EU-Kommmission: Russland will gezielt Hungersnot in Ukraine herbeiführen
Russland nehme die Lebensmittelversorgungsketten der Ukraine absichtlich ins Visier, um das Land auszuhungern, so EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski, der dabei Parallelen zur großen Hungersnot der 1930er Jahre, dem 'Holodomor', zog.
Russland nehme die Lebensmittelversorgungsketten der Ukraine absichtlich ins Visier, um das Land auszuhungern, so EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski, der Parallelen zur großen Hungersnot der 1930er Jahre, dem „Holodomor“, zog.
Der Kommissar erklärte, dass ihm die gezielten Angriffe Russlands auf die landwirtschaftliche Infrastruktur der Ukraine mehrfach von seinen Amtskollegen in der Ukraine bestätigt worden seien, unter anderem bei Gesprächen mit dem ukrainischen Landwirtschaftsminister Roman Leshchenko diese Woche.
„Es bleibt nur eine Interpretation [der russischen Aktionen]: Sie wollen Hunger verursachen und nutzen dies als Methode der Aggression“, sagte der Kommissar auf einer Pressekonferenz anlässlich der Vorstellung der Mitteilung der EU-Exekutive zur Ernährungssicherheit am Mittwoch (23. März).
Wojciechowski sagte, Russland habe absichtlich große Geflügelfarmen angegriffen, was „tragische Folgen“ für die Umwelt habe.
Unterdessen sagte EU-Handelskommissar Valdis Dombrovskis, dass Russland „offenbar absichtlich die Nahrungsmittelbestände und die Lebensmittellager der Ukraine angreift und zerstört.“
„Russlands unerbittliche Aggression bedeutet nicht nur mehr Nahrungsmittelknappheit für die leidende ukrainische Bevölkerung, sondern auch Versorgungsunterbrechungen, die die ganze Welt betreffen, insbesondere Länder mit niedrigerem Einkommen, die nun mehr für ihre Grundnahrungsmittelimporte bezahlen müssen“, warnte er.
Dabei setzte Russland, so Wojciechowski, die Anbaufläche als „Waffe“ ein.
„Dieser Boden wird als Waffe gegen die Bevölkerung eingesetzt, er wird als Waffe des Hungers gegen die schwächsten Menschen in der Welt eingesetzt“, sagte er und fügte hinzu, dass dies „nicht das erste Mal“ sei, dass Russland diese Angriffsmethode gegen das Nahrungsmittelsystem anwende, um weit verbreitete Hungersnot auszulösen.
Der Kommissar sagte, es sei eine „natürliche Schlussfolgerung“, dass das aktuelle Vorgehen der Methode ähnelt, die das sowjetische Regime in den 1930er Jahren gegen die Ukraine und Kasachstan einsetzte.
Der Holodomor, eine Kombination aus den ukrainischen Wörtern für „Verhungern“ und „Tod zufügen“, bezieht sich auf die absichtlich herbeigeführte Hungersnot in der sowjetischen Ukraine von 1932 bis 1933.
Durch die gleichzeitige Unterlassung von Hilfslieferungen von außen, die Beschlagnahmung aller Lebensmittel im Haushalt und die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Bevölkerung verhungerten bei dieser beispiellosen Hungersnot Millionen von Ukrainer:innen und Kasach:innen.
Seit 2006 wird der Holodomor von der Ukraine und 15 weiteren Ländern als Völkermord der Sowjetregierung am ukrainischen Volk anerkannt.
„Millionen von Menschen starben in dem Land, obwohl es die beste Bodenqualität und die Möglichkeit hatte, ohne Düngemittel Lebensmittel zu produzieren“, betonte der Kommissar und warnte vor den möglichen Folgen von Russlands Vorgehen im Kontext dessen Invasion der Ukraine.
Um der Ukraine zu helfen, hat die Kommission ein EU-Soforthilfeprogramm in Höhe von 330 Millionen Euro aufgestellt, um den Zugang zu lebenswichtigen Gütern und Dienstleistungen zu sichern und der Bevölkerung Schutz zu bieten.
In der am Mittwoch (23. März) veröffentlichten Mitteilung der EU-Exekutive zur Gewährleistung der Ernährungssicherheit vor dem Hintergrund des Krieges heißt es, dass „den Schwächsten, einschließlich der Flüchtlinge aus der Ukraine, besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.“
„Wir werden nicht zulassen, dass die Ukraine angesichts der russischen Aggression allein dasteht“, sagte Kommissar Wojciechowski und betonte, dass die EU „in erster Linie dafür sorgen muss, dass die Ukrainer genügend Lebensmittel, Treibstoff und Wasser haben“.
Die Kommission will ihnen auch dabei behilflich sein, den Anbau von Getreide und Ölsaaten fortzusetzen, die sie selbst dringend benötigen, und den Export derer Agrarproduktion in den Rest der Welt zu erleichtern.
Der ukrainische Landwirtschaftsminister Roman Leshchenko sagte am Montag (21. März) auf dem EU-Agrarministerrat, dass die ukrainischen Lebensmittelunternehmen, die die Zivilbevölkerung kostenlos mit Lebensmitteln versorgen, kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Deren Reserven werden voraussichtlich in ein bis zwei Monaten erschöpft sein, sagte Leshchenko.
[Bearbeitet von Alice Taylor]