Europa kann in der „lateralen“ Regierung führend sein, sagt Rifkin

Die EU sei besser als jegliche andere Region der Welt in der Lage, ein nahtloses Energie-, Verkehrs- und Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Dieses werde einen lateralen, kontinentalen Markt für eine Milliarde Menschen schaffen und die nächste Etappe der europäischen Integration darstellen, sagte Jeremy Rifkin in einem Exklusivinterview mit EURACTIV.

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Die EU sei besser als jegliche andere Region der Welt in der Lage, ein nahtloses Energie-, Verkehrs- und Kommunikationsnetzwerk aufzubauen. Dieses werde einen lateralen, kontinentalen Markt für eine Milliarde Menschen schaffen und die nächste Etappe der europäischen Integration darstellen, sagte Jeremy Rifkin in einem Exklusivinterview mit EURACTIV.

Rifkin, ein amerikanischer Ökonom und bekannter Autor des viel gelobten Buches „Der europäische Traum“, glaubt, die Welt habe die Abschlussphase der zweiten industriellen Revolution erreicht. Der globale Wirtschaftsaufschwung treibe die Öl- und Lebensmittelpreise nach oben, was soziale Unruhen auslöse.

Die Welt habe hinsichtlich der Pro-Kopf-Reserven das globale Ölfördermaximum erreicht. Das System werde zusammenbrechen, wenn die Ölpreise wieder auf 140 oder 150 Dollar pro Barrel steigen würden, sagte Rifkin.

Dem Ökonomen zufolge habe diese Abschlussphase eine dritte industrielle Revolution eingeleitet. Diese werde auf der kontinentalen Energieinfrastruktur und –verwaltung basieren.

Die Förderung der erneuerbaren Energiequellen, die Umwandlung jedes Gebäudes in ein Kraftwerk, die Entwicklung der Wasserstoffspeicherkapazität, die Anpassung des Internets und der Kommunikationstechnologien sowie die Entwicklung des „Plug-in-Transports“ sind die fünf Infrastruktursäulen der dritten industriellen Revolution Rifkins.

Es sei wie mit W-LAN: Jede Stadt und Region werde zu einem Knotenpunkt, der mit allen anderen Knotenpunkten verbunden sei, und sie teilten ein gemeinschaftliches Energienetzwerk, sagte er. Man kenne den Spruch: Information möge es, im Internet freizulaufen. Die Infrastruktur der dritten industriellen Revolution möge es, durch kontinuierliche Landmassen, bis sie die Ozeane erreiche, ungehemmt zu laufen.

Rifkin schätzt, dass die Integration der EU und ihrer 500 Millionen Verbraucher mit „Partnerschaftsregionen“ um das Mittelmeer herum und in Nordafrika, die weitere 500 Millionen brächten, einen Markt für eine Milliarde Menschen schaffen würde.

Rifkin zufolge ist die EU ideal positioniert, um das 21. Jahrhundert anzuführen – nur wisse sie es noch nicht. Die Ironie der Lage sei, dass die EU so nah daran sei, doch sei sie nicht da, sagte er.

Allerdings wissen einige Bescheid. Heute (1. Februar) werden Europaabgeordnete von allen Fraktionen, die führenden europäischen Handelsverbände (UEAPME, Coop Europe) und Verbraucherorganisationen (BEUC) im Europäischen Parlament eine Erklärung zur Unterstützung der Vision Rifkins unterzeichnen.

Diese Koalition werde an die Europäische Kommission und die EU-Chefs, die sich am Freitag treffen, appellieren, damit sie sofort ein umfassendes Gesetzgebungsprogramm einreichen, welches die EU auf eine CO2-freie Wirtschaft der „dritten industriellen Revolution“ übergehen lasse.

Die EU verfüge über alle Teile der Symphonie, allerdings habe sie den Dirigenten nicht, der die Oper zusammensetze, sagte Rifkin.

Die G8 und G20 vergessen: Die Zukunft befindet sich in den kontinentalen Unionen

Dem Ökonomen zufolge wird sich die Weltregierung nicht um die derzeitigen Strukturen drehen – nicht einmal um die neueste Gruppe der zwanzig größten Wirtschaften.

Er sei immer erfreut darüber, alle diese Gespräche um die G20, G8, G2 zu hören, während eine völlig unterschiedliche politische Struktur auftrete, über welche man nichts höre – dies seien die kontinentalen Unionen, sagte Rifkin. Er betonte, dass sie der ideale Rahmen für laterale Infrastruktur und Netzwerke seien.

Rifkin erklärte, dass sich eine asiatische Union – nach dem Muster der EU – rasch entwickele und hoffentlich 2014 etabliert sein werde.

Was die Afrikanische Union betreffe, sagte er, dass die EU an ihrer Schaffung maßgeblich beteiligt sei, da sie Projekte im Wert von Hunderten von Millionen Euro eingeleitet habe, um die Anfänge der Infrastruktur der dritten industriellen Revolution zu schaffen.

Man könne in Südamerika dasselbe wahrnehmen, wo vor zwei Jahren eine Union aus den alten Mercosur- und Andenunionen geschaffen worden sei, sagte er. Er fügte hinzu, dass das NAFTA [ein Freihandelsakommen zwischen den Vereinigten Staaten, Kanada und Mexiko] keine Union sei, sondern dass sich intra-kontinentale Unionen zwischen den nördlichen USA-Staaten und den kanadischen Provinzen entwickelten.

Die EU habe eine Riesenchance, als Flaggschiff für ein neues Regierungsmodell zu dienen. Während sie ihren eigenen kontinentalen Raum integrieren und ein nahtloses CO2-freies Energie- und Kommunikationsnetzwerk schaffen könne, könne ihre politische Regierung gleichzeitig ein Modell für die Schaffung ähnlicher Sorten von Abkommen mit anderen Unionen sein, argumentierte Rifkin.

Von Geopolitik zu Biosphärenpolitik

Der Ökonom erklärt, dass die dritte industrielle Revolution sowohl unternehmens- als auch gemeinschaftsbasiert sein werde. Allerdings werde dies einen Wechsel von der geopolitischen zur Biosphärenpolitik benötigen.

Die Biosphärenpolitik sei kontinentale Politik. Sie gebe uns ein größeres Gefühl, dass wir Teil einer menschlichen Familie seien – anders gesagt, während man sich auf die Kontinente hin bewege, verzichte man nicht auf Nationen, Regionen oder Städte. Im Gegenteil würden sie alle zu Knotenpunkten in kontinentalen Netzwerken, die alle lateral seien. Und dies gebe uns Biosphärenpolitik, sagte er.

Während die Geopolitik die nationalen Märkte, Nationalstaaten und fossilen Energieträger der ersten und zweiten industriellen Revolutionen widergespiegelt habe, werde die dritte Revolution jeden für seinen eigenen kleinen Knotenpunkt verantwortlich machen und Menschen würden ihre eigene Energie aus der Sonne, dem Wind und dem Boden ziehen, sagte er.

Allerdings werde man diese Energie in Open-Source-Netzwerken über die Kontinente gemeinschaftlich teilen, fügte Rifkin hinzu.

Seine Idee erklärend sagte Rifkin, dass sein System auf Zusammenarbeit basiere, da erneuerbare Energiequellen überall, auf jedem Quadratzentimeter, zu finden seien, aber eine gemeinsame Verwaltung der Erde benötigten.

Es handele sich um einen Generationswechsel und was man befinde, sei, dass einige Politiker die alte Ordnung darstellten – sie seien zentralisiert, hierarchisch, „Top-Down“, eigentumsorientiert, sehr geschlossen – und die anderen, die Parteilinien völlig überschreiten könnten, seien distributiver, offener, lateraler und hätten einen horizontaleren Ansatz, sagte er.

Rifkin zitierte einige Beispiele, wo die Revolution bereits stattfinde, und argumentierte, es sei entscheidend notwendig, die Bildung zu überdenken, um die Jugendlichen darauf vorzubereiten, eine dezentralisierte, gemeinschaftliche und kluge Infrastruktur zu schaffen. Allerdings solle sie diese Bildung auch auf ein dezentralisiertes, gemeinschaftliches Sozialkapital in der Zivilgesellschaft vorbereiten.

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