Europas Städte in blinder Verdichtung

Alle größeren europäischen Städte leiden an Zersiedelung und einer blinden Verdichtung. Das stößt rasch auf den Widerstand der Anwohner und schafft langfristig Ghettos. Städte sollten dort verdichtet werden, wo es die konkreten Gegebenheiten anbieten, sagen Maria Sisternas und Jeff Risom im Interview. Die Verdichtung sollte sich nicht allein auf einzelne Grundstücke konzentrieren.

Kompakte Stadt und Ressourcenverbrauch: Stadtverdichtung mit Wohnhochhäusern (Foto: Architekturforum Zürich)
Kompakte Stadt und Ressourcenverbrauch: Stadtverdichtung mit Wohnhochhäusern (Foto: Architekturforum Zürich)

Alle größeren europäischen Städte leiden an Zersiedelung und einer blinden Verdichtung. Das stößt rasch auf den Widerstand der Anwohner und schafft langfristig Ghettos. Städte sollten dort verdichtet werden, wo es die konkreten Gegebenheiten anbieten, sagen Maria Sisternas und Jeff Risom im Interview. Die Verdichtung sollte sich nicht allein auf einzelne Grundstücke konzentrieren.

Die kompakte Stadt, möglichst um die Bahnhöfe und Haltestellen des öffentlichen Verkehrs gebaut, gilt als Lösung für die zunehmende Zersiedelung und den wachsenden Ressourcenverbrauch. Ist sie das auch?

Maria Sisternas: Die Zersiedelung ist ein großes Problem für alle größeren europäischen Städte. Wir haben deshalb den London Plan von 1999 untersucht, mit dem die stetige Ausdehnung der britischen Metropole verhindert werden soll. Wir kritisieren nicht das Gesamtkonzept einer kompakten Stadt, sondern nur zwei seiner Elemente. Das eine ist die Verdichtung um Knotenpunkte des öffentlichen Verkehrs. Denn das kann heißen, dass an einem Ort nur deshalb verdichtet wird, weil er über einen Bahnhof oder eine Metrostation verfügt. Immobilienentwickler streben dann an, an solchen Orten Hochhäuser zu errichten.

Was ist falsch daran?

Maria Sisternas: Solche Hochhäuser passen nicht zwingend zu dem, was an diesen Orten bereits besteht. Wir haben das am Beispiel von Ealing untersucht, einem Vorort von London. Auch dort wurde ein Hochhaus geplant, überproportioniert in seiner Größe und seiner  Baumasse. Der Immobilienentwickler traf auf den harten Widerstand der Anwohner.

Hätten die Verantwortlichen der Stadt mehr Überzeugungsarbeit leisten sollen?

Jeff Risom: Das haben Politiker und die Vertreter der Stadt auch versucht. Denn für sie stand das Vorhaben in Übereinstimmung mit dem London Plan. Weil Anwohner dagegen waren, wurde eine öffentliche Anhörung durchgeführt, bei der ein Staatssekretär der britischen Regierung eingreifen musste. Das Ergebnis war dann, dass das Hochhaus nicht für diesen Ort geeignet ist. Das Problem bei diesem Hochhausprojekt war, dass es keine Strategie gab, es in den lokalen Kontext einzufügen.

Ist Verdichtung generell falsch?

Maria Sisternas: Nein. Im konkreten Fall von Ealing gäbe es auch Raum zu Verdichtung. Die Häuser von Ealing waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts für acht bis neun Bewohner gebaut worden. Heute leben noch ein bis zwei Bewohner darin. Ealing sollte wieder verdichtet werden, um die Infrastruktur besser auszulasten. Aber das Konzept der kompakten Stadt vereinfacht den Grundgedanken der Verdichtung zu sehr. Es konzentriert sich zu sehr auf einzelne Grundstücke, weil der Immobilienmarkt das so will.

Jeff Risom: Wir könnten dafür Immobilienentwickler verantwortlich machen, die nur auf einem Grundstück bauen wollen. Wir können aber ebenso gut schwache Behörden dafür verantwortlich machen. Auch sie wollen lieber mit einem großen Immobilienentwickler an einem Ort als mit vielen Entwicklern an vielen Orten der Stadt zusammenarbeiten. Das ist leichter für sie.

Wer wird in den kompakten Stadtteilen wohnen wollen? Noch vor zwei Jahrzehnten drängten viele Städter lieber hinaus aufs Land.

Maria Sisternas: Wenn wir wieder das Beispiel Ealing nehmen: Hier ist die ursprüngliche Bausubstanz von hoher Qualität. Die Immobilienpreise für die älteren Grundstücke sind entsprechend hoch. In den letzten 50 Jahren ist aber sozialer Wohnungsbau hinzugekommen und damit auch viele Ausländer, die hier billigeren Wohnraum als im zentralen Teil Londons finden. Der Widerstand gegen das Hochhausprojekt kam von den wohlhabenderen Bewohnern, die den ursprünglichen Charakter Ealings bewahren wollten. Das ist auch unser zweiter kritischer Einwand gegen das Konzept der kompakten Stadt: Im Stadtzentrum können Hochhäuser sinnvoll sein. Aber in Vorstädten sind sie es oft nicht.

Weil es ein Ghetto schafft, indem sich langfristig die ärmeren Bewohner wiederfinden?

Jeff Risom: Langfristig gibt es dieses Risiko. Im Fall von Ealing planten die Entwickler dagegen teure Wohnungen für Wohlhabende. Die Erfahrung zeigt aber, dass solche Leute gar nicht in solchen stark verdichteten Gegenden wohnen wollen. Verdichtete Bebauung heisst oft auch kleinere Wohnungen – und das widerspricht dem Drang nach mehr Individualität, also dem Lebensstil derer, für die dieser Wohnraum gebaut wird. Viele Leute sind im Prinzip für die Verdichtung, aber nicht gerade dort, wo es sie betrifft.

"Verdichtung ist kein Allheilmittel"

Hat eine riesige Stadt wie London denn eine andere Wahl, als zu verdichten?

Jeff Risom: Wir sagen nicht, dass Verdichtung und Entwicklung von Industriebrachen schlecht sei. Aber das ist kein Allheilmittel. Es geht auch um den Zugang zu Dienstleistungen, zu Grünflächen und so weiter. An einigen Orten kann es sinnvoll sein, mit Hochhäusern zu verdichten. An anderen Orten muss auf andere Weise verdichtet werden. Es gibt Orte, an denen die Leute gern einkaufen gehen würden, aber heute sind da noch keine Geschäfte, weil es an Verdichtung fehlt. Man sollte deshalb die Orte identifizieren, an denen sinnvoll verdichtet werden kann, statt blind dort zu verdichten, wo sich ein Bahnhof oder eine Metrostation befindet.

Sollte auch künftig auf der grünen Wiese gebaut werden können?

Jeff Risom: Sicherlich. In London ist es sinnvoll, in Korridoren hin zu den Flughäfen Gatwick und Stansted zu bauen und zu verdichten.

Maria Sisternas: Aus meiner Sicht ist es falsch, weiter auf der grünen Wiese zu bauen. Ich komme aus Barcelona, einer kleineren Stadt. Für mich ist es schon heute unangenehm, mich in London zu bewegen. Ein Arbeitsweg von zwei Stunden ist für mich zu viel. London ist groß genug und sollte nicht weiter wachsen. Es gibt noch genug andere Möglichkeiten. Diejenigen, die allein oder zu zweit in ihren Häusern wohnen, sollten ermutigt werden, einen Teil des Gebäudes für Geschäfte oder dergleichen zuzulassen. Denn das ist ein weiteres Problem von Vororten: Es sind oft reine Wohnquartiere, es fehlt an Dienstleistungen.

Starker Umbruch im Verhältnis Innenstadt und Vorort

Sollen die Vororte also städtischer werden?

Jeff Risom: Das Verhältnis von Innenstadt und Vorort verändert sich derzeit stark. Ethnische Vielfalt etwa wird als ein Kennzeichen von Innenstädten angesehen. Ealing ist aber einer der ethnisch am stärksten durchmischten Teile Londons. Es geht also nicht mehr darum, die einzelnen Teile als entweder Innenstadt oder Vorort einzustufen und entsprechend zu entwickeln. Es geht vielmehr darum, nach den konkreten Gegebenheiten zu fragen, also nach den Beschäftigungsmöglichkeiten, den Arbeitswegen, den Dienstleistungen, den Grünflächen. Solche konkreten Elemente sind entscheidend, wenn es darum geht, ob ein Stadtteil wachsen soll.

Kann man die Erfahrungen einer Riesenstadt wie London auch im Rest Europas angewandt werden, der mit Ausnahme von Paris von kleineren Städten geprägt ist?

Maria Sisternas: Andere Städte können von der Londoner Regionalplanung lernen. In London hat die ganze Metropolitanregion ein Entwicklungskonzept, den London Plan. In Barcelona hat jede einzelne Stadt der Region ihr eigenes Konzept. Das macht es schwerer zusammenzuarbeiten.

Jeff Risom: Man kann immer von den Erfahrungen anderer Städte lernen. Aber man kann sie nicht eins zu eins anwenden. Es gibt bereits einen, wenn auch etwas oberflächlichen Erfahrungsaustausch zwischen Städten, etwa in der C40. Das sollte aber nicht nur auf der Ebene der Bürgermeister stattfinden, sondern auch auf der Stufe von Beamten oder zwischen Architekten und Stadtgestaltern. Vor allem fehlt ein Erfahrungsaustausch darüber, welche Lösungen funktionieren und welche Lösungen die Erwartungen enttäuscht haben. So weit wir wissen, gibt es auch nicht viele kritische Stimmen zum London Plan, obwohl er nun schon seit über zehn Jahren umgesetzt wird.

Interview: Steffen Klatt (nachhaltigkeit.org)

Zu den Personen:
Maria Sisternas ist Projektleiterin im Sekretariat von MedCities. Der Zusammenschluss von Städten im Mittelmeerraum wurde 1991 gegründet und hat seinen Sitz in Barcelona. Ziel ist die Verbesserung der Umwelt in der Region.

Der britische Stadtplaner Jeff Risom arbeitet für Gehl Architects in Kopenhagen.