Die BASF-Knolle kommt
Die EU-Kommission in Brüssel hat am Dienstag erstmals den kommerziellen Anbau einer gentechnisch veränderten Kartoffel in Deutschland erlaubt. Die Entscheidung für die Stärkekartoffel Amflora fiel 14 Jahre nach dem ersten Antrag des Chemiekonzerns BASF.
Die EU-Kommission in Brüssel hat am Dienstag erstmals den kommerziellen Anbau einer gentechnisch veränderten Kartoffel in Deutschland erlaubt. Die Entscheidung für die Stärkekartoffel Amflora fiel 14 Jahre nach dem ersten Antrag des Chemiekonzerns BASF.
Die EU hat nach jahrelangem Ringen dem Chemiekonzern BASF den Anbau der gentechnisch veränderten Kartoffel Amflora erlaubt.
Die Industriekartoffel zur Stärkeproduktion darf bei Einverständnis der EU-Staaten in diesem Jahr in Europa auf den Acker kommen. Die Abfallprodukte bei der Verwertung in der Industrie seien als Futtermittel zulässig, entschied die EU-Kommission am Dienstag in Brüssel. BASF begrüßte die Zulassung, die der Konzern erstmals vor 13 Jahren beantragt habe. In Deutschland ist laut Landwirtschaftsministerium für dieses Jahr nur eine Fläche von 20 Hektar zur Saatgutvermehrung vorgesehen. Umweltschutzverbände protestierten gegen den Beschluss. Nach ihrer Auffassung sind Gesundheitsschäden langfristig nicht auszuschließen.
Jahrelange Tests
Die besonders viel Stärke produzierende Amflora ist für den menschlichen Verzehr nicht geeignet. Sie soll in der Papier-, Garn- und Klebstoffindustrie eingesetzt werden. Die Kartoffel enthält ein Marker-Gen, das Antibiotikaresistenz anzeigt. Die Furcht davor, dass dies langfristig ein in der Medizin verbreitetes Antibiotika wirkungslos machen könnte, führte zu jahrelangem Tauziehen.
Mehrfach untersuchte die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA die Auswirkungen von Amflora und kam immer zum Ergebnis, dass keine Schäden für die Umwelt oder die Gesundheit zu befürchten seien. Die EU-Staaten konnten sich im Streit über die Kartoffel trotzdem nicht einigen, so dass die Entscheidung letztlich bei der Kommission landete. Nachdem der frühere EU-Umweltkommissar Stavros Dimas das Dossier in der vorigen Kommission lange Zeit auf Eis liegen ließ, erklärte der jetzt zuständige neue Gesundheitskommissar John Dalli, weiteres Zögern sei nicht zu rechtfertigen. Die Wissenschaft könne dazu keine neuen Erkenntnisse bringen. Die Ankündigung von Gesundheitskommissar Dalli muss heute bei der Sitzung des Kollegiums noch von den anderen Kommissaren bestätigt werden.
BASF hofft auf Signalwirkung
BASF erwartet durch den Anbau von Amflora in diesem Jahr Lizenzerlöse von 20 bis 30 Millionen Euro, erklärte ein Sprecher. Für den Gesamtkonzern mit einem Jahresumsatz von über 50 Milliarden Euro sind die Einnahmen damit zwar von geringer Bedeutung, allerdings hofft das Unternehmen darauf, dass die Genehmigung Signalwirkung hat. "Wir hoffen, dass diese Entscheidung einen Meilenstein für weitere Innovationen zugunsten einer wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Landwirtschaft in Europa darstellt", sagte BASF-Vorsand Stefan Marcinowski.
Wenig Lob, viel Kritik
Erleichtert zeigte sich auch der zuletzt einzige deutsche Anbauer, der Kartoffelzüchter Karl-Heinz Niehoff aus Bütow (Müritzkreis). Empört und mit Unverständnis reagierten die Grünen und Umweltverbände auf die Entscheidung. Der Schweriner Agrarminister Till Backhaus (SPD) forderte klare Anbauregeln vom Bundesverbraucherministerium, die noch fehlten.
"Die Vernunft hat über die Emotionen gesiegt", sagte Niehoff der dpa. Es sei aber "für einen Naturwissenschaftler unverständlich", warum mit dieser Entscheidung so lange gewartet worden sei. "Es gab jetzt keine neuen Erkenntnisse", sagte er. In der Region Bütow war die Stärkekartoffel mehrere Jahre getestet worden. 2009 war hier – unter Protesten – der einzige Anbaustandort bundesweit. 2010 sollen wieder auf 20 Hektar Amflora-Knollen ausgebracht werden.
Positiv kommentierte auch Britta Reimers, agrarpolitische Sprecherin der FDP im Europäischen Parlament, die Ankündigung von Gesundheitskommissar Dalli: "Es ist gut, dass die lange Wartezeit vorbei ist. Nach einem langjährigen Zulassungsprozess und drei positiven Befunden der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) war die Anbaugenehmigung für die Amflora überfällig", so Reimers.
Martin Häusling, Abgeordneter der Grünen im EU-Agrarausschuss, dagegen ist enttäuscht: "Kaum drei Wochen im Amt knickt EU-Gesundheitskommissar John Dalli vor dem deutschen Chemiekonzern BASF ein und peitscht die erste Zulassung für den Anbau einer Gentechnikpflanze seit 12 Jahren durch. Das ist ein Schlag ins Gesicht für die Bürger in Europa, von denen 70 Prozent Gentechnik im Essen ablehnen. Niemand in Europa braucht die Amflora. […] Bislang ist die Kartoffelbranche in ganz Europa garantiert gentechnikfrei. Nun kommen auf die Kartoffelhersteller erhebliche Zusatzkosten für Tests, Kontrollen und Voruntersuchungen zu. Erfahrungen aus dem Ökolandbau dürften die Markenhersteller aufschrecken: bis zu sieben Prozent vom Ladenpreis wenden dort Unternehmen auf, um sicherzustellen, dass keine Gentechnik in ihren Produkten ist."
Greenpeace sprach von einer schockierenden Entscheidung. Die Kommission ignoriere die ökologischen und gesundheitlichen Risiken von Amflora. "Zudem stellt sie sich gegen die breite öffentliche Ablehnung der Gentechnik auf dem Acker und im Essen", erklärte Martin Hofstetter von Greenpeace. Auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz hat größte Bedenken. Die Übertragung des Resistenz-Gens auf Bakterien des Magen-Darm-Trakts sei nicht auszuschließen, sagte BUND-Vorsitzender Hubert Weiger.
Entscheidung liegt bei den EU-Staaten
Amflora soll ab April in Deutschland und Tschechien angebaut werden, in den kommenden Jahren sollen die Niederlande und Schweden hinzukommen. Nach geltendem Recht könnten die EU-Staaten die Genehmigung zum Anbau verweigern. Die schwarz-gelbe Bundesregierung hatte allerdings schon im Koalitionsvertrag festgelegt, dass Amflora unterstützt werde, obwohl Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner den Anbau von genetisch verändertem Mais im vergangenen Jahr untersagte. In diesem Jahr werde die Kartoffel nur auf einer kleinen Fläche in Mecklenburg-Vorpommern zur Saatgutvermehrung ausgepflanzt. BASF habe zugesagt, die Produktionsrückstände in Deutschland nicht als Futtermittel zu verkaufen, erklärte das Ministerium.
red mit dpa/rtr