Experten: EU verfehlt fischereipolitische Ziele

Die EU wird ihr selbst gestecktes Ziel, bis 2015 die Fischbestände für einen nachhaltigen Ertrag aufzubauen, nach Ansicht von Experten nicht erreichen. Nur drei von 54 untersuchten Beständen werden nachhaltig bewirtschaftet.

Überfischt. Kabeljau gehört zu den zwölf Fischarten, die in europäischen Gewässern wegen Überfischung gefährdet sind. Foto: dpa
Überfischt. Kabeljau gehört zu den zwölf Fischarten, die in europäischen Gewässern wegen Überfischung gefährdet sind. Foto: dpa

Die EU wird ihr selbst gestecktes Ziel, bis 2015 die Fischbestände für einen nachhaltigen Ertrag aufzubauen, nach Ansicht von Experten nicht erreichen. Nur drei von 54 untersuchten Beständen werden nachhaltig bewirtschaftet.

"Die Fangquoten für 2010 liegen wieder weit über den Mengen, die einen Aufbau der Bestände zulassen würden", sagte der Fischereibiologe Rainer Froese vom Kieler Exzellenzcluster "Ozean der Zukunft" in einem Gespräch mit der dpa. Eine jetzt veröffentlichte Studie des Clusters zeigt: Nur 3 von 54 untersuchten Beständen haben ausreichende Größen und werden nachhaltig bewirtschaftet. Dabei handele es sich neben dem in Deutschland beliebten Seelachs um die Ostseesprotte und den eher unbekannten Stöcker.

Der Zustand von zwölf Beständen, darunter beliebte Speisefische wie Kabeljau und Scholle, sei so schlecht, dass sie sich selbst bei Einstellung der Fischerei nicht bis 2015 erholen könnten, sagte Froese.

Die EU-Kommission selbst schätzt in ihrem im April 2009 veröffentlichten Grünbuch "Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik", dass 88 Prozent der europäischen Bestände überfischt und 30 Prozent vom Zusammenbruch gefährdet sind.

Die neue EU-Kommissarin für Fischerei, Maria Damanaki, bekannte sich in ihrer Anhörung vor dem EU-Parlament zu einer nachhaltigen Fischereipolitik. Sie sagte, es gebe eine drastische Überfischung und nur wenn weniger Fisch gefangen werde, könnten sich die Bestände erholen. Sie sprach sich zudem dafür aus, die Aqua-Kultur (die Zucht von Meeresfischen und Meerestieren) soweit wie möglich auszubauen. (siehe EURACTIV.de Link-Dossier zur Kommission Barroso II)

In dem Grünbuch soll dies allerdings nicht mehr bis 2015, sondern erst fünf Jahre später erreicht werden. Froese hält auch das für optimistisch: "Bei den gegenwärtigen Trends wird die Erholung der Bestände über 30 Jahre dauern."

Das Zieldatum 2015 hätten sich die europäischen Länder erst 2002 beim Weltgipfel in Johannisburg zur nachhaltigen Entwicklung der Fischerei selbst gesetzt, betonte der Rechtswissenschaftler im Ozean-Cluster und Co-Autor der Studie, Alexander Proeßl. Er wies darauf hin, dass zwar nicht das Datum 2015, wohl aber die Verpflichtung zur nachhaltigen Fischerei seit 1982 in mehreren Verträgen verbindlich festgelegt worden sei. "Die EU verstößt schlicht und ergreifend gegen Völkerrecht, aber auch gegen eigenes, bindendes Recht, das Vorsorgeprinzip in Europa", sagte der Fachmann für internationales Recht.

Dabei würden von einer nachhaltigen Fischerei nicht nur die Natur profitieren, sondern auch Verbraucher und Fischer. 7,6 Millionen Tonnen Fisch wurden 2007 angelandet, wie Froese sagt. Hätte man sich rechtzeitig um die Erholung der Bestände gekümmert, hätte der Ertrag bei 13,6 Millionen Tonnen liegen können, rechnet der Biologe vor. In einer neuen Studie wollen er und sein Team vom Exzellenzcluster jetzt Lösungsvorschläge erarbeiten, wie die Bestände gesichert werden können.

red mit dpa

Dokumente / Download Links

EU-Kommission: Grünbuch "Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik" (22. April 2009)