Die EU spricht Deutsch - nur langsamer

Schon mal versucht, auf der EU-Datenbank Rapid, Nachrichten zu suchen oder Texte im RSS-Format herunterzuladen? Viele Kommissare bieten deutsche Texte gar nicht an - oder weitaus später als die englische Version. Dabei sind Englisch, Französisch und Deutsch Kernsprachen der EU. Fehlt es am Willen oder an der Finanzierung der Übersetzungen?

Viele Länder – viele Sprachen. Doch Deutsch kommt bei den Dokumenten immer kürzer. Bild: dpa
Viele Länder - viele Sprachen. Doch Deutsch kommt bei den Dokumenten immer kürzer. Bild: dpa

Schon mal versucht, auf der EU-Datenbank Rapid, Nachrichten zu suchen oder Texte im RSS-Format herunterzuladen? Viele Kommissare bieten deutsche Texte gar nicht an – oder weitaus später als die englische Version. Dabei sind Englisch, Französisch und Deutsch Kernsprachen der EU. Fehlt es am Willen oder an der Finanzierung der Übersetzungen?

Deutschsprachige EU-Akteure werden in Brüssel zunehmend benachteiligt: Wichtige Dokumente der Union werden zwar in Englisch und Französisch bereitgestellt – in Deutsch aber erst später, oder gar nicht. Das gilt auch für die Nachrichtenfeeds der EU-Datenbank Rapid, zum Beispiel im populären RSS Format (das Kürzel steht für Really Simple Syndication, also Wirklich Einfache Syndizieruing).

Englisch, Französisch – und Deutsch?

Gab es vormals drei Verfahrenssprachen in der EU (aus den 23 Amts- Arbeitssprachen), so häufen sich jüngst Fälle, in denen auch zentrale Texte zunächst nur auf Englisch erscheinen – und Stunden später auf Deutsch oder Französisch nachgeliefert werden. Dies ist eine nicht unerhebliche Wettbewerbsverzerrung.

Es geht hier weniger um Sprachpatriotismus, sondern um schwerwiegende Wettbewerbsnachteile: Wenn Dokumente zunächst auf Englisch erscheinen – wie gerade aus dem Ministerrat immer wieder der Fall -, haben Angelsachsen einen Vorsprung in der Information und Weiterverarbeitung der Fakten. Dies indes widerspricht der deklarierten Sprachenpolitik der EU.

Jüngstes Beispiel: Die Beschlüsse des EU-Ministerrats für Wirtschaft und Finanzen (EcoFin) waren mehrere Stunden lang nur in Englisch auf dem Server abrufbar – obwohl es dort um das heikle und umstrittene Thema der neuen Banken-, Finanzmarkt- und Versicherungsaufsicht in Europa ging. Derart elitäres Vorgehen passt nicht in eine europäische Demokratie.

23 Amtssprachen – schwierig, aber notwendig

Es gibt 23 Amts- und Arbeitssprachen der Europäischen Union: Bulgarisch, Dänisch, Deutsch, Englisch, Estnisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Irisch, Italienisch, Lettisch, Litauisch, Maltesisch, Niederländisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Schwedisch, Slowakisch, Slowenisch, Spanisch, Tschechisch und Ungarisch. Wer die Bürger barrierefrei erreichen will, muss diese Sprachkanäle gleichberechtigt bedienen.

Die ersten Amts- und Arbeitssprachen der EU wurden durch die 1958 erlassene erste Gemeinschaftsverordnung festgelegt. Dabei handelte es sich mit Deutsch, Französisch, Italienisch und Niederländisch um die Sprachen der damaligen Mitgliedstaaten. Da seitdem viele Länder der Europäischen Union beigetreten sind, ist auch die Zahl der Amts- und Arbeitssprachen gestiegen. Es gibt jedoch weniger Amtssprachen als Mitgliedstaaten, da einige Länder dieselben Sprachen verwenden. So sind beispielsweise die Amtssprachen in Belgien Niederländisch, Französisch und Deutsch, und auf Zypern ist die Amtssprache Griechisch, das dort von der Mehrheit der Bevölkerung gesprochen wird.

Der Status besagt, dass Dokumente in jeder dieser Sprachen bei den EU-Institutionen eingereicht und Antworten in jeder dieser Sprachen erhalten werden können. Und: EU-Verordnungen und andere Rechtsvorschriften sowie das Amtsblatt der Europäischen Union in den Amts- und Arbeitssprachen veröffentlicht werden. Was wichtig wäre: dies muss zeitgleich geschehen – und auch online verfügbar sein.

EU-Kommission nutzt RSS-Feeds nur mangelhaft

Verfügbarkeit ist heute einfacher denn je: Doch die RSS-Feeds der EU auf der Datenbank Rapid werden kaum eingespeist. Selbst das Europäische Amt für Statistik (EuroStat) oder der Europäische Gerichtshof (EuGH) – beides eine Fundquelle für Themen und Daten – hatten gestern gerade mal je eine Meldung eingestellt. Die EU-Kommission insgesamt liefert zwar Beiträge – doch die RSS Feeds vieler Kommissare enthalten nichts außer Selbstdarstellung oder sind leer.

EU-Parlament mit großem Vorspung

Das EU-Parlament schreitet indes voran und bietet einen Nachrichten-Sammler in Form eines Fensters an, das sich in eine bestehende Website einbinden lässt. Die Informationen werden wohlsortiert nach Themenfeldern und Quellen geliefert. Ein Blick darauf lohnt in jedem Fall: EuroParl-Pressebanner. Doch noch besser wäre auch hier, wenn das Parlament seine Nachrichten als RSS-Feed mit Schlüsselwörtern verbreiten würde, sodass jeder Bürger sie erhalten kann – auch jene, die nicht Webseiten programmieren.

Kluft zwischen Predigt und Praxis

Aufgrund zeitlicher und finanzieller Einschränkungen werden jedoch nur relativ wenige Arbeitsunterlagen in alle Sprachen übersetzt. So verwendet die Europäische Kommission in der Regel Englisch, Französisch und Deutsch als Verfahrenssprachen, wohingegen das Europäische Parlament je nach Bedarf seiner Mitglieder Übersetzungen in verschiedenen Sprachen bereitstellt.

Das Credo der EU klingt gut: "Die Europäische Union trägt dazu bei, die Aus- und Weiterbildung in Europa zu verbessern, indem sie die Mobilität ihrer Bürgerinnen und Bürger fördert, gemeinsame Studienprogramme entwickelt, den Aufbau von Netzwerken begünstigt, den Informationsaustausch erleichtert und das Prinzip des lebenslangen Lernens unterstützt. Sprachen spielen hierbei eine wichtige Rolle, denn mehrsprachige Bürgerinnen und Bürger können die Bildungsmöglichkeiten, die ein integriertes Europa bietet, besser ausschöpfen. Die Europäische Union fördert daher im Rahmen ihrer Sprachenpolitik die Mehrsprachigkeit ihrer Bürger und verfolgt das Ziel, dass alle Bürgerinnen und Bürger neben ihrer Muttersprache mindestens zwei Fremdsprachen beherrschen. Dieses Vorhaben entspricht der Forderung der Staats- und Regierungschefs auf der Sitzung des Europäischen Rates in Barcelona im März 2002. Danach soll jedes Kind in der EU von klein auf mindestens zwei Fremdsprachen erlernen." Doch mit diesem Credo müsste die EU in ihrer Informationspolitik mit gutem Bespiel voran gehen.

Es ist bezeichnend für den Widerspruch zwischen Predigt und Praxis, dass die EU unter den "Meilensteien der Sprachenpolitik" nur auf ein englisches Dokument verweist: Multilingualism: an asset for Europe and a shared commitment. Im September 2008 legte die Kommission eine Mitteilung vor, in der ein Konzept empfohlen wird, bei dem die Mehrsprachigkeit als Querschnittsthema in eine Reihe von Politikfeldern der EU integriert wird:

Eine Bestandaufnahme der Gemeinschaftsaktionen im Bereich der Mehrsprachigkeit und Ergebisse der öffentlichen Online-Konsultation (PDF-Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen)

Die Ergebnisse der Konsulation indes gibt es im Volltext nur in Englisch, während andere EU-Sprachen sich mit Zusammenfassungen begnügen müssen. Auch die Ministerkonferenz fasst die Diskussion nur Englisch und Rumänisch zusammen:Ministerial conference on multilingualism.

Der Wettbewerbsnachteil der anderen Sprachen wird umso drastischer, je spezifischer der Fachjargon der Dokumente wird. Selbst Insider und Lobbyisten können diese Inhalte dann ihren weniger sprachkundigen Arbeitgebern kaum noch weiter vermitteln. Wer erkennt, dass die EU bei der letzten Europawahl Probleme hatte, ihre Leistungen zu vermitteln, muss bei den Sprachen ansetzen, dieses Kommunikationsdefizit zu verbessern. Das wäre eine Aufgabe – auch für Institutionen wie das Goethe-Institut. 

Joachim Weidemann