Habecks Wasserstoffimporte sind wohl Klimasünder

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will Wasserstoff aus aller Welt zu importieren, um so den Energiehunger der deutschen Wirtschaft zu stillen. Eine neue Studie stellt nun infrage, ob das wirklich klimafreundlich ist.

Euractiv.de
Berlin Energy Transition Dialogue Conference 2022
Robert Habecks Pläne für eine globale Wasserstoffwirtschaft könnten möglicherweise mit größeren Klimarisiken behaftet sein als ursprünglich gedacht. EPA-EFE/CLEMENS BILAN

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck plant, Wasserstoff aus aller Welt zu importieren, um so den Energiehunger Deutschlands zu stillen. Eine neue Studie stellt die Klimafreundlichkeit von Wasserstofftransporten allerdings infrage. 

Eins ist allen Politikern und Experten klar: Deutschland ist ein Energieimportland. Um den Weg zur Klimaneutralität zu bestreiten, will die Bundesregierung vor allem auf den Import von Wasserstoffmolekülen aus der ganzen Welt setzen. Der Krieg in der Ukraine und die Abhängigkeit von russischen Energieimporten hat diese Bemühungen noch weiter beschleunigt.  

Dabei soll Wasser mithilfe von erneuerbarem Strom gespalten werden, der Wasserstoff dann nach Deutschland verschifft und der deutschen Industrie als Grundstoff und Energiequelle dienen. Noch vor Kurzem hat Habeck diesbezüglich eine Wasserstoff-Partnerschaft mit den Vereinigten Arabischen Emiraten verkündigt.

Den Aufbau von globalen “Wasserstoffversorgungsketten” diene demnach der “Erreichung unserer Klimaziele und zugleich unsere Energiesicherheit”, so Habeck am 21. März.

Auch der “Berlin Energy Transition Dialogue” im Auswärtigen Amt Anfang April stand ganz im Zeichen der globalen Wasserstoffwirtschaft. Vertreter von Regierungen aus der ganzen Welt vereinbarten sowohl miteinander als auch mit deutschen Vertretern erste Verträge, um Wasserstoff zu liefern.

Gestützt wird der globale Wasserstoffhandel von der deutschen Regierungsstiftung H2Global, die den Handel mit dem Gas mit €900 Millionen aus der Staatskasse unterfüttern wird.

Ob der Wasserstoff, der industrielle Prozesse als auch die Schiffs- und Luftfahrt dekarbonisieren soll, allerdings hält, was er verspricht, wird inzwischen allerdings in Zweifel gezogen.

Denn Wasserstoff könnte um einiges klimafeindlicher sein als gedacht, besonders wenn es vor der Verwendung austreten und in die Atmosphäre gelangen sollte.

“Wir schätzen das Wasserstoff-GWP(100) auf 11 ± 5; ein Wert, der um mehr als 100 % höher liegt als zuvor veröffentlichten Berechnungen,” schreiben die Autoren einer Studie der britischen Regierung.

Das GWP, das Treibhauspotential, misst den relativen Beitrag, den diverse chemische Verbindungen zum Treibhausgaseffekt beitragen. Als Grundlage dient dabei CO2, das GWP bildet also ab, wie viel schlechter Gase wie Methan oder die inzwischen verbotenen Fluorchlorkohlenwasserstoffe fürs Klima sind.

Das würde bedeuten, dass Wasserstoff auf 100 Jahre gerechnet bestenfalls ganze sechsmal schlechter fürs Klima ist als CO2. Im schlimmsten Fall könnte sich Wasserstoff sogar als 16 Mal schädlicheres Treibhausgas erweisen. 

Die Studie, die vom britischen Ministerium für Wirtschaft, Energie und Industriestrategie (BEIS) in Auftrag gegeben wurde, fand zusätzlich, dass Wasserstoff schon auf 20 Jahre gerechnet den Klimawandel enorm anfeuern würde.

“Für einen Zeithorizont von 20 Jahren ergibt sich ein GWP(20) für H2 von 33 [33-mal schlechter fürs Klima als CO2], mit einem Unsicherheitsbereich von 20 bis 44,” so die Autoren. 

Wasserstoff ist selbst kein “wahres” Treibhausgas und zeigt seine Wirkung vor allem, indem es andere Gase stabilisiert neu bindet.

“Wasserstoff, der in die Atmosphäre entweicht, ist ein so starkes Treibhausgas, weil er die Lebensdauer von Methan in der Atmosphäre verlängert, sodass es dort verbleibt und weiterhin zum Treibhauseffekt beiträgt,” erklärt Steven Hamburg.

Hamburg ist leitender Wissenschaftler beim Environmental Defense Fund (EDF), einer amerikanischen NGO und war Hauptautor beim UN-Klimabericht IPCC. 

„Wasserstoff reagiert in der Troposphäre und formt Ozon, das ebenfalls zum Treibhauseffekt beiträgt. Und Wasserstoff zerfällt in der Stratosphäre zu Wasserdampf, der ebenfalls zum Treibhauseffekt beiträgt“, fügte er hinzu.

Erste Berichte über die negative Klimawirkung von Wasserstoff gab es bereits letztes Jahr, die Funde der britischen Wissenschaftler untermauern diese zusätzlich. Damit ist zumindest der Mythos vom klimaneutralen “grünen” Wasserstoff erst einmal Geschichte, wie es scheint.

Wie viel Wasserstoff genau austreten könnte, ist bislang noch nicht bekannt. Denn obwohl bereits in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre mit einem florierenden Wasserstoffhandel gerechnet wird, hält sich die Produktion von Wasserstoff bisher in Grenzen. Verschifft wurde bislang noch so gut wie gar kein Wasserstoff.

Wasserstoff “ist ja quasi eine Technologie, die sich im Aufbau befindet, die den Teststatus jetzt überschreitet und sich im Hochlauf befindet,” erklärte Habeck am Montag (11. April).

Klar ist: Wasserstoffmoleküle sind um einiges kleiner als Methanmoleküle, und bei Methan treten etwa 0,5 bis 3 Prozent während des Transportes aus, so Falko Ueckerdt, Klimaforscher am Potsdamer Institut für Klimaforschung. 

Am meisten Wasserstoff soll wohl beim Transport via Schiffen wie zum Beispiel aus den VAE austreten. Wenn Wasserstoff in flüssiger Form mit Tankern transportiert wird, könnten mehr als 13 Prozent der Ladung auf dem Weg verloren gehen, schreibt Recharge News und bezieht sich auf eine weitere Studie des britischen Ministeriums.

Allerdings gibt es auch Anlass für Optimismus, meinen Analysten.

Er mache sich “keine allzu großen Sorgen ob des Austretens von Wasserstoff,” erklärt der Wasserstoffexperte Gniewomir Flis, denn Wasserstoff sei “relativ viel teurer” als fossiles Gas, was Anreize schaffe, das Austreten einzudämmen.

Außerdem gehe er davon aus, dass viel Wasserstoff dort verbraucht werden würde, wo es produziert wird, was die Gefahr, dass er austritt minimieren wird.