Frauen in Spitzenpositionen: Deutschland hinkt hinterher

Die EU-Kommission will Aktiengesellschaften dazu zwingen, mehr Frauen in ihre Aufsichtsräte zu berufen. EU-Arbeitskommissar László Andor bezeichnet den Anteil von Frauen in den Vorständen deutscher Unternehmen als "armselig".

EU-Arbeitskommissar László Andor krisieirt, dass Frauen in der deutschen Wirtschaft kaum Spitzenpositionen bekleiden. Foto: EC
EU-Arbeitskommissar László Andor krisieirt, dass Frauen in der deutschen Wirtschaft kaum Spitzenpositionen bekleiden. Foto: EC

Die EU-Kommission will Aktiengesellschaften dazu zwingen, mehr Frauen in ihre Aufsichtsräte zu berufen. EU-Arbeitskommissar László Andor bezeichnet den Anteil von Frauen in den Vorständen deutscher Unternehmen als „armselig“.

Am Dienstag (5. April) legt EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier ein Grünbuch zur Unternehmensführung vor. Lediglich zwölf Prozent der Aufsichtsratsposten von börsennotierten Unternehmen in der EU sind mit Frauen besetzt, schreibt das Handelsblatt mit Verweis auf das 22-seitige Papier. Ohne gesetzliche Vorschriften könne es "noch weitere 50 Jahre dauern", bis sich daran etwas ändere.

Der EU-Kommissar für Beschäftigung, Soziales und Integration, László Andor, bezeichnete den Anteil von Frauen in den Vorständen börsennotierter deutscher Unternehmen als "armselig". Im Interview mit der "Frankfurter Rundschau" erklärt der Ungar, dass in Deutschland Frauen in der Politik prominent vertreten seien, während sie in der Wirtschaft kaum Spitzenpositionen bekleiden.

Quote als "Ultima Ratio"

Wenn "andere Mittel nicht greifen", könne eine Quote als "Ultima Ratio" helfen, Chancengleichheit herzustellen, so Andor. Festzustellen sei, dass Deutschland aus Brüsseler Sicht im EU-Vergleich hinterherhinke. Was die Studienplätze und -Abschlüsse angeht, hätten die Frauen in Deutschland schon mit den Männern gleichgezogen. "Aber Spitzenpositionen bleiben ihnen verwehrt. Das ist für gut ausgebildete Frauen demotivierend und ein Verlust für die gesamte Gesellschaft."

Das Grünbuch attestiert Frauen "einen anderen Führungsstil": Sie würden öfter als Männer an Aufsichtsratssitzungen teilnehmen. Zudem hätten sie einen "positiven Effekt auf die kollektive Intelligenz eines Konzerns".

"Unbestreitbar positive Auswirkungen"

Die Beförderung von Frauen in Spitzenpositionen habe "unbestreitbar positive Auswirkungen" auf die Wirtschaft, heißt es weiter. Nur so könnten Unternehmen die besten Talente für das Management nutzen. Wissenschaftliche Untersuchungen zufolge würde mit dem Anteil der Frauen in den Spitzengremien die Leistung des Unternehmens wachsen.

EU-Justizkommissarin Viviane Reding hatte Ende Januar erklärt, dass der Frauenanteil in Aufsichtsräten bis 2015 auf 30 Prozent steigen solle. Reding setzt dabei zunächst auf eine Selbstverpflichtung der Wirtschaft. "Ich glaube, dass Selbstverpflichtungen schon etwas ändern könnten, wenn sie glaubwürdig sind und in ganz Europa Wirkung zeigen. Ich werde das Thema in einem Jahr noch einmal aufgreifen. Wenn die Selbstverpflichtungen wirkungslos sind, werde ich weitere Maßnahmen auf EU-Ebene ergreifen", sagte Reding Anfang März (EURACTIV.de vom 8. März 2011).

dto

Links

Dokumente

EU-Kommission: EU-Justizkommissarin Viviane Reding drängt auf höheren Frauenanteil in den Vorstandsetagen europäischer Unternehmen (1. März 2011)

EU-Kommission: Strategie für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2010-2015 (21. September 2010)

EU-Kommission: Website mit Informationen zur ausgewogenen Mitwirkung von Frauen und Männern an Entscheidungsprozessen

Presse

Frankfurter Rundschau:
"Deutschland hinkt hinterher" (3. April 2011)

Handelsblatt: EU-Kommission will Frauenquote einführen (3. April 2011)

Mehr zum Thema auf EURACTIV.de

Andor: "So kann es mit ESF nicht weitergehen" (29. März 2011)

"Das Jahrhundert der Frauen ist noch nicht vorbei" (9. März 2011)

Debatte um verbindliche Frauenquote (8. März 2011)

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