EU-Sonderkonferenz zum Flugchaos
Diesen Montag soll eine Sonderkonferenz der EU-Verkehrsminister zu den Folgen des Flugchaos stattfinden. Das Treffen soll virtuell sein - wegen des Flugverbots wird es nur eine Videokonferenz sein. Die Fluglinien kritisieren das andauernde Flugverbot heftig.
Diesen Montag soll eine Sonderkonferenz der EU-Verkehrsminister zu den Folgen des Flugchaos stattfinden. Das Treffen soll virtuell sein – wegen des Flugverbots wird es nur eine Videokonferenz sein. Die Fluglinien kritisieren das andauernde Flugverbot heftig.
Die Europäische Union hat aufgrund des Chaos in der Luftfahrt eine Sonderkonferenz der Verkehrsminister einberufen. Wie die spanische EU-Ratspräsidentschaft am Sonntag in Madrid mitteilte, wird die Sitzung an diesem Montag per Videokonferenz abgehalten.
Die Verkehrsminister der EU-Staaten sollen dabei über die Folgen der Aschewolke nach dem Vulkanausbruch in Island beraten, sagte der spanische Verkehrsminister José Blanco. Außerdem soll bei der Konferenz über mögliche Alternativen zum Flugverkehr gesprochen werden.
EU prüft Konsequenzen
Kommissionspräsident José Manuel Barroso beschloss am Sonntag, eine Ad-Hoc-Gruppe einzusetzen, die auch die Auswirkungen auf die Wirtschaft untersuchen soll.
Wie die Kommission in Brüssel weiter mitteilte, will Barroso die Grundlagen für eine „angemessene Antwort“ schaffen. Außerdem sollen Maßnahmen in den Mitgliedsstaaten auf EU-Ebene abgestimmt werden.
„Die Aschewolke hat eine noch nie dagewesene Situation geschaffen“, sagte Barroso. „Es ist wichtig, dass alle Maßnahmen auf europäischer Ebene koordiniert werden.“
Die Gruppe soll von Verkehrskommissar Siim Kallas geleitet werden, unterstützt von seinen Amtskollegen Joaquín Almunia (Wettbewerb) und Olli Rehn (Wirtschaft). Kallas werde eng mit der spanischen EU-Ratspräsidentschaft zusammenarbeiten.
Die Kommission werde weiter eng mit der europäischen Luftfahrt- Aufsichtsbehörde Eurocontrol sowie den nationalen Behörden in Kontakt sein, mit Blick auf die Entwicklung im Luftraum sowie Entscheidungen über Annullierungen, die in der Kompetenz der nationalen Behörden lägen.
Beschwerden der Luftfahrtbranche
Mehrere Vertreter der Luftfahrtbranche haben sich über die weitreichenden Sperrungen beschwert sowie Anträge beim Staat auf Unterstützung angekündigt.
Vor allem die Deutsche Lufthansa verschärft den Ton. "Wir halten es für skandalös, dass die Verbote nur auf Grundlage einer einzigen Quelle verhängt werden", sagte Lufthansa-Konzernsprecher Klaus Walther der Nachrichtenagentur Reuters am Sonntag. Die Airline erleide wegen des Flugverbots massive Umsatzrückgänge und erwäge Regressansprüche. "Wir behalten uns auch vor, die Frage zu stellen, wer haftet eigentlich, wer kommt für die Schäden auf?", sagte Walther.
Es sei zwar korrekt, dass der Luftraum anfangs ohne Messungen gesperrt worden sei, um Gefahren zu vermeiden. Aber danach hätten die Behörden sofort mit Tests und Messungen beginnen müssen, um das weitere Vorgehen zu untermauern.
„Kein Alleingang Deutschlands“
Das Bundesverkehrsministerium weist Kritik von Fluggesellschaften an der Sperrung des deutschen Luftraums zurück. Es handele sich hier nicht um einen Alleingang Deutschlands, sondern um eine europäische Entscheidung, sagte eine Ministeriumssprecherin. Es gebe die Vorgaben der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation ICAO, dass von einer Aschewolke betroffene Gebiete nicht für den Luftverkehr freigegeben werden dürften.
Zum Vorwurf des Chefs von Air Berlin, Joachim Hunold, das Ministerium habe keinen Krisenstab eingerichtet, sagte die Sprecherin, Experten des Hauses arbeiteten mit Hochdruck permanent mit der Deutschen Flugsicherung und dem Deutschen Wetterdienst zusammen. Der "Ausnahmezustand" werde ständig analysiert.
Kaczynski-Begräbnis ohne Merkel
Indessen ist Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist Sonntag Nachmittag nach tagelanger Fahrt voller Umwege wieder in Berlin eingetroffen. Das bestätigte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm am Sonntag. Sie wollte ursprünglich am Freitagmittag von ihrer USA-Reise zurück sein. Da die Vulkanasche den Flugverkehr lahmlegte, musste sie mit ihrer Delegation in Lissabon Zwischenhalt machen, danach nach Rom fliegen, dann per Limousine nach Bozen fahren, und nach einer Übernachtung kam sie nach Berlin.
Die Teilnahme an der Trauerfeier für Polens Präsidenten Lech Kaczynski in Krakau hatte Merkel allerdings absagen müssen. Deutschland war durch Bundespräsident Horst Köhler und Außenminister Guido Westerwelle (FDP) vertreten.
Ramsauer weist Kritik zurück
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer rechnet auch für die nächsten Tage noch mit einer Sperrung des Luftraums über Deutschland und weiten Teilen Europas. In der "Bild"-Zeitung wies der CSU-Politiker die Kritik einiger Fluggesellschaften an dem Flugverbot zurück. Er sei "kein Panikminister", sondern halte sich strikt an internationale Vorgaben, wie im Falle von Vulkanasche vorzugehen sei. Alles andere wäre unverantwortlich.
"Bei allem Verständnis für die Klagen der Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber über Umsatz- und Gewinneinbußen – das Geschrei möchte ich hören, wenn etwas passieren würde", sagte der Minister.
red. mit dpa
Eurocontrol und der „komplizierte Kontinent“
Wer ein schönes Beispiel für den sprichwörtlichen Flickenteppich der EU sucht, ist bei der Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel an der richtigen Adresse. Sie überwacht den europäischen Luftraum von 40 Ländern und muss aktuell vor allem eines verwalten: den Stillstand. «Das hat es wirklich noch nie gegeben», sagte Kenneth Thomas, einer der Manager im Überwachungsraum von Eurocontrol, angesichts der Flugverbote nach dem Vulkanausbruch.
Er steht am Sonntag vor einem Bildschirm in dem fußballfeldgroßen Kontrollzentrum, in dem die Anzeigeknöpfe und Schalttafeln blinken. Thomas zeigt das Ausmaß der Dinge: Von Irland bis zur Türkei und von Mallorca bis Nordnorwegen ist der Luftraum komplett gesperrt. «Mit einigen Ausnahmen allerdings», wie Thomas sagt. In der Reiseflughöhe von 11 Kilometern halten einige Staaten das Fliegen für gänzlich unbedenklich. «Da ist der Luftraum offen», sagt Thomas.
Das hilft aber nichts. Die von Land zu Land unterschiedlichen Vorgaben produzieren einen Flickenteppich aus Erlaubnis und Verbot, der das Überqueren des Kontinents unmöglich macht. Und für die Flüge innerhalb Europas gilt ohnehin, dass die Gefahr zu groß ist – denn nach dem Start und vor der Landung müssten die Flieger in die Wolke. Das hielten alle betroffenen Flugsicherungen für zu gefährlich.
Doch an der Sperrung gibt es auch zunehmend Kritik. Die großen Fluggesellschaften Lufthansa, Air Berlin und KLM ließen am Wochenende zur Probe Maschinen bis in 13 Kilometer Höhe aufsteigen – und nichts passierte. «Unsere Mitgliedsstaaten richten sich nach den Angaben des Londoner Beratungszentrums für Vulkanasche. Es sagt voraus, wo in der Luft Asche seien könnte», berichtet Thomas und betont das «könnte».
«Die Situation ist so einzigartig, dass Vergleichswerte nun einmal fehlen und der Sicherheitsaspekt vorgehen muss», sagt Eurocontrol- Pressesprecherin Kyla Evans. Vorfälle aus anderen Kontinenten hätten gezeigt, dass Aschewolken sofort zu Triebwerksausfällen führten.
Die Angst vor der vom Boden aus unsichtbaren Wolke ist in Europa dennoch unterschiedlich groß. Thomas klickt auf eine Liste und nennt die Länder, deren Überflugrechte in den hohen Luftschichten weiter gelten: Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Frankreich, Rumänien, die Schweiz, Spanien und Deutschland. Das ist der Stand am Sonntag. Die genannten Länder hätten alle dasselbe Risiko aus London gemeldet bekommen, berichtet Thomas. «Es wird derzeit fieberhaft daran gearbeitet, sich auf eine einheitliche Interpretation zu einigen.»
Der Eurocontrol-Manager betont, dass seine Behörde nicht zuständig sei bei der Frage, wo es sicher ist und wo nicht. «Die Entscheidung liegt zu 100 Prozent bei unseren Mitgliedsstaaten.» Eurocontrol gebe die nationalen Sperrungen nur an das europaweite Überwachungssystem weiter, damit alle den nötigen Überblick haben.
Sprecherin Evans kündigt noch an, dass für Montag ein Krisengipfel geplant ist, bei dem sich die EU-Kommission, Flugsicherheitsexperten und die 40 Eurocontrol-Mitglieder auf eine einheitliche Linie einigen wollen. «Wir haben halt einen komplizierten Kontinent», sagt sie.
Link: Informationen von Eurocontrol: http://dpaq.de/TuIJk
Heiko Lossie, dpa