Eurozone: Deutsche Arbeitskosten bleiben im Mittelfeld
Was die deutsche Exportwirtschaft befeuert, dämpft die Binnennachfrage: Im Vergleich zu anderen Eurostaaten wachsen die Arbeitskosten in Deutschland weiterhin unterdurchschnittlich. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung warnt: So lassen sich die hochproblematischen Ungleichgewichte im Euroraum nicht abbauen.
Was die deutsche Exportwirtschaft befeuert, dämpft die Binnennachfrage: Im Vergleich zu anderen Eurostaaten wachsen die Arbeitskosten in Deutschland weiterhin unterdurchschnittlich. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung warnt: So lassen sich die hochproblematischen Ungleichgewichte im Euroraum nicht abbauen.
Deutschlands Arbeitskosten steigen im EU-Vergleich weiterhin unterdurchschnittlich. Das geht aus dem Bericht zur Entwicklung der deutschen Arbeitskostenentwicklung im europäischen Vergleich 2009/2010 hervor, den das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung (IMK) am Dienstag in Berlin vorstellte. Grundlage sind die aktuellen Eurostat-Daten zum EU-Arbeitsmarkt.
"Nach der Krise ist vor der Krise", kommentierte IMK-Direktor Gustav Horn die Fortsetzung eines alten Trends. "Der vergleichsweise geringe Anstieg von Arbeits- und Lohnstückkosten reflektiert die verhaltene Lohnentwicklung in den vergangenen Jahren." Was der deutschen Exportwirtschaft eine "hervorragende internationale Konkurrenzfähigkeit" beschert, bereitet den IMK-Experten auch Sorgen. Das Problem der mangelnden Balance zwischen sehr starker Exportwirtschaft und relativ schwacher Binnennachfrage sei in Deutschland ungelöst. Solange die Löhne nicht stärker zulegten, ließen sich die "hochproblematischen Ungleichgewichte im Euroraum nicht abbauen".
Arbeitskostenentwicklung im Vergleich zum Euroraum
Im Großen und Ganzen sei die Entwicklung der Arbeitskosten in Deutschland gleich geblieben, so Horn. Zwischen 2000 und 2009 stiegen die deutschen Arbeitskosten nominal um durchschnittlich 1,9 Prozent pro Jahr. Im Durchschnitt des Euroraums mit 12 Ländern lag die jährliche Zunahme dagegen bei 2,9 Prozent. Auch im Krisenjahr 2009 stiegen die Arbeitskosten in der Bundesrepublik mit einem Plus von 2,3 langsamer als im Durchschnitt der Eurozone (Plus 2,9 Prozent).
Für 2011 rechnet das IMK mit einem Anstieg der deutschen Arbeitskosten pro Stunde um rund zwei Prozent. Das bedeute aber nicht, dass der Aufschwung über höhere Löhne die Binnennachfrage nachhaltig stärke. Wegen der verhaltenen Lohnentwicklung, der zu erwartenden Preissteigerung bei den Energie- und Lebensmittelkosten und leicht höherer Sozialabgaben bleibe der erhoffte "Konsumboom" aus, so Horn.
In den einzelnen Sektoren verlief die Entwicklung der deutschen Arbeitskosten unterschiedlich. Vergleichsweise hoch liegen die deutschen Arbeitskosten weiterhin in der Industrie. Nur in Belgien und Dänemark kosten die Arbeitsstunden im verarbeitenden Gewerbe mehr. Der Anstieg lag in Deutschland zwischen 2008 und 2009 allerdings erneut unter dem Durchschnitt der Eurozone. An achter Stelle findet sich Deutschland im Dienstleistungssektor.
IMK warnt vor billiger Zeitarbeit
Das IMK warnt, die positive konjunkturelle Entwicklung Deutschlands könnte durch niedrige Löhne ausgebremst werden. Zwar hätten Kurz- und Leiharbeit Deutschland geholfen, besser als andere Staaten durch die Krise zu kommen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Nun könnten diese Beschäftigungsformen aber zum Problem werden. In Deutschland zeichne sich weiter das Phänomen ab, dass Zeitarbeit teilweise deutlich schlechter entlohnt werde als reguläre Arbeit. Das begründe für Unternehmen den Anreiz, weitere feste Stellen durch Zeitarbeitsplätze zu ersetzen. "Das Auseinanderdriften zwischen Einkommens- und Vermögensschichten birgt die Gefahr einer neuen sozialen Spaltung", so Horn gegenüber EURACTIV.de.
Die IMK-Forscher fordern die Eindämmung des Niedriglohnsektors: Das Ende der Mini- und Midijob-Subventionen; flächendeckende, gesetzliche Mindestlöhne; und die Regulierung der Leiharbeit.
Besonders kritisch bewertet das IMK die Teilzeitbeschäftigung von Frauen. Hier sei Deutschland ein Extremfall. Rund 70 Prozent der arbeitstätigen Frauen in Deutschland kommen laut Statistischem Bundesamt auf weniger als 35 Wochenstunden, bei Männern liegt die Quote der Teilzeitbeschäftigung bei sechs Prozent. Um dieser Spaltung entgegenzuwirken, lohnt laut IMK-Experte Rudolf Zwiener ein Blick in die skandinavischen Länder. Dort werde in sozialen Bereichen mehr Geld ausgegeben und zugleich die Kinderbetreuung besser organisiert.
Eurozone: Zahl der Arbeitslosen sinkt
Unterdessen ist die Arbeitslosenquote im Euroraum gesunken. Im Januar betrug die Quote in den 17 Euro-Ländern 9,9 Prozent, wie das europäische Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte. Im Dezember hatte die Quote bei 10,0 Prozent gelegen.
Von den Mitgliedstaaten verzeichneten die Niederlande und Österreich (je 4,3 Prozent) und Luxemburg (4,7 Prozent) die niedrigsten Arbeitslosenquoten. Die höchsten Quoten meldeten Spanien (20,4 Prozent), Lettland (18,3 Prozent im dritten Quartal 2010) und Litauen (17,4 Prozent im vierten Quartal 2010).
Mimoza Troni
Links
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): Neuer europäischer Arbeitskostenvergleich des IMK. Deutsche Arbeitskosten entwickeln sich weiter unterdurchschnittlich – Platz im europäischen Mittelfeld. Pressemitteilung (1. März 2011)
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK): Deutsche Arbeitskosten und Lohnstückkosten im europäischen Vergleich – Auswirkungen der Krise. Auswertung der aktuellen Eurostat-Statistik bis 2010 (1. März 2011)
Eurostat: Arbeistmarktdaten 2010
Eurostat: Januar 2011. Arbeitslosenquote des Euroraums bei 9,9 Prozent. Quote der EU27 bei 9,5 Prozent (1. März 2011)