Extremwetter und billiges russisches Öl bremsen Indiens Energiewende aus

Extreme Wetterbedingungen und er Überfluss von billigem russischem Öl belasten Indiens Bestreben, energieunabhängig zu werden, dazu hinkt das Land weiter seinen Zielen im Bereich der erneuerbaren Energien hinterher.

EURACTIV.com
PM addressing the Nation on the occasion of 76th Independence Day from the ramparts of Red Fort, in Delhi on August 15, 2022.
"Wir müssen in unserem Energiesektor aatmanirbhar [autark] sein", erklärte der indische Premierminister Narendra Modi in einer Rede am 15. August, dem indischen Unabhängigkeitstag. [<a href="https://www.pmindia.gov.in/en/image-gallery/%20" target="_blank" rel="noopener">Prime Minister's Office</a>]

Extreme Wetterbedingungen und er Überfluss von billigem russischem Öl belasten Indiens Bestreben, energieunabhängig zu werden, dazu hinkt das Land weiter seinen Zielen im Bereich der erneuerbaren Energien hinterher.

Im Frühjahr dieses Jahres erlebte Indien die schlimmste Stromkrise seit über sechs Jahren, als Kohleknappheit und eine früher als erwartete Hitzewelle weite Teile Südasiens heimsuchten, was zu einem sprunghaften Anstieg der Energienachfrage und weit verbreiteten Stromausfällen führte.

Darüber hinaus besteht die Gefahr, dass der Krieg in der Ukraine die Einführung erneuerbarer Energien in Indien verzögert, da das Land von billigen russischen Energieimporten profitiert.

Indiens Energiemix basiert derzeit auf Kohle für die Stromerzeugung, Öl für den Verkehr und die Industrie sowie Biomasse zum Heizen und Kochen in Privathaushalten.

In Neu-Delhi hat man jedoch erkannt, dass die steigende Stromproduktion und die Verringerung des Kohleverbrauchs mehr Investitionen in erneuerbare Energien, insbesondere in Wind- und Solarenergie, erfordern werden.

Die diesjährigen Engpässe könnten nach Ansicht von Expert:innen eine weitere Triebfeder für Indien sein, mehr in erneuerbare Energiekapazitäten zu investieren und seinen Energiebedarf zu sichern.

Autarkie anstreben

„Wir müssen in unserem Energiesektor aatmanirbhar [autark] sein“, erklärte der indische Premierminister Narendra Modi in einer Rede am 15. August, dem indischen Unabhängigkeitstag.

„Von der Solarenergie über die ‚Mission Wasserstoff‘ bis hin zur Einführung von Elektrofahrzeugen müssen wir diese Initiativen auf die nächste Stufe der Energieunabhängigkeit heben“, sagte Modi in Neu-Delhi.

Indien mache nicht nur in der Technologie Fortschritte, sondern auch in den Bereichen Wissenschaft, Raumfahrt und Meeresmissionen, fügte Modi hinzu.

So habe das Land beispielsweise sein Ziel, Ethanol aus Zuckerrohr und anderen landwirtschaftlichen Rohstoffen mit Benzin zu mischen, um seine Abhängigkeit von Importen zu verringern, früher als geplant erreicht.

„Wir waren bei der Deckung unseres Bedarfs stark von Ölimporten abhängig. Wir planten, dem Benzin eine 10-prozentige Ethanolbeimischung beizumischen. Es schien eine schwierige Aufgabe zu sein“, sagte Modi.

Das Ziel wurde im Juni erreicht, also weit vor dem ursprünglichen Zeitplan im November 2022. Daraufhin kündigte die indische Regierung das Ziel an, dem Benzin bis 2025 20 Prozent Ethanol beizumischen.

Rückstand bei Zielen für erneuerbare Energien

Letztes Jahr gab Indien bekannt, dass es bis 2070 Netto-Null-Emissionen erreichen will.

Das Land, das nach China und den USA der drittgrößte Verursacher von Kohlendioxidemissionen ist, legte dazu fünf Ziele vor. Dazu gehört, dass bis 2030 die Hälfte der Energie des Landes aus erneuerbaren Energien gewonnen werden soll, gegenüber 38 Prozent im Jahr 2020.

Aus Regierungskreisen hört man, dass man die Ziele höher hätte stecken können. Allerdings war man nicht bereit, ohne weitere finanzielle Unterstützung und den Technologietransfer aus reicheren Ländern ambitioniertere Ziele festzulegen.

In Indien werden bereits erhebliche Investitionen in erneuerbare Energien getätigt. Einem Bericht des Instituts für Energiewirtschaft und Finanzanalyse zufolge beliefen sich diese im Haushaltsjahr 2021/22 auf 14,5 Milliarden US-Dollar, was einem Anstieg von 125 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht.

Dennoch wird Indien sein Ziel für erneuerbare Energien in diesem Jahr voraussichtlich verfehlen, da nur etwas mehr als die Hälfte der geplanten Kapazität installiert wurde, wie ein Parlamentsbericht im August feststellte.

Das im Januar 2018 festgelegte Ziel hätte die indische Kapazität für erneuerbare Energien auf 43 Prozent des derzeitigen Energiemixes erhöht, wurde aber auf Mitte 2023 verschoben.

Billiges russisches Öl

Das verfehlte Ziel ist zum Teil auf die Verfügbarkeit von billigem russischen Öl im Überfluss zurückzuführen. Das Land ist der drittgrößte Erdölverbraucher der Welt und deckt über 80 Prozent seines Verbrauchs durch Importe.

Obwohl Russland in der Vergangenheit kein wichtiger Rohöllieferant für Indien war, wurde Neu-Delhi Anfang dieses Jahres zu einem Großabnehmer von verbilligtem Rohöl. Ab März stiegen die Importe aus Russland an.

Trotz politischem Druck aus dem Westen wird sich dieser Trend wahrscheinlich fortsetzen, auch weil vier der größten staatlichen Energieunternehmen Indiens – ONGC Videsh Ltd., Oil India Ltd., Indian Oil Corporation Ltd. und Bharat Petro Resources Ltd. – seit 2016 massiv in sibirische Ölfelder investiert haben.

Weitere Gründe sind laut dem indischen Parlamentsausschuss die langsamen Entscheidungsprozesse bei der Genehmigung von Solarprojekten und die Verschuldung staatlicher Energieunternehmen bei Entwicklern erneuerbarer Energien.

Das indische Ministerium für neue und erneuerbare Energien, das für die Erfüllung der Ziele zuständig ist, machte derweil die Corona-Pandemie verantwortlich.

Damit das Ziel von 50 Prozent erneuerbarer Energien erreicht werden kann, muss die Kapazität der erneuerbaren Energien in den nächsten neun Jahren um über 1.000 Prozent wachsen, so eine Studie des Council on Energy, Environment and Water (CEEW).

Grüner Wasserstoff könnte im Jahr 2070 19 Prozent der von der Industrie verbrauchten Energie liefern.

Einem kürzlich veröffentlichten Bericht zufolge könnte der Ausbau der sauberen Energie ein enormes Beschäftigungs- und Wirtschaftspotenzial mit sich bringen: Wenn Indien bis 2030 das Ziel von 500 GW nicht-fossiler Energiequellen erreicht, könnten 3,4 Millionen neue Arbeitsplätze im Bereich der sauberen Energie geschaffen werden.

Experten gehen davon aus, dass ein großer Teil dieser Arbeitsplätze auch lokale Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen und den Übergang näher an die Gemeinden heranbringen könnte.

Gleichzeitig haben Indien und die EU ihre Entschlossenheit bekräftigt, ihre Zusammenarbeit im Bereich des Klimawandels auszubauen, wobei die mögliche Gründung einer „grünen Wasserstoff-Allianz“ auf der Tagesordnung der bilateralen Gespräche im nächsten Jahr steht.

Da Neu-Delhi bis 2070 Netto-Null-Emissionen anstrebt, könnte die Aussicht, dass sich Indien zu einem globalen Vorreiter im Bereich der erneuerbaren Energien entwickelt, Chancen für die klimapolitische Zusammenarbeit zwischen der EU und Indien bieten.

[Bearbeitet von Kira Taylor und Frédéric Simon]