EURACTIV Preise würdigen nationale Debatten über Europa [DE]

Der französisch-deutsche Rundfunksender ARTE, das paneuropäische Bahnticket InterRail und ein Dokumentarfilm über den türkischen EU-Beitrittsgesuch wurden bei der Vergabe der Fondation EURACTIV Preise im Europäischen Parlament gestern (12. November) für ihren Beitrag zu nationalen Debatten über Europa ausgezeichnet.

Der französisch-deutsche Rundfunksender ARTE, das paneuropäische Bahnticket InterRail und ein Dokumentarfilm über den türkischen EU-Beitrittsgesuch wurden bei der Vergabe der Fondation EURACTIV Preise im Europäischen Parlament gestern (12. November) für ihren Beitrag zu nationalen Debatten über Europa ausgezeichnet.

Die paneuropäischen Gewinner der Fondation EURACTIV Preise für nationale Debatten über Europa wurden gestern auf einer Preisverleihung bekannt gegeben, bei der der Präsident des Europäischen Parlaments Jerzy Buzek und der Vorsitzende der Allianz der Liberalen and Demokraten für Europa (ALDE) Guy Verhofstadt beide für ihre Bemühungen zur Förderung von Demokratie und Debatte ausgezeichnet wurden.

Die Jury verlieh den Sonderpreis für europäische Demokratie an Buzek, ehemaliger Ministerpräsident Polens, für seine Rolle im Umbruch Polens zu einem freien und demokratischen Land sowie als Zeichen des Vertrauens, dass er die Mitglieder des Parlaments dabei anleiten wird, die EU näher an die Bürger zu bringen.

Bei Annahme des Preises betonte Buzek, dass europäische Demokratie mehr als die Europawahlen alle fünf Jahre bedeute. „Es geht darum, sich auf einer täglichen Basis mit nationaler Politik auseinanderzusetzen und die EU-Politik noch relevanter für die Bürger Europas zu machen“, sagte er und versprach, die Parlamentsdebatten unter seinem Mandat lebendiger zu gestalten.

In der Kategorie Politiker oder Politische Organisation wurde Guy Verhofstadt, ehemaliger belgischer Ministerpräsident, anerkannt als „einen der fähigsten Politiker seiner Generation, ein Denker und Schriftsteller, eine treibende Kraft und ein Macher, der sehr auf Europa konzentriert ist und eine wahre Inspiration für die zukünftige europäische Führung des Kontinents darstellt.“

Verhofstadt begrüßte den Preis und betonte, dass die EU zwar einerseits auf lokaler Ebene mit Europäern kommunizieren müsse, die Mitgliedstaaten aber andererseits auch nicht vor schwierigen politischen Entscheidungen zurückschrecken und alles auf Brüssel schieben dürften, wie es oft passiere. „Dies muss sich ändern“, sagte er und äußerte die Hoffnung, dass Europa in Zukunft „positiver“ in der nationalen politischen Kommunikation genutzt wird.

Verhofstadt betonte insbesondere, dass die jetzige Wirtschaftskrise eine große Chance bedeutet, um Europa näher an die Bürger zu bringen, da die EU und ihre Instrumente wie etwa die gemeinsame Währung „die Lösung zur jetzigen Krise, nicht das Problem” darstellten.

In der Kategorie NGO-Vorsitzender oder Organisation wurde die 60 Jahre alte Europäische Bewegung Deutschland als Modell für die anderen nationalen Verbände der Europäischen Bewegung anerkannt. „Wir brechen die EU-Politik auf die nationale Ebene herunter und bringen relevante EU-Akteure und Interessenvertreter mit nationalen Verwaltungen zusammen, um die Kluft zwischen Planet Brüssel und Planet Berlin zu überbrücken“, sagte Christoph Linden, stellvertretender Generalsekretär der Bewegung.

Linden erklärte, dass eine der beliebtesten Aktivitäten der Bewegung regelmäßige ‚EU Frühstück’ Gesprächsrunden über Ratssitzungen sind, die am Tag nach Ministertreffen unter der Chatham-House-Regel gehalten werden, um den Informationsfluss von der EU zu nationalen Interessenvertretern zu beschleunigen.

Das EuroAtlantic Centre Slowakei erhielt den Preis in der Kategorie Akademische Initiativen. Das Zentrum ist eine Initiative von Studenten, die zur Außenpolitik beitragen und „kreatives Denken“ betreiben wollten, erklärte Michal Kovács, Regionaldirektor und Vizepräsident des Zentrums. Es arbeitet für den Aufbau und Förderung von Beziehungen und fördert den Dialog über den EU- und NATO-Beitritt zwischen jungen Leuten aus den Balkanländern – Mazedonien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Kroatien und Albanien – sowie der Ukraine.

Michal Polgar vom EuroAtlantic Centre betonte, das Ziel sei es aufzuzeigen, dass „junge Menschen ihre Geschichte hinter sich lassen und einen Neuanfang machen können“, trotz potenzieller Versuche einiger politischer Parteien, eine politische Agenda auf historischen Ressentiments aufzubauen.

Der französisch-deutsche zweisprachige Rundfunksender ARTE wurde in der Kategorie Medienvertreter oder Organisation für seinen Beitrag zu einer grenzüberschreitenden Debatte über Europas Kultur, Erbe und Zukunft ausgezeichnet. Claire Poinsignon, bei ARTE für europäische Angelegenheiten verantwortlich, begrüßte die Anerkennung von ARTEs europäischer und nicht nur der französisch-deutschen Dimension.

Poinsignon betonte, dass man europäische Debatten nicht auf bloße „Kommunikation“ zwischen der EU und ihren Bürgern reduzieren sollte. „Es geht auch um Erkundung, Kreativität und Träume“, fügte sie hinzu und äußerte die Hoffnung, dass es in Zukunft mehr Platz für Kultur und Kulturinitiativen zur Ermöglichung einer Debatte über Europa geben werde.

Das paneuropäische Bahnticket InterRail wurde als Gewinner der Kategorie Dienstleistung & Andere dafür ausgezeichnet, dass es „seit 1972 Millionen von jungen europäischen Bürgern ermöglicht, 30 europäische Länder in einer umweltfreundlichen und erschwinglichen Weise mit einem einzigen Zugticket zu entdecken.“

Als Reaktion sagte ein InterRail-Vertreter, dass viele InterRail Webseiten in lokalen Sprachen in den vergangenen Jahren geschaffen worden seien und dass infolgedessen viele junge Menschen „mit der Wiederentdeckung Europas angefangen haben.“

Coffee Futures, ein türkischer Dokumentarfilm, erhielt den Sonderpreis für Originalität, da er die Schicksale der einzelnen Charaktere mit der Geschichte über die jahrzehntelangen Bemühungen der Türkei um den EU-Beitritt verwebt. Der 31. Juli 2009 markiert den 50. Jahrestag der ursprünglichen türkischen Einigung mit der EWG, und „Coffee Futures huldigt der emotionalen Beschaffenheit einer Gesellschaft, über deren europäische Zugehörigkeit lange auf nationaler und internationaler Ebene debattiert wurde”, sagte die Jury.

Die Regisseurin, Zeynep Devrim Gürsel, äußerte die Hoffnung, dass die Dokumentation den Dialog über die Türkei und ihren EU-Beitritt fördern werde – „im Geiste von Offenheit statt Misstrauen und Zynismus über politische Prozesse sowie Pessimismus über internationale Beziehungen – vor allem unter jungen Menschen.“