Globale Ernährungssicherung ‚durch Liberalisierung in Gefahr’ [DE]
Eine vollkommene Liberalisierung des weltweiten Handels mit Agrarprodukten ohne jegliche Regeln würde die weltweite Ernährungssicherung bedrohen, da private Investmentfonds riesige Landmengen in Entwicklungsländern kaufen würden und gewinnorientiert statt zur Ernährung der Armen produzieren würden. Davor warnte Jacques Carles, Gründer von Momagri, eines französischen Think-Tanks zur Landwirtschaft, in einem Interview mit EURACTIV.
Eine vollkommene Liberalisierung des weltweiten Handels mit Agrarprodukten ohne jegliche Regeln würde die weltweite Ernährungssicherung bedrohen, da private Investmentfonds riesige Landmengen in Entwicklungsländern kaufen würden und gewinnorientiert statt zur Ernährung der Armen produzieren würden. Davor warnte Jacques Carles, Gründer von Momagri, eines französischen Think-Tanks zur Landwirtschaft, in einem Interview mit EURACTIV.
„Wenn Freihandel von jeglichen Verordnungen befreit wird, werden nur die internationalen Investmentfonds und Spekulanten profitieren und nicht die Armen“, sagte Carles, geschäftsführender Direktor von Momagri (Mouvement pour une organisation mondiale de l’agriculture).
Private Investmentfonds stürzten sich bereits auf den Erwerb landwirtschaftlicher Flächen in der ganzen Welt, warnte er und fügte hinzu, dass „wir eine sehr gefährliche Entwicklung nehmen“, bei der diese Fonds und Spekulanten riesige Mengen an Land besitzen und darauf entsprechend der Weltnachfrage für den eigenen Profit produzieren.
Momagri wurde von Carles, einem Berater, zusammen mit Pierre Pagesse, Vorsitzender von Limagrain, einer französischen Saatfirma, die auch gentechnisch veränderten Mais herstellt, gegründet.
Bei einer Liberalisierung des Welthandels würde die Frage der Eigentümer tatsächlich zu Spekulationen führen und sich auf die Preise auswirken, argumentierte er und betonte, dass dies in keinster Weise im Interesse der weltweiten Ernährungssicherheit sei.
Carles meinte, dass Investitionen in Land heute als eine der am profitreichsten Investitionen gelten würden und internationale Fonds versuchten, überall Land zu kaufen. „Man kann hunderttausende Hektar Land in Afrika für einen lächerlichen Preis kaufen“, betonte er.
Dann würden Söldner in diese Ländereien geschickt, um die umliegenden Gegenden zu „sichern“, die ländlichen Bewohner von ihrem Land zu jagen, die nationalen Wälder zu roden und eine Reihe von extensiven und intensiven Kulturen anzubauen, sagte Carles. In der Zwischenzeit werde die gesamte Produktion re-exportiert und das Gastland habe keinerlei Nutzen davon, fügte er hinzu.
Experte Dominique Lasserre von Momargi fügte hinzu, dass „die aktuelle Entwicklung uns zu einer Situation führt, bei der die Weltproduktion der Nahrungsmittel von wenigen privaten Akteuren dominiert wird, die Druck auf Käufer und Konsumenten ausüben.“ Dies würde zu einer völlig „finanzdominierten“ Agrarindustrie führen, die sehr gefährlich für die internationalen Beziehungen werden könne.
Daher, fügte Carles hinzu, sei es notwendig, „eine globale Organisation für Agrarwirtschaft zur Kontrolle der Investitionen, der Preise und der Nahrungsmittelverteilung“ zu errichten.
Er betonte, dass Momagri mit Sitz in Frankreich, dem größten Agrarland der EU, nicht direkt die Unterstützung der Regierung suche. Er hoffe, politische Entscheidungsträger durch die Herausforderung eines Wandels in der öffentlichen Meinung zu überzeugen. Der Think-Tank versucht die Unterstützung von Wissenschaftlern, der Welt der Landwirtschaft, der Agrar- und Lebensmittelindustrie und den Banken zu erhalten.
Mangelnde Investitionen in die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern
Laut Carles besitzt jeder Staat und jede Region eine gewisse „landwirtschaftliche Produktion und ein Nahrungsmittelpotential“, aber durch mangelnde Investitionen, insbesondere in armen Ländern, werde dieses Potential nicht immer genutzt.
In den vergangenen 30 Jahren habe die Weltbank nur 3% der Beihilfen für die Landwirtschaft bewilligt, obwohl 80% der Bevölkerung der armen Länder ihren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft bestreiten, stellte er fest und wies auf eine „vollständige Trennung zwischen den internationalen öffentlichen Investitionen und den Bedürfnissen dieser Länder“ hin.
Internationale Institutionen entschieden sich gegen Investitionen in die Landwirtschaft aus Angst, dass die ländliche Bevölkerung in den Entwicklungsländern in die Großstädte abwandern würde, um wie im Europa des 19. Jahrhunderts als Arbeitskräfte für die Industrie zur Verfügung zu stehen. „Aber dieses Modell kann heute nicht funktionieren“, betonte Carles.
So gebe es heute weit mehr Menschen als im 19. Jahrhundert, die Industrie brauche weit weniger Arbeitskräfte als früher und die meisten Menschen arbeiteten im Dienstleistungssektor und nicht in der Industrie. In Afrika gebe es jedoch keine große Verlagerung auf Dienstleistungen und Landflucht in den ärmsten Ländern führe zu Arbeitslosigkeitsraten von 50-80% in Städten wie Kalkutta und Dakar, sagte Carles.
Doha: Ein ‚vollkommener Schwindel’
Die Doha-Entwicklungsrunde sei „ein vollkommener Schwindel”, weil sie auf einem Modell der Weltbank basiere, nach dem eine Liberalisierung den ärmeren Ländern zugute kommen werde. Dies könne aber in keinster Weise bewiesen werden, argumentierte Carles weiter.
Er betonte, dass Pascal Lamy, Generaldirektor der Welthandelsorganisation (WTO), „die Doha-‚Entwicklungsrunde’ mit Zynismus eröffnet hat”. Das Gerede darüber, dass eine Einigung über Doha armen Ländern helfen werde, sei lediglich ein Medienstreich, um die allgemeine Öffentlichkeit für die Verhandlungen zu interessieren, die ansonsten viel zu kompliziert seien.
In Wirklichkeit seien es die Entwicklungsländer, die den Doha-Prozess blockierten, weil sie erkannt hätten, dass ein Verhandlungsabschluss unter jetzigen Bedingungen für sie katastrophal wäre. Mit einem Doha-Abschluss „könnten Investment-Fonds und Spekulanten in Afrika produzieren und ihre Produkte ohne Zölle oder andere Tarife in die EU und die USA exportieren, womit sie reinen Gewinn machen würden und den Aktienmarkt und Spekulationen beeinflussen würden“, so Carles.
Während die Europäische Kommission einen Abschluss der Doha-Runde unterstützt, führt die französische Regierung das Lager der Gegner von jeglichen ernsthaften EU-Handelszugeständnissen und Kürzungen der GAP-Subventionen an. So hat sie die EU-Handelskommissarin öffentlich dafür kritisiert, dass sie in den Verhandlungen zu viele Zugeständnisse mache.
Mindestregulierung des Welthandels nötig
Wenn Europa einen freien Markt und die Entwicklung von internationalem Handel wolle, „ist für den Fall einer Krise ein Mindestmaß an Regulierung nötig”, so Carles.
Er betonte außerdem, dass Freihandel extrem starken Spekulationen unterliegt, vor allem in Bezug auf Rohstoffe, und dass „es unmöglich ist, die landwirtschaftliche Entwicklung zu gewährleisten, wenn die Preise so schwankungsanfällig sind.”
Währenddessen ist er davon überzeugt, dass „man viel Gewinn daraus schlagen kann, dass man Entwicklungsländern mit starkem Bevölkerungswachstum dabei hilft, ihre Nahrungsmittelautonomie zu steigern.” Aber um nachhaltige Gewinne zu erwirtschaften, müssten Investitionen in diese Länder durch ausbalancierte Preise und beschränkte Schwankungen geschützt werden, um Investitionen weniger riskant zu machen. „Sonst wird außer spekulativen Fonds niemand in Entwicklungsländer investieren“, warnte er.
Momagri-Modell: Eine neue weltweite Organisation der Landwirtschaft
Die Liberalisierung des Handels mit landwirtschaftlichen Produkten „macht keinen Sinn”, vor allem weil nur 5-10% der Agrarprodukte gehandelt werden und die meisten Produkte auf der Stelle konsumiert würden.
Carles erklärte, dass das Momagri-Modell die Welt in zehn Zonen aufteilen würde, innerhalb derer der Handel mit landwirtschaftlichen Produkten innerhalb bestimmter Referenzpreise liberalisiert wäre. An einen angemessenen Lebensstandard orientierte ‚Gleichgewichtspreise’ für Getreide, Milch und andere Produkte würden sowohl Verbrauchern als auch Produzenten faire Preise garantieren.
Märkte würden innerhalb dieser Referenzpreise vollkommen frei agieren und staatliche Eingriffe würden sich auf Fälle beschränken, in denen sich die Preise unter oder über den Referenzpunkten bewegten, fügte Carles hinzu.
Er erläuterte auch, dass der Spielraum für Preisschwankungen für reiche Länder größer und für arme Länder viel kleiner wäre. Im letzteren Fall würden sich die Preise nur wenig ändern, damit die Länder Investitionen anziehen könnten.
„Unser Modell für internationale Zusammenarbeit schafft ein gutes Gleichgewicht zwischen Ernährungssicherheit und Wirtschaftlichkeit”, argumentierte Carles.
Er betonte, dass es viel profitabler sein werde, in arme Länder zu investieren, um die Nahrungsmittelproduktion vor Ort sicherzustellen, da die Nachfrage nach Lebensmitteln in diesen Ländern deutlich ansteigen werde und Umweltaspekte in die Produktions- und Konsumabläufe miteinbezogen werden müssten.
„Aufgrund von Umweltbelangen und des CO2-Ausstoßes vom Transport glauben wir nicht, dass sich der internationale Handel mit landwirtschaftlichen Gütern stark entwickeln wird“, sagte er.
Das vollständige Interview finden Sie hier.