Gründerinnen: Mutig, dreist, selbstständig

Warum gründen Frauen seltener Unternehmen als Männer? Liegt es am mangelnden Mut, an fehlender Förderung, an der Kinder-Falle? Die Soziologin und Gründerin Hanne Seelmann-Holzmann spricht im Interview mit EURACTIV.de über Gleichstellung, Schaumschläger und Miniröcke.

Die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1989. Würde ein Bankmitarbeiter dieser Frau blöd kommen? Foto: EC.
Die britische Premierministerin Margaret Thatcher 1989. Würde ein Bankmitarbeiter dieser Frau blöd kommen? Foto: EC.

Warum gründen Frauen seltener Unternehmen als Männer? Liegt es am mangelnden Mut, an fehlender Förderung, an der Kinder-Falle? Die Soziologin und Gründerin Hanne Seelmann-Holzmann spricht im Interview mit EURACTIV.de über Gleichstellung, Schaumschläger und Miniröcke.

Zur Person

" /Dr. Hanne Seelmann-Holzmann ist Soziologin und Wirtschafts-wissenschaftlerin. An der International Business School in Nürnberg (IBS) lehrt sie das Fach Intercultural Management. 1994 machte sich Seelmann-Holzmann mit der Beratungsfirma "Dr. Hanne Seelmann Consultants" selbstständig. Ihr Spezialgebiet ist Asien. Außerdem ist Seelmann-Holzmann "Europäische Botschafterin für Frauen als Unternehmerinnen" (WES), einem von der Europäischen Kommission geförderten Netzwerk.
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EURACTIV.de: Nur 34,4 Prozent der Selbstständigen in der EU sind laut aktuellen Statistiken Frauen. Fehlt Frauen der Mut?

SEELMANN-HOLZMANN: Wer sich für die Selbstständigkeit entscheidet, ist schon überdurchschnittlich mutig. Bei Frauen wie bei Männern dominieren Persönlichkeitstypen, die sich in der abhängigen Beschäftigung wohler fühlen. Und dann gibt es diese Gründertypen, die sagen: ‚Oh Nein, als Angestellter fühle ich mich eingeengt!‘.

Ich denke nicht, dass Frauen prinzipiell der Mut zur Selbstständigkeit fehlt. Ihnen fehlen einfach Vorbilder. Es ist ganz wichtig, dass sie sich mit anderen Frauen austauschen können, die den Schritt gewagt haben. Die können erzählen, was sie erlebt und bewältigt haben, auch an Zuschreibungen und Zumutungen.

Selbst und ständig


EURACTIV.de:
Dafür sind Sie zuständig. Als Botschafterin des EU-geförderten Netzwerks "Female Entrepreneurship" unterstützen Sie Gründerinnen. Was bieten Sie?

SEELMANN-HOLZMANN: Wir zeigen Chancen und Risiken der Selbstständigkeit auf. Es hört sich vielleicht schön an, wenn man sich mit einem Kosmetikstudio selbstständig machen will. Aber man muss potenziellen Gründerinnen auch sagen: ihr braucht einen langen Atem. Ihr müsst euch selbst motivieren können, wenn niemand da ist. Der Spruch stimmt: selbstständig heißt "selbst" und "ständig". Aber: es hat natürlich seine Vorteile, die eigene Chefin zu sein. Die positiven und kritischen Punkte gilt es alle darzustellen. Das ist Aufgabe dieses Netzwerkes. Wir beraten und ermutigen Frauen.

‚Ich will das, ich mach das‘


EURACTIV.de:
Inwieweit können öffentliche Förderprogramme die Gleichstellung voranbringen?

SEELMANN-HOLZMANN: Ich kämpfe seit 40 Jahren für die Gleichberechtigung von Frauen und habe festgestellt, Förderprogramme sind für diejenigen hilfreich, die wollen. Aber das ist halt die Minderheit. Wenn ich die innere Motivation nicht habe, wenn ich die Einstellung nicht habe, zu sagen ‚Ich will das, ich mach das‘, helfen mir Förderprogramme auch nicht weiter. Ähnlich ist es bei gesetzlichen Quoten für Frauen in Führungspositionen. So wie es jetzt aussieht, werden wir schlicht und einfach keine Frauen haben, die solche Quoten erfüllen, sollte man diese gesetzlich vorschreiben.

EURACTIV.de: Machen sich Frauen eigentlich hauptsächlich in typischen "Frauenbranchen" selbstständig?

SEELMANN-HOLZMANN: Ja, natürlich. Das ist auch naheliegend. Die Gründungen folgen den Schwerpunkten in der Ausbildung und der Berufstätigkeit. Ein Beispiel wäre der Pflegebereich. Es sind dann oftmals kleine Unternehmen mit ein bis drei Mitarbeitern.

Freiheit der Gründerinnen: eine Milchmädchenrechnung?

EURACTIV.de: Gibt es deshalb wenige bekannte Gründerinnen in Deutschland?

SEELMANN-HOLZMANN: Fallen Ihnen Männer ein, die in letzter Zeit große Gründungen vollbracht hätten?

EURACTIV.de: Nein.

SEELMANN-HOLZMANN: Mir fallen auch eher Namen aus den Nachkriegsjahren ein, und aus den frühen 80ern.

EURACTIV.de: Kommen wir noch einmal zur Gründermentalität. Wie sieht die aus?

SEELMANN-HOLZMANN: Selbstständigkeit ist eine ganz bestimmte Art des Vorgehens, der Tätigkeit, der Motivation. Es ist zugleich eine ganz ungesicherte Situation. Wenn Frauen Kinder haben und alleinerziehend sind, dann werden sie nicht auch noch diese Unsicherheit auf sich nehmen können. Es ist ein unheimlicher Kraftakt, eine Firma selbstständig hochzuziehen.

EURACTIV.de: Einige Frauen meistern diesen Kraftakt. Welche Motive haben sie?

SEELMANN-HOLZMANN: Das sind die gleichen Motive wie bei Männern. Bei Frauen dominiert vielleicht der Wunsch, eigenbestimmt zu arbeiten. Anders als in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis können Gründerinnen Aufgaben und Tätigkeiten unter Umständen besser miteinander kombinieren und in Einklang bringen, etwa indem sie sich ihre Zeit freier einteilen. Häufig bleibt diese Idee aber eine Milchmädchenrechnung. Wenn man die eigene Firma intensiv vorantreibt, wird sich oft herausstellen: Man muss viel mehr arbeiten als eine Angestellte, um auf ein vergleichbares Einkommen zu kommen.

"Frauen vergessen oft die Bedeutung von Machtcodes"

EURACTIV.de: Macht es die Geschäftswelt Gründerinnen besonders schwer? Werden sie beispielsweise nicht so ernst genommen wie Männer?

SEELMANN-HOLZMANN: Wenn Sie als Frau in einer Bank auftauchen und nach einem Kredit fragen, werden Sie natürlich kritischer beäugt. Eine subtile Diskriminierung ist da. Aber in diesen Situationen liegt es auch in den Händen der Frauen. Natürlich kann mich der Junge von der Bank erst einmal dumm anreden. Wenn ich aber auftrete wie Maggie Thatcher, wird er das schon nach meinem dritten Satz nicht mehr tun.

Es geht um Machtcodes. Wann überhöre ich alle möglichen Unverschämtheiten? Wann lächele ich nicht mehr so freundlich? Das ist ein Wechselspiel. Sie treffen als Frau auf Erwartungen und Vorurteile. Wenn Frauen die Klischees bedienen, wenn sie da in einem kurzen Röckchen sitzen und schüchtern lächeln, haben sie keine Chance. Aber wenn Sie die Jungs auch mal auflaufen lassen, dann verbessern sich Ihre Erfolgsaussichten.

EURACTIV.de: Gehen Frauen und Männer bei Gründungen prinzipiell unterschiedlich vor? Allgemein gelten Männer als risikofreudiger…

SEELMANN-HOLZMANN: Das lässt sich schon beobachten. Männer preschen vor. Sie haben noch keinen einzigen Kunden, aber schon ein Riesenbüro und Visitenkarten. Viele männliche Gründer sind erstmal Schaumschläger. Frauen vergessen oft die Bedeutung dieser ganzen Statussymbole, dieser Machtcodes.

Ich habe im Beratungsgeschäft selbst Mitbewerber, 28-jährige Jungs, deren Chuzpe verschlägt Ihnen die Sprache. Die stellen sich hin und tun so, als hätten sie 30 Jahre Erfahrung im Asiengeschäft – ich übertreibe jetzt etwas. Aber das ist einfach eine Frechheit, von der man sich als Frau vielleicht eine Scheibe abschneiden könnte.

Alte Rollenbilder im Westen

 
EURACTIV.de: Frechheit ist empfehlenswert?

SEELMANN-HOLZMANN: Ja, auf jeden Fall. Umgekehrt treten Frauen oftmals viel zu bescheiden auf. Als Privatdozentin an der International Business-School in Nürnberg mache ich auch diese Erfahrung: Manche Studenten sind groß im Bluffen. Manche Studentinnen bringen dagegen die Leistung, reden aber nicht drüber.

EURACTIV.de: Heute ist der 100. Internationale Frauentag. Ist die Gleichstellung so weit, sie sie sein sollte?

SEELMANN-HOLZMANN: Nein, natürlich nicht. Es gab gewaltige Fortschritte, aber es ist in Deutschland noch lange nicht das erreicht, was ich mir wünschen würde. Aber um es deutlich zu sagen: Daran sind auch die Frauen schuld. Im Ostdeutschland ist man teilweise weiter. Da wollen Frauen diese kontinuierliche, lineare Berufstätigkeit. Im Westen dagegen erlebe ich oft: Sobald die Familiengründung ansteht, ist das alte Rollenmodell wieder da.

Wer will, findet Wege

EURACTIV.de: In den ehemaligen Ostblock-Staaten wurde der "Frauentag" gefeiert, im Westen der "Muttertag". Ist das symptomatisch für die Haltung der Gesellschaft?

SEELMANN-HOLZMANN: Ganz genau. Bei uns im Westen wurde der Internationale Frauentag nur von den Linken gefeiert. Das war wirklich ein Unterschied, auch im Rollenverständnis. Im Westen gibt es immer noch diese "Mutterideologie". Die ehemalige TAZ-Chefredakteurin Bascha Mika hat es auf den Punkt gebracht: es geht nicht immer nur ums Jammern. Den Frauen, die wirklich etwas tun wollen, helfen Quoten und Förderprogramme. Aber für eine Mehrheit gilt das Sprichwort: ‚Wer will, findet Wege. Wer nicht will, findet Gründe‘. Wenn ich keine Lust habe, dann sind mir die Arbeitszeiten zu schlecht, dann ist die Welt zu frauenfeindlich, usw..

EURACTIV.de: Wie kann man Frauen ermutigen, die sich nicht selbst ermutigen können?

SEELMANN-HOLZMANN: Das werden sie nicht schaffen. Es gibt noch ein anderes Sprichwort: ‚Sie können niemanden zum Jagen tragen‘. Wenn es familiäre Gründe für ihre Passivität gibt, sprechen Frauen häufig nicht darüber. Wenn ihre Männer oder die eigene Familie sie subtil bremsen, ihnen die Selbstständigkeit zum Vorwurf machen würden. Viele Frauen sind in solchen Fällen auf Harmonie bedacht. Andere Frauen sagen: ‚Ich mach das. Punkt‘. Aber das ist eine Einstellung von Frauen, die bei uns in Deutschland nicht unbedingt belohnt wird.

Kinder und Karriere in China


EURACTIV.de:
Sie sind als Beraterin viel in Asien unterwegs. Wie läuft es dort?

SEELMANN-HOLZMANN: Die Unterschiede sind gewaltig. In China ergreifen junge Frauen heute mit beiden Händen ihre historisch einmalige Chance, am wachsenden Wohlstand und an der Macht teilzuhaben. Dahinter steckt auch eine Tradition: In China werden Frauen seit mindestens 60 Jahren nicht ermutigt, am Berufsleben teilzunehmen, es wird von ihnen erwartet. Natürlich wollen Chinesinnen heiraten und Kinder bekommen, aber sie arbeiten trotzdem. Man kann die Welten gar nicht vergleichen. Es geht um andere kulturelle Werte. In China wird einer Mutter nicht vorgeworfen, sie schade ihrem Kind, wenn sie nicht den ganzen Tag zuhause bleibt.

Interview: Mimoza Troni

Links

EU-Kommission: The European Network to Promote Women’s Entrepreneurship (WES)

EU-Kommission: Frauen als Unternehmerinnen: mehr Mut zum Risiko. Pressemittelung (8. Dezember 2010)

EURACTIV: EU to start mentoring scheme for businesswomen (24. Februar 2011)