Energiemangel: Wut auf Deutschland wächst
Während Europa auf den Winter zusteuert, werden Forderungen laut, jedes verfügbare Watt Strom in das europäische Netz einzuspeisen. Deutschland hält derweil an der Abschaltung seiner letzten Atomreaktoren fest.
Während Europa auf den Winter zusteuert, werden Forderungen laut, jedes verfügbare Watt Strom in das europäische Netz einzuspeisen. Deutschland hält derweil an der Abschaltung seiner letzten Atomreaktoren fest und sorgt damit für zunehmende Frustration bei seinen Nachbarn.
Während Deutschland sich darauf vorbereitet, seine letzten verbliebenen Atomreaktoren abzuschalten, fordern EU-Beamte die EU-Führung auf, dafür zu sorgen, dass jedes einzelne Joule an Energie vor der drohenden Energiekrise im kommenden Winter mobilisiert wird.
Im Jahr 2011 verpflichtete sich Deutschland zu einem zweistufigen Ausstieg aus der Kernenergie, indem es drei Reaktoren im Jahr 2021 und drei weitere im Jahr 2022 abschaltete.
Die immer lauter werdenden Rufe, die Reaktoren angesichts der anhaltenden Energiekrise weiterlaufen zu lassen, wurden von Berlin weitgehend ignoriert, obwohl einige diese Politik als einen Solidaritätsbruch bezeichneten.
„Es liegt in der Verantwortung aller Länder, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die Verfügbarkeit der Energieerzeugung zu gewährleisten“, sagte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton am Donnerstag (8. September) in Berlin.
Bretons Erklärungen fielen in dieselbe Woche, in der Deutschland die endgültige Entscheidung traf, seine drei verbleibenden Atomreaktoren abzuschalten.
Breton lehnte es zwar ab, „den Energiemix einzelner Länder zu kommentieren“, lobte aber Belgien dafür, dass es seinen eigenen Atomausstieg verzögert hat.
„Ich möchte sicherstellen, dass wir alles bereitstellen können, um den Winter zu überstehen“, sagte er. „Ich halte es für wichtig, dass jedes Land, das dazu in der Lage ist, für diesen Zeitraum alles tut, was es kann. Und das ist auch eine Frage der Solidarität.“
Im Juli sagte Breton dem Handelsblatt, es sei „extrem wichtig, die drei deutschen Kernkraftwerke, die noch in Betrieb sind, länger laufen zu lassen.“
Eine Frage der Solidarität
Am Montag beschloss Berlin, zwei seiner Atomreaktoren für vielleicht Monate einzumotten, obwohl zahlreiche Experten darauf bestanden, sie weiterlaufen zu lassen, während der dritte komplett abgeschaltet und durch schwimmende Ölkraftwerke ersetzt werden soll.
Für die Bundesregierung ist damit eine lang gehegte Ambition in Erfüllung gegangen. Für die Grünen war es ein Sieg, mit dem sie ihrer Parteibasis zeigen konnten, dass sie trotz der Reaktivierung von Kohlekraftwerken und des beschleunigten Ausbaus der Infrastruktur für die Einfuhr fossiler Brennstoffe für ihre Grundüberzeugungen einstehen.
Die Entscheidung war nicht überall beliebt. „Wenn Deutschland keine Verantwortung für seine Energiesicherheit übernimmt, werde ich unserer Regierung vorschlagen, das Ostseekabel zu kappen“, kommentierte Take Anstoot von den schwedischen Grünen.
„Solidarität funktioniert nur, solange niemand sich selbst Schaden zufügt“, fügte er hinzu.
Da die deutschen Atomreaktoren mitten im Winter vom Netz gehen, sind deutsche Politiker besorgt, dass das Ansehen ihres Landes Schaden nehmen könnte.
Eine von den Netzbetreibern durchgeführte Analyse ergab, dass die Auswirkungen des Weiterbetriebs der Reaktoren im Ausland größer wären als im Inland. Das Szenario sieht für Deutschland Gaseinsparungen im Wert von 0,9 Terawattstunden im Inland und 1,5 im Ausland vor.
„Die Verärgerung bei unseren europäischen Nachbarn ist seit Monaten groß“, erklärte der EU-Parlamentarier Peter Liese am Dienstag.
„Die deutsche Entscheidung, gerade jetzt die letzten Atomkraftwerke vom Netz zu nehmen, macht den Strom auch für unseren Nachbarn teurer“, fügte er hinzu.
Die EU-Energieminister werden sich am Freitag treffen, um über Maßnahmen gegen den „Wahnsinn“ auf dem Strommarkt zu beraten, wie es der österreichische Bundeskanzler Nehammer ausdrückte.
Gasmangel
Deutschland, die größte Volkswirtschaft der EU, ist auch am stärksten von russischem Gas abhängig, was es der EU erschwerte, auf Russlands Einmarsch in der Ukraine stärker zu reagieren.
Um den Einfluss des Kremls auf Berlin zu verringern, kaufte Deutschland jedes Gasmolekül auf, das es finden konnte, und subventionierte den Kauf von Flüssiggas in großem Umfang mit kostenlosen Krediten in Milliardenhöhe.
Heute sind die deutschen Gasspeicher zu rund 87 Prozent gefüllt. Aber auch dies hat sich nicht als die beliebteste Politik erwiesen.
„Der Gaspreis ist in die Höhe geschossen. Und warum? Weil Deutschland nach dem 23. Juli sehr viel Gas gekauft hat, als sie sagten, dies sei die zweite Phase des Alarms“, erklärte der liberale EU-Abgeordnete Nils Torvald aus Finnland bei einer EURACTIV-Veranstaltung am Dienstag.
„Das schadet vielen unserer Mitgliedsstaaten, und zwar sehr“, fügte der Finne hinzu.
[Bearbeitet von Nathalie Weatherald]