EU-Rüstungsindustrie kämpft mit Lieferengpässen
Vertreter:innen der Branche warnen, dass steigende Material- und Energiekosten sowie die Abhängigkeit von Importen aus Drittländern das Wachstum der europäischen Rüstungsindustrie bremsen könnten.
Vertreter:innen der Branche warnen, dass steigende Material- und Energiekosten sowie die Abhängigkeit von Importen aus Drittländern das Wachstum der europäischen Rüstungsindustrie bremsen könnten.
Als Reaktion auf Russlands Krieg in der Ukraine investieren viele EU-Mitgliedstaaten massiv in ihre nationalen Rüstungsindustrien. Allerdings erschweren gestiegene Produktionspreise und die Verfügbarkeit einiger wichtiger Materialien die weitere Entwicklung.
„Die meisten Rohstoffe, die für die Herstellung von Militärprodukten benötigt werden, werden in den EU-Ländern nicht oder nur in geringem Umfang abgebaut“, so Jiří Hynek, Leiter des Verbands der tschechischen Waffen- und Verteidigungsindustrie, gegenüber EURACTIV.
Wichtige Materialien importiere die EU aus Drittländern, insbesondere in Asien und Afrika.
„Um nur einige Produkte zu nennen, die heute auf dem Markt knapp sind: alle Verpackungsmaterialien, viele Chemikalien, aber auch die für die Herstellung von Schießpulver benötigte Zellulose. Synthetischer Kautschuk ist knapp, und die Preise hierfür sind astronomisch“, erklärte Hynek.
„So hätten beispielsweise die gefragten ballistischen Schutzwesten hier nicht hergestellt werden können, wenn das Material nicht aus Asien, vor allem aus China, importiert worden wäre. Einige Hersteller haben ihre Produktion direkt dorthin verlagert“, warnte er.
Er sehe jedoch keine Bemühungen, die Situation zu verbessern.
In Italien – einem der europäischen Spitzenreiter im Verteidigungssektor – leidet die Rüstungsindustrie vor allem unter den gestiegenen Preisen für wichtige Produktionsmittel. Während das Land bisher mehrere Materialien wie Aluminium, Platin, Palladium oder Rhodium aus Russland importierte, musste es nun alternative Lieferanten finden.
„Der Preis für Stahl ist von etwa 700 Euro pro Tonne auf 3 500 Euro gestiegen, Aluminium von fünf Euro pro Kilo auf 15 Euro“, sagte Paolo Può, Präsident des Unternehmens Cantiere Navale Vittoria, das Militär-, Handels- und Transportschiffe herstellt, kürzlich gegenüber der Zeitung Corriere della Sera.
Può gab auch zu, dass das Unternehmen derzeit die italienische Regierung um ein Eingreifen bittet, da die meisten Verträge des Unternehmens mit dem Staat geschlossen werden.
Einige europäische Unternehmen haben bereits Vorkehrungen getroffen, um sich vor einem Preisanstieg und möglichen Engpässen zu schützen.
„Hinsichtlich der Rohstoffe sorgen wir vor und haben große Vorräte beispielsweise von Aluminium oder wichtigen Kunststoffen zugekauft. Zusätzlich haben wir Halbleiter beziehungsweise Elektronikbauteile zugekauft, sodass wir mittelfristig wenig Nachschubprobleme haben dürften“, sagte ein Sprecher von Rheinmetall, Deutschlands größtem Waffenhersteller, gegenüber EURACTIV.
„Insgesamt haben wir das Working Capital, also den Wert der Vorräte und Betriebsmittel, in diesem Jahr deutlich erhöht“, fügte er hinzu.
Wie EURACTIV erfuhr, behinderte der Mangel an Chips und Halbleitern die Produktion von Rüstungsgütern in Frankreich schon vor dem Krieg in der Ukraine. In Griechenland betrifft der Mangel derweil eher sogenannte Seltene Erden.
*Zusätzliche Berichte von Francesco Stati | EURACTIV.it, Fernando Heller | EuroEFE.EURACTIV.es, Oliver Noyan | EURACTIV.de, Davide Basso | EURACTIV.fr, Sofia Mandilara | EURACTIV.gr, Lucia Yar | EURACTIV.sk, Krasen Nikolov | EURACTIV.bg.