Dilemma der E-Mobility

Elektroautos sollen Europas Autoindustrie aus der Krise führen. Während die EU-Kommission neue Strategien zur Markteinführung vorbereitet, stecken die Hersteller in einem Dilemma, erklärt Georg Erdmann, Leiter des Instituts Energiesysteme an der TU Berlin. Die EU-Vorgaben greifen zu kurz und zwingen die Anbieter zu einer "konservativen Haltung" gegenüber Innovationen.

Aufladen statt Tanken. Bundeskanzlerin Angela Merkel probiert es aus. Foto: emercedesbenz.com.
Aufladen statt Tanken. Bundeskanzlerin Angela Merkel probiert es aus. Foto: emercedesbenz.com.

Elektroautos sollen Europas Autoindustrie aus der Krise führen. Während die EU-Kommission neue Strategien zur Markteinführung vorbereitet, stecken die Hersteller in einem Dilemma, erklärt Georg Erdmann, Leiter des Instituts Energiesysteme an der TU Berlin. Die EU-Vorgaben greifen zu kurz und zwingen die Anbieter zu einer „konservativen Haltung“ gegenüber Innovationen.

ZUM AUTOR

Prof. Dr. Georg Erdmann leitet das Institut Energiesysteme an der TU Berlin. Mail: georg.erdmann@tu-berlin.de.

Die politische Diskussion um die Elektromobilitiät steckt in einem Dilemma. Angesichts des derzeitigen Stands wesentlicher technischer Komponenten (Akkumulatoren, Brennstoffzellen) wird diese Form des Fahrzeugantriebs bis zum Jahr 2020 kaum einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten, selbst wenn man von einer CO2-armen Elektrizitätserzeugung ausgeht, wie dies in einigen EU-Ländern wie beispielsweise Frankreich und Schweden der Fall ist.

Dies hat zur Folge, dass die Fahrzeughersteller ihre Bemühungen zur Reduktion der CO2-Emissionen ihrer Fahrzeuge auf 130 g CO2 pro km zwangsläufig auf konventionelle Technologien ausrichten müssen. Man kann dies auch so formulieren: Die von der Politik vorgegebene Zeitachse zur Senkung der fahrzeugbedingten CO2-Emissionen ist nicht mit der Zeitachse zur Technologieentwicklung im Bereich der Elektromobilität kompatibel.

Anhand von Artikel 5 der im Frühjahr 2009 erlassenen EU-Verordnung 443/2009 zur Festlegung von CO2-Emissionsgrenzwerten von neuen Pkw lässt sich dies besonders deutlich machen. Dieser Artikel begünstigt die Hersteller von Elektro-Pkw, indem diese Fahrzeuge mit dem Faktor 3,5 bewertet werden, um den CO2-Flottendurchschnitt zu berechnen. Gerade für Premium-Hersteller wäre damit die Markteinführung von Elektro-Pkw sehr attraktiv, da sie dadurch für jedes verkaufte Elektrofahrzeug mehrere Tausend Euro an Strafzahlungen gemäß Artikel 9 dieser Verordnung vermeiden könnten.

Zeitliche Abläufe nicht ausreichend berücksichtigt

Gerade für Premium-Hersteller wäre die forcierte Entwicklung der Elektromobilität damit im Prinzip sehr lohnend. Doch da dieser Faktor gemäß Artikel 5 bereits bis zum Jahr 2016 vollständig abschmelzen soll, ist der Anreiz zur Entwicklung von Elektrofahrzeugen praktisch aufgehoben, denn bis dahin werden die Hersteller kaum größere Absatzzahlen von Elektrofahrzeugen erreichen können.

Damit erweist sich die EU-Verordnung 443/2009 als ein Beispiel für meine These, dass die Politik bei ihren umweltpolitischen Entscheidungen die mit der Entwicklung und Markteinführung grundlegend neuer Technologien verbundenen zeitlichen Abläufe nicht ausreichend berücksichtigt. Die Politik zwingt die Hersteller und Entwickler dadurch in unnötiger Weise zu einer konservativen Haltung gegenüber grundlegenden Innovationen. Nicht nur bei innovativen Fahrzeugantrieben drohen mit einer dergestalt kurzfristigen Klimaschutzpolitik langfristige ökologische Nachteile.

Links


EURACTIV-Artikel zum Thema:

EU-Kommission arbeitet an "Clean Car"-Strategie (22. Februar 2010)
Wettrennen um Elektro-Autos (30. Juli 2009)

EU


EU:
Verordnung Nr. 443/2009 zur Festsetzung von Emissionsnormen für neue Personenkraftwagen im Rahmen des Gesamtkonzepts der Gemeinschaft zur Verringerung der CO2-Emissionen von Personenkraftwagen und leichten Nutzfahrzeugen (23. April 2009)

EU-Kommission: Übersicht zu den E-Mobility-Plänen der EU-Staaten

EU-Kommission: Competitive Automotive Regulatory System for the 21st century (Cars 21). Übersicht.

EU-Kommission: "Verringerung der CO2-Emissionen von leichten Nutzfahrzeugen"

Deutschland

BMWi: "Bundeskabinett: Deutschland soll zum Leitmarkt für Elektromobilität werden"(19. August 2009)

Bundesregierung: Nationaler Entwicklungsplan Elektromobilität (August 2009)