßen. Noch ist offen, ob und wie die EU-Staaten Ökostrom-Importe aus Afrika fördern. Man brauche etwas "Ähnliches" wie das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, so DESERTEC-Geschäftsführer Paul van Son. Konkrete Zahlen nennt er noch nicht. Eine gewisse Zurückhaltung hält er für geboten.
Das Lobbying für das Jahrhundert-Projekt DESERTEC hat begonnen. Die Industrie-Initiative fordert stabile Rahmenbedingungen, um Investitionen von mehreren hundert Milliarden Euro anzustoßen. Noch ist offen, ob und wie die EU-Staaten Ökostrom-Importe aus Afrika fördern. Man brauche etwas „Ähnliches“ wie das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, so DESERTEC-Geschäftsführer Paul van Son. Konkrete Zahlen nennt er noch nicht. Eine gewisse Zurückhaltung hält er für geboten.
Das Wüstenstromprojekt DESERTEC wird in den ersten zehn bis zwanzig Jahren auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Das bekräftigte Paul van Son, CEO der DESERTEC Industrie Initiative (DII), am Mittwoch vor Korrespondenten in Berlin. Solange die Produktionskosten des Wüstenstroms höher seien als die Marktpreise in der EU, müsse man "stimulieren", so Paul van Son. Etwas "Ähnliches" wie das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in Deutschland sei auch für die erste Entwicklung von DESERTEC nötig. Das EEG garantiert über Jahrzehnte hinweg feste Vergütungssätze für Ökostrom, die oberhalb der Marktpreise liegen.
DESERTEC (siehe EURACTIV.de 13. Juli 2009) hat sich das Ziel gesetzt, dass Solarthermie-, Photovoltaik- und Windkraftanlagen in Nordafrika rund 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken. Die notwendigen Investionen werden auf mehere Hundert Milliarden Euro geschätzt.
Welche konkreten Preise DESERTEC in der Anfangsphase erzielen muss, um die notwendigen Investitionen anzuziehen, kommentiert Paul van Son nicht. Man sei bei diesen Fragen noch in der Anfangsphase. Wenn man Klarheiten habe, werde man auf EU-Ebene und auf Ebene der Nationalstaaten an die Politik herangehen, um Regelungen zu entwickeln. Fest steht für Paul van Son: "Wir müssen staatliche Unterstützung haben, sonst ist es nicht möglich, die Bedingungen für Investitionen zu schaffen".
Die EU-Kommission könne Rahmenbedingungen setzen. Einzelne Mitgliedsstaaten wie Deutschland und Frankreich könnten mit einer Initiative vorangehen. Der neue EU-Energiekommissar Günther Oettinger zeigte sich jüngst offen für das Projekt. Während seiner Anhörung im EU-Parlament sagte Oettinger, DESERTEC könne eine "großartige Chance" für Afrika und die EU sein(Siehe EURACTIV.de vom 14. Januar 2010).
Trotz der noch bestehenden Unsicherheiten weckt das Projekt bereits die Aufmerksamkeit von Anlegern. Zahlreiche private und öffentliche Investoren hätten Interesse angemeldet, so ein Sprecher. Man sei zudem im Gespräch mit der Weltbank und der KfW.
DESERTEC kann möglicherweise auch davon profitieren, dass viele private Fonds sich gegenüber ihren Anlegern verpflichten, ihr Geld in "grüne" bzw. nachhaltige Geschäftszweige zu investieren.
"Man kann die Sache nicht übereilen"
Paul van Son verzeichnet auf EU-Ebene bislang positive Resonanz. "Wir haben noch sehr selten jemanden getroffen, der sagte, das ist Unsinn oder das machen wir nicht". Bislang habe man sich aber noch nicht mit der Spitze der Kommission getroffen, sondern mit einigen Mitarbeitern geredet.
Zur Frage, ob die in der Regel langwierigen europäischen Prozesse für das Projekt nicht hinderlich seien, sagt Paul van Son: "Man kann die Sache nicht übereilen. Es ist aus meiner Sicht kein guter Stil, wenn man ganz schnell ohne Rücksicht auf Kulturen, Strukturen, Gesetzgebungen und Emotionen versucht, diese Pläne durchzudrücken." Die Akzeptanz müsse zu hundert Prozent gewährleistet sein. "Das braucht Zeit."
Auf EU-Ebene sieht Paul van Son Anknüpfungspunkte an den Mittelmeer-Solar-Plan (MSP). Der Solar-Plan soll die Möglichkeiten der Solarstrom-Erzeugung im Mittelmeerraum erforschen und geht maßgeblich auf die Initiative der DESERTEC-Visionäre zurück, schreibt einer der geistigen Väter des Projekts, Gerhard Knies.
Die Kommission wird 5 Millionen Euro bereitstellen, um im Rahmen des MSP mit Partnerländern im Mittelmeerraum institutionelle, gesetzgeberische, technologische und investitionsfördernde Bedingungen für die Entwicklung der erneuerbaren Energiequellen zu schaffen, teilte man im Juli 2009 mit. Das Projekt ist Teil der Union für das Mittelmeer, einer Partnerschaft der EU mit den Mittelmeer-Anrainern Nordafrikas, die auf eine französische Initiative im Jahr 2008 zurückgeht.
Die frühere EU-Kommissarin für Außenbeziehungen und europäische Nachbarschaftspolitik, Benita Ferrero-Waldner, erklärte in einer Rede im vergangenen Jahr die Dringlichkeit der Solar-Partnerschaft.
Nach ihrem Ausscheiden aus der EU-Kommission wird Ferrero-Waldner im Aufsichtsrat des Versicherungskonzerns MunichRe tätig sein, der die DESERTEC Industrie Initiative anführt (Siehe EURACTIV.de vom 17. Februar 2010).
Wer fördert Solarstrom-Importe?
Unklar ist bisher, ob die EU-Staaten Ökostrom aus dem EU-Ausland genauso fördern wollen wie die heimische Energiegewinnung. "In der EU haben die meisten Staaten nur Fördersysteme für ihr eigenes Land, die die Erzeugung in anderen Ländern nicht stimulieren", so Paul van Son. Das müsse man lösen. "Es muss möglich sein, dass ein Mitgliedsland erneuerbare Energien zum Beispiel aus Nordafrika stimuliert."
Die Förderung Erneuerbarer Energien über garantierte Einspeisvergütungen ist teilweise umstritten, auch in Deutschland. Letztlich zahlen alle Stromkunden die Mehrkosten gegenüber konventionellen Strom. Möglicher Kritik begegnet Paul van Son mit dem Hinweis, dass bei Kohle- und Atomstrom viele Kosten nicht eingepreist werden, die sie verursachen – etwa die Folgeschäden des Klimawandels oder die Entsorgungskosten des Atommülls. "Da kommt die Rechnung in der nächsten Generation."
Auf die Kritik des Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer (SPD), der auch Präsident des Solarlobby-Verbandes EUROSOLAR ist, will Paul van Son nicht neuerlich eingehen. Scheer warnt, DESERTEC könne sich als große Subventionsruine und ‚Fata Morgana‘ erweisen (Siehe EURACTIV.de vom 19. Juli 2009). Am Mittwoch kommentierte Paul van Son scherzhaft: "Es ist immer gut, ein paar Gegner zu haben – für das Marketing."
Zum Risiko des gesamten Projektes sagt Paul van Son: "Was passieren kann, ist, dass die Rahmenbedingungen nicht zustande kommen. Dann wird aber auch nicht investiert."
Bis 2012 will die DESERTEC-Planungsgeselschaft (DII GmbH) mit ersten Referenzprojekten zeigen, dass die Wüstenstrom-Vision umsetzbar ist. Man wolle nicht nur "Schreibtischarbeit" machen, so Paul van Son. Der gesamte Planungshorizont erstreckt sich auf 40 Jahre.
Paul van Son hat Erfahrung mit Gesetzen
Der Niederländer Paul van Son (56) baut derzeit das Büro der Planungsgesellschaft in München auf. Es werde einmal 10 bis 15 Mitarbeiter beschäftigen. Für die Referenzprojekte werde man einen eigenen Geschäftsführer berufen. Viele Team-Mitglieder werden von den Unternehmen des Konsortiums für DESERTEC abgestellt. Der Pressesprecher kommt zum Beispiel von MunichRe.
Das Konsortium besteht derzeit aus zwölf Unternehmen, darunter Siemens, Eon, RWE und die Deutsche Bank. 10 Firmen stammen aus Deutschland, jeweils eine aus Spanien und Algerien. Für die notwendige Übertragungstechnologie unter Verwendung von Erd- und Seekabeln könnte der Technologie-Konzern ABB sorgen.
Paul van Son war vor seinem Wechsel zu DESERTEC Vorsitzender der European Federation of Energy Traders (EFET), dem europäischen Verband der Gas- und Stromhändler. Aus dieser Zeit bringt er Kompetenzen in der politischen Arbeit mit. Auf die Frage nach seinen Erfahrungen verweist er auf das Ringen um die Öffnung des deutschen Strommarktes.
Konsortium will internationaler werden
In Kürze sollen vier oder fünf neue Gesellschafter in das Industrie-Konsortium aufgenommen werden, so Paul van Son, ohne konkrete Namen zu nennen. Es seien Unternehmen aus Ländern wie Italien, Spanien, Frankreich, Tunesien und Marokko.
Die Einbindung Frankreichs gilt als ein Schlüssel zum Erfolg der bislang deutsch dominierten Initiative. Französische Energiekonzerne wollen mit Unterstützung aus Paris Atomkraftwerke im Norden Afrikas errichten, speziell in Marokko. Atom- und Solarprojekte werden also um Investitionskapital und politische Unterstützung konkurrieren (Siehe EURACTIV.de vom 24. Juli 2010).
Den Anfang macht Marokko
Höchstwahrscheinlich wird der erste Standort für ein Referenzprojekt Marokko sein. Hier lasse sich zeigen, dass die verschiedenen Technologien Photovoltaik, Solarthermie und Windkraft als Einheit funktionieren können, so Paul van Son. Außerdem verfügt Marokko bereits über eine Stromleitung nach Spanien. Bislang importiert Marokko spanischen Strom. Dies könne sich in Zukunft "umdrehen", so der DII-Geschäftsführer van Son. Marokkos Regierung gehe "in die gleiche Richtung". Die marokkanische Energieministerin habe positive Signale gesendet.
Auch eine Zusammenarbeit mit Tunesien sei vielversprechend. Allerdings fehlt es allgemein noch an gesetzlichen Grundlagen. "Häufig wird unterschätzt, dass Länder, in denen wir tätig sein wollen, regulatorisch noch nicht ausreichend auf solche Energieprojekte vorbereitet sind", so Paul van Son. Es fehlten Regelungen für den Energie-Export.
Die ersten Anlagen würden nicht "tief" in der Wüste angesiedelt werden, sondern in Küstennähe.
Paul van Son betont die gesellschaftliche und kulturelle Einbindung des Projekts in den Produktions-Ländern. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, es handele sich um eine "egoistische Aktion für Europa". Es müsse für die afrikanischen und europäischen Partner eine "Win-Win-Situation" geben. Das Projekt wird von einigen Experten als ’neo-kolonialistisch" kritisiert. "Wir wollen, dass alles, was wir machen, eine Verbesserung wird", so Paul van Son mit Verweis auf entsehende Arbeitsplätze und die Stromversorgung für die nordafrikanischen Länder.
Zur politischen Instabilität einiger der in Frage kommenden Produktionsländer sagt Paul van Son: "Sicherheit spielt bei der Energieversorgung immer eine Rolle. Das gilt auch für den Ölimport aus Marokko und Libyen."
Zweifel an der Solar-Begeisterung
Zuletzt hatte es Kritik an der technologischen Ausrichtung von DESERTEC gegeben. Der Physiker Georg Czisch, der mit seinen Forschungen zur Vision einer emissionsfreien Energieversorgung Europas beiträgt,
hinterfragt die dominante Rolle der Solarenergie. Würde man stärker auf Windenergie setzen, fielen die Kosten weit geringer aus, so seine These.
Paul van Son weist den Einwand zurück. Er habe mehrfach mit Czisch über dieses Thema gesprochen. Auch wenn heute die Windkraft billiger sein könne, müsse man an die langfristige Entwicklung denken, so van Son. "Die gesamte Windenergiemenge wird in Zukunft nicht ausreichen", so Paul van Son. "Zwangsläufig" würde die Energieversorgung in Richtung Solarenergie gehen. Heute müsse man sich die Frage stellen, wie man in der Solartechnologie Skalenerträge ("Economies of scale") erreichen könne. "Wir sorgen dafür, dass die Technik maximal optimiert und die Kosten maximal reduziert werden."
Alexander Wragge
Links
EU-Kommission: Union für das Mittelmeer. Übersicht.
EU-Kommission: Pressemitteilung zu den Projekten der Union für das Mittelmeer (Juli 2009)
EU-Kommission: "The Mediterranean Solar Plan – a necessity, not an option". Rede von EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner (13. Februar 2009)
Wirtschaft
Desertec Industrie Initiative (DII): Homepage
Verband
Eurosolar: Homepage
Presse
bwea.com: "
Wind holds key to European super grid". Interview mit Gregor Czisch. (29. November 2009)