EU-Dolmetscher fordern bessere Arbeitsbedingungen
Freiberufliche Dolmetscher in Belgien verlangen fairere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Dabei stützen sie sich auf die neuen Leitlinien der Europäischen Kommission, die es einzelnen Selbstständigen ermöglichen, sich zu organisieren und kollektiv zu verhandeln.
Freiberufliche Dolmetscher in Belgien verlangen fairere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Dabei stützen sie sich auf die neuen Leitlinien der Europäischen Kommission, die es einzelnen Selbstständigen ermöglichen, sich zu organisieren und kollektiv zu verhandeln.
Der Großteil der Arbeit von selbständigen Dolmetschern wird von Sprachdienstleistern oder auf Konferenzlösungen spezialisierte Unternehmen erledigt, die in der Regel die Preise für Dolmetschleistungen für ihre Kunden festlegen.
„Es ist sehr selten, dass es einen direkten Vertrag zwischen dem Selbstständigen und dem Kunden gibt; in den meisten Fällen gibt es einen Vermittler“, sagte Martin Willems von CSC United Freelancers gegenüber EURACTIV.
Willems zufolge ist die gewerkschaftliche Organisierung von entscheidender Bedeutung um Verhandlungspositionen zwischen den selbständigen Dolmetschern und den Vermittlern auszugleichen.
„Wenn der Umsatz der anderen Partei mehr als 2 Millionen Euro beträgt, können wir sagen, dass es ein Missverhältnis beim Umsatz gibt, und es ist möglich, Tarifverträge über Arbeitsbedingungen abzuschließen“, erklärte er.
EU-Richtlinien
Im September letzten Jahres hat die Kommission neue Leitlinien veröffentlicht, um Tarifverhandlungen für sogenannte Solo-Selbstständige zu ermöglichen, die als „Selbstständige, die keine Arbeitnehmer beschäftigen“ definiert sind.
Die EU-Wettbewerbsregeln hinderten Selbstständige bisher daran, sich gewerkschaftlich zu organisieren, da sie als Unternehmen wie andere Firmen betrachtet wurden. Somit waren sie nicht in der Lage, gemeinsam auf bessere Arbeitsbedingungen zu drängen, da dies als wettbewerbswidriges Verhalten angesehen worden wäre.
Die neuen Leitlinien sehen jedoch neue Regeln für Freiberufler vor, welche sich „in einer mit Arbeitnehmern vergleichbaren Situation“ befinden.
Die Kommission definierte sie als Solo-Selbstständige, die wirtschaftlich von einem einzigen Auftraggeber abhängig sind, Seite an Seite mit normalen Angestellten unter der Leitung eines Unternehmens arbeiten oder über digitale Arbeitsplattformen tätig sind. Diese Kriterien treffen auf die Mehrheit der in Belgien tätigen Dolmetscher zu.
Willems zufolge tragen die Leitlinien dazu bei, Druck auf die Sprachdienstleister auszuüben.
„Jetzt können wir der Kommission offizielle Dokumente vorlegen, die besagen, dass die kollektiven Forderungen unser Recht sind und gleichzeitig mit den Wettbewerbsregeln vereinbar sind“, sagte er.
Peter Van Den Steene, CEO des Dolmetscherdienstes Presence, sagte: „Wir nehmen die Forderungen der Dolmetscher sehr ernst und arbeiten derzeit mit den offiziellen Vertretungsorganen zusammen, um zu sehen, wie wir dieses Problem gemeinsam angehen können“, lehnte aber weitere Kommentare zu den laufenden Verhandlungen ab.
Forderungen der Dolmetscher
Die Dolmetscher drängen auf gerechtere Honorare für ihre Arbeit und auf die Einhaltung der Fälligkeitsfristen für ihre Rechnungen.
„Wenn man [die Fälligkeitsfristen] nicht schriftlich festhält, zahlen die Unternehmen manchmal erst drei Monate später“, erklärte Willems.
Hinzu kommt, dass die Gehälter von Dolmetschern als Selbstständige nicht an die Inflation angepasst werden.
„Die meisten Dolmetscher haben Rahmenverträge mit einem festen Preis, aber ohne einen Mechanismus zur Anpassung an die Preisentwicklung“, sagte Willems und fügte hinzu, dass „eine automatische Anpassung an die Preisentwicklung ein zentraler Punkt ist, der jetzt mit den Vermittlern diskutiert werden muss.“
Christophe da Silva, der für den Dolmetscherdienstleister Mister Light arbeitet, sagte, das Unternehmen unterstütze die Forderung nach einer fairen Vergütung und habe die Tarife bereits um bis zu 10 Prozent gegenüber dem Grundpreis Ende letzten Jahres erhöht.
„Wir wissen, dass dies wahrscheinlich nicht genug ist, aber es ist ein erster Schritt“, sagte er. Er fügte jedoch hinzu, dass es nicht immer möglich sei, bessere Arbeitsbedingungen auszuhandeln, da „die Kunden nicht immer mit all diesen Bedingungen einverstanden sind oder die Situation nicht akzeptieren.“
Die Dolmetscher drängen auch auf das Recht auf gute technische Bedingungen für das Dolmetschen, insbesondere beim Ferndolmetschen.
Letztes Jahr haben die Dolmetscher in der EU gestreikt und sich über die schlechte Tonqualität beschwert, unter der sie beim Ferndolmetschen arbeiten müssen.
[Bearbeitet von János Allenbach-Ammann und Zoran Radosavljevic]