Forderungen nach einer Stilllegung des „Fukushima Europas“
Die Stilllegung eines 40 Jahre alten spanischen Atomkraftwerks, das nach demselben Muster wie der von der Katastrophe getroffene Reaktor Nr. 1 in Fukushima gebaut wurde, wird vielerseits heftig gefordert, während Brüssel die Sicherheit der EU-Anlagen hinterfragt und Stresstests für Atomkraftwerke gefordert hat.
Die Stilllegung eines 40 Jahre alten spanischen Atomkraftwerks, das nach demselben Muster wie der von der Katastrophe getroffene Reaktor Nr. 1 in Fukushima gebaut wurde, wird vielerseits heftig gefordert, während Brüssel die Sicherheit der EU-Anlagen hinterfragt und Stresstests für Atomkraftwerke gefordert hat.
Antonio Cornado, Kommunikationsleiter beim spanischen Consejo de Seguridad Nuclear(dem nuklearen Sicherheitsrat), bestätigte EURACTIV, dass das Atomkraftwerk (AKW) Santa Maria de Garona, das circa 110 km südlich von Bilbao liegt, einen Siedewasserreaktor (SWR) Mark 1-System von General Electric derselben Sorte wie im Reaktor Nr. 1 von Fukushima beinhaltet.
„Es ist dieselbe Art“, sagte er. Es sei ein Mark 1, doch gebe es mehrere Leistungsverbesserungen, die besser als die ursprüngliche Form seien. Es habe viele sicherheitsbedingte Änderungen gegeben.
Die Fragen über die Sicherheit des Modells seien seit 20 Jahren „geschlossen“, fügte er hinzu.
Der deutsche Europaabgeordnete Jo Leinen, der dem Umweltausschuss des Europäischen Parlaments vorsitzt, erklärte EURACTIV, dass die anderen Mitgliedsstaaten Deutschland folgen sollten, welches ein Moratorium ankündigte, um den Betrieb älterer AKW zu unterbrechen, bis die Stresstest durchgeführt worden sind.
Wenn ein Reaktor derselben Sorte wie in Fukushima in der Europäischen Union existiere, sollte es eine schnelle Risikobewertung sowie die notwendigen Konsequenzen für solche unmoderne Atomkrafttechnologie geben, sagte er.
Am 15. März hat EU-Energiekommissar Günther Oettinger den Europaabgeordneten erklärt, dass Stresstests an allen europäischen AKW durchgeführt werden würden, um ihre Fähigkeit, mit Katastrophen wie Erdbeben und Überschwemmungen umzugehen, sowie ihr Alter, ihre Bauart, ihre Ersatzsysteme und Fähigkeit, die Weiterführung der Operationen zu garantieren, einzuschätzen.
Eine Richtlinie über die Atomsicherheit würde dann im Juli 2011 den Tests folgen. Allerdings drängte Leinen auf ein ähnliches Moratorium wie in Deutschland für Spanien.
Man brauche dieselbe Sicherheit für alle in der Europäischen Union und keine zweitklassige Sicherheit in einigen Mitgliedsstaaten, sagte er.
Seine Worte fanden bei dem Greenpeace-Aktivisten für Atomfragen, Jan Haverkamp, Unterstützung. Garona hätte schon lange abgeschaltet werden müssen, sagte er. Man müsse es so schnell wie möglich einstellen.
Warnungen über Mark 1-Reaktor
In den 1970ern und 1980ern wurde der Mark 1-Reaktor auf Grund seines Drucksicherheitssystems von den Regulierungsbehörden der Vereinigten Staaten ernsthaft kritisiert. Ein Sicherheitsbeamter der Atomenergiekommission der Vereinigten Staaten, Stephen Hanauer, empfahl 1972, das Mark 1-System auf Grund seiner „schwerwiegenden“ Sicherheitsnachteile einzustellen.
Mitte der 1980er Jahre hatte Harold Denton, ein Beamter der Atomregulierungsbehörde, einem Bericht der „New York Times“ zufolge versichert, dass die Mark 1-Reaktoren eine 90-prozentige Wahrscheinlichkeit hätten, zu explodieren, wenn die Brennstäbe während eines Unfalls heißliefen und schmölzen.
Allerdings hätten dem Greenpeace-Aktivisten Haverkamp zufolge auch die modernsten AKW Probleme, mit der Klimakatastrophe umzugehen, die Japan traf – dies unterstütze seine Behauptung, dass alle Atomreaktoren eingestellt werden müssten.
Mehrere Ergänzungen und sicherheitsbezogene Änderungen wurden von den Atomregulierern der Vereinigten Staaten gefordert – und von GE durchgeführt. Sie wurden auch in alle SWR Mark 1-Sicherheitsbehälter von Fukushima Daiichi installiert.
Verbesserungen
In den kommenden Monaten werden die Ermittler zweifellos versuchen festzustellen, ob die verschiedenen Verbesserungen genügend waren oder ob man frühere Warnungen vor Mängeln in der Gestaltung erneut überprüfen muss.
Michael Tetuan, ein Pressesprecher von General Electric, erklärte EURACTIV, es sei „schwierig zu sagen“, ob alle die vom USA-Regulierer empfohlenen Änderungen beim Garona-AKW durchgeführt worden seien, doch seien sie mitgeteilt worden.
Er betonte, dass „während des Erdbebens mit Stärke 9 – des fünftgrößten Erdbebens seit Beginn der Aufzeichnungen – die SWR-Reaktoren von GE wie geplant funktioniert“ und ein „Sicherheitsabschalten eingeleitet“ hätten.
„Der Reaktor ist sicher“, wiederholte er mehrmals. Allerdings wolle man sich das, was hier geschehen sei, im Detail anschauen. Es werde viel diskutiert werden und sie nähmen an diesem Prozess teil.
Dr. Helmut Hirsch, ein unabhängiger wissenschaftlicher Atom-Berater, der unter anderem das Umweltministerium der österreichischen Regierung, die deutsche Bundesregierung und Greenpeace beraten hat, erklärte EURACTIV, dass das letzte Wort darüber noch nicht gesprochen worden sei, ob die Analyse von Harold Denton jetzt bestätigt worden sei.
Es habe sicherlich ein Versagen der Eindämmung in zwei Einheiten von Fukushima gegeben, also habe man eine Art Bestätigung, sagte er. Andererseits sei das Versagen keine dramatische Explosion gewesen sondern eher ein Stralungsleck. Das Versagen sei kleiner gewesen, mit kleineren Lecks.
Das Problem mit der Art des Siedewasserreaktors (SWR) Mark 1 von General Electric, sagte Hirsch, sei, dass seine sekundäre Behälterstruktur, die Strahlungslecks vermeiden sollte, „ein sehr kleines Volumen“ habe, das auf Grund eines Überdrucks einfacher versagen könne.
Spanische Anlage „funktioniert perfekt“
In Spanien aber betonte Cornado, dass Garona zur Zeit „perfekt funktioniere“ und dass Sicherheitsprüfungen nach dem Unfall in Fukushima nicht stattfänden, bevor man über mehr Details über den Unfall verfüge.
In der Zwischenzeit gebe es keinen Grund, die Anlage einzustellen, sagte er.
Die Frage sei nicht, ob Fukushima Garona ähnlich sei, kommentierte er. Die Frage sei, ob Spanien dieselben Risiken wie Japan laufe – und die Antwort laute „nein“.
Auf einer Höhe von 500m gelegen stehe der Reaktor höher als der in Fukushima und, da er mehr im Landesinneren liege, sei kein Tsunami möglich, sagte er. Er fügte hinzu, dass ein gleich gefährliches Erdbeben unmöglich sei, da das Gebiet sehr ruhig sei.
Nordspanien hat jedoch in der Vergangenheit geringefügige Erdbeben erlebt und ein Beben von 6,2 auf der Richterskala traf Granada vor einem Jahr.
Philosophisch betrachtet sei das keine gute Haltung, sagte Dr. Hirsch, da unerwartete Sachen passieren könnten. Die Anlage könne mehr belastet werden, als man bei der Gestaltung vorhergesehen habe.
Dies könnte von Hitzewellen, die die Stromversorgungen ausfielen ließen, bis zu Trockenperioden, die den Zugang zu frischem Wasser für Kühlungszwecke beeinträchtigten, über Terrorangriffe, die die Mark 1-Behälterstrucktur anzielten, reichen.
Was jetzt angebracht wäre, wäre es, sich die Robustheit der Gestaltung aus Sicherheitsgründen richtig im Detail anzuschauen, erklärte Dr. Hirsch EURACTIV.