Deutschland soll angesichts alarmierender Antibiotikaresistenzen handeln

Die Bundesregierung bereitet derzeit spezifische Maßnahmen zur Bekämpfung der alarmierenden Antibiotikaresistenzen vor. Deren Umsetzung Einsparungen von bis zu 462 Millionen Euro und die Vermeidung von 114.956 Infektionen pro Jahr ermöglichen könnte.

Euractiv.de
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Antibiotikaresistenzen sind „eine alarmierende globale Gesundheitsbedrohung, die die Wirksamkeit vieler Fortschritte des 20. Jahrhunderts im Bereich der öffentlichen Gesundheit gefährdet“, so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). [[Shutterstock/Jarun Ontakrai]]

Die Bundesregierung bereitet derzeit spezifische Maßnahmen zur Bekämpfung der alarmierenden Antibiotikaresistenzen vor. Deren Umsetzung Einsparungen von bis zu 462 Millionen Euro und die Vermeidung von 114.956 Infektionen pro Jahr ermöglichen könnte.

Antibiotikaresistenzen sind „eine alarmierende globale Gesundheitsbedrohung, die die Wirksamkeit vieler Fortschritte des 20. Jahrhunderts im Bereich der öffentlichen Gesundheit gefährdet“, so die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Eine aktuelle OECD-Studie ergab, dass antibiotikaresistente Organismen eine von fünf bakteriellen Infektionen in der OECD-Region verursachen. Darüber hinaus könnte die Resistenz gegen Breitbandantibiotika, die oft das letzte Mittel zur Behandlung schwer behandelbarer Infektionen sind, in den OECD-Ländern bereits 2035 mehr als doppelt so häufig vorkommen wie im Jahr 2005.

Und gerade bei Breitbandantibiotika ist dies ein Problem. Diese sollten in der Regel nur verabreicht werden, wenn die gezielteren Typen nicht wirken.

In Deutschland „werden jedoch vergleichsweise viele Breitspektrum-Antibiotika verordnet, was die Resistenzentwicklung fördert“, so ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums gegenüber Euractiv.

Die antimikrobielle Resistenz (AMR) wird hauptsächlich durch den übermäßigen Einsatz von Antibiotika verursacht, der es Bakterien ermöglicht, eine Immunität gegen solche Behandlungen zu entwickeln.

Derartige Resistenzen verursachen jedes Jahr mehr als 35.000 Todesfälle in der EU und im EWR, so die Europäische Kommission.

„Je mehr Antibiotika gebraucht werden, sei das im Humanbereich oder im Veterinärbereich, desto höher sind die Resistenzdaten in einem Land“, erklärte Andreas Kronenberg vom Schweizer Zentrum für Antibiotikaresistenz während einer Präsentation der OECD.

Nicht der Musterschüler

Die OECD hat die Tendenz Deutschlands bestätigt: Es erreicht die WHO-Ziele beim Einsatz von Schmalspektrum-Antibiotika nicht.

Diese speziell zielgerichtete Therapien mit geringerem Resistenzpotenzial machten 2015 (letzte Vergleichsdaten) fast 48 Prozent aller in Deutschland verbrauchten Antibiotika aus und blieben damit unter dem Ziel der WHO, wonach der Anteil dieser spezialisierten Antibiotika mindestens 60 Prozent des nationalen Verbrauchs betragen sollte.

Deutschland wird empfohlen, ein von der OECD entworfenes Maßnahmenpaket umzusetzen. Bei korrekter Umsetzung könnten Einsparungen im Gesundheitswesen von bis zu 462 Millionen Euro erzielt und 114.956 Infektionen pro Jahr verhindert werden.

Unter den vorgeschlagenen Maßnahmen steht die Verbesserung der korrekten Verabreichung des passenden Antibiotikums ganz oben auf der Liste. In diesem Fall ist die Schulung und Aufklärung des Gesundheitspersonals über AMR von entscheidender Bedeutung.

Die deutsche Regierung muss „in jedem Fall mehr tun, [wenn es um den] sachgerechten Antibiotikaeinsatz“ geht, räumte ein Mitglied des Gesundheitsministeriums in einer Diskussionsrunde ein, und fügte hinzu, dass das Personal „eben entsprechend ausgebildet werden“ muss.

Verantwortungsvoller Umgang mit Antibiotika

Die Bundesregierung arbeitet an einem Aktionsplan mit Maßnahmen, die innerhalb der nächsten zwei Jahre umgesetzt werden sollen.

Antibiotic Stewardship, wie die Schulung des Gesundheitspersonals in der Anwendung von Antibiotika in Fachkreisen genannt wird, wird ein wesentlicher Bestandteil davon sein.

„Die Zielvorgaben für Deutschland werden derzeit erarbeitet“, sagte der Sprecher und erklärte gegenüber Euractiv, dass diese auf der Empfehlung des Rates vom Juni basieren werden.

In ihrer Antibiotika-Resistenzstrategie 2030 will die Bundesregierung die Möglichkeit verpflichtender Schulungsmaßnahmen prüfen, um „einen verantwortungsvollen Einsatz von und Umgang mit Antibiotika einschließlich einer regelmäßigen Reflexion des eigenen Verhaltens zum etablierten und gelebten Standard werden zu lassen.“

Dies ist ein Bereich, in dem viel getan werden kann, wenn man sich die Aussagen der Direktorin des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin, Petra Gastmeier, zu Herzen nimmt. Sie erklärte, dass „jeder vierte Patient, der in einem [Krankenhaus-]Bett liegt, wird unter Antibiotika Therapie angetroffen.“

Die laufenden Schulungen zum Antibiotic Stewardship, also zum verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika, sollen im stationären und ambulanten Bereich ausgebaut werden.

Konkret sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums, dass seit Januar 2023 Mittel für Fortbildungsmöglichkeiten zum Antibiotic Stewardship im stationären und ambulanten Bereich zur Verfügung gestellt werden. „So soll auch die Etablierung der neuen Facharztausbildung [im Bereich der] Infektiologie unterstützt werden“ und „weitere Maßnahmen werden geprüft.“

In der vorgeschlagenen Pharmastrategie der Europäischen Kommission wird Antibiotic Stewardship einmal erwähnt: „Die Inhaber einer Zulassung für antimikrobielle Mittel müssen einen Plan für den verantwortungsvollen Umgang mit antimikrobiellen Mitteln zur Vermeidung antimikrobieller Resistenzen (Antimicrobial Stewardship) erarbeiten, der Informationen über Maßnahmen zur Risikominderung, Überwachung und Meldung von Resistenzen gegen das Arzneimittel enthält.“

Derzeit wird das Arzneimittelpaket im Rat der EU und im Parlament diskutiert. Es bleibt abzuwarten, welche Bedeutung das antimikrobielle Stewardship dort einnehmen wird.

(Kjed Neubert | Euractiv.de – Bearbeitet von Vasiliki Angouridi)