Integration in Kleinstädten - Problem Ressourcenmangel
Deutsche Kleinstädte haben bei der Unterbringung von Migranten erstaunliches geleistet. Zur nachhaltigen Integration bedarf es aber mehr als Gelder des Bundes.
In kleineren Städten und Kommunen sind die Mittel zur Integration von Migranten oft knapp. Ein Forschungsprojekt hat nun Kommunen drei Jahre lang bei diesem Prozess begleitet.
Wie müssen sich kleine Städte aber anpassen, um Immigration erfolgreich zu meistern? Auf dem Weg zur kulturellen Bereicherung für alle gilt es viele Hürden zu überwinden. Wohnraum muss geschaffen werden, Kurse gegeben, Beratung angeboten, Kitas ausgebaut werden. Ein Forschungsprojekt des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) hat über drei Jahre hinweg dokumentiert, wie Stadtplanung und Integrationsmaßnahmen in neun mittelgroßen Städten zusammengearbeitet haben. Das Projekt „Vielfalt in den Zentren von Klein- und Mittelstädten“ hat letzte Woche sein Fazit gezogen.
Die erste Erkenntnis des Projekts ist wohl, dass alles anders kam als gedacht. Denn die Städtekooperation begann 2015, kurz bevor überall im Land das Flüchtlingschaos ausbrach. „Alle haben im Krisenmodus agiert. Sie mussten schnell handeln und die Leute unterbringen und versorgen. Dann kamen die Fragen wie es weitergehen würde, wer bleibt, wer geht. Da haben viele Kommunen gemerkt, dass ihnen was fehlt“, so Gudrun Kirchhoff vom Difu. Aufgrund dessen entschieden sich sechs von neun der teilnehmenden Kommunen, statt einzelner Projekte gleich ein stadtumfassendes Integrationskonzept zu entwickeln.
An Maßnahmen mangelt es nicht, oft aber an der Koordinierung
Anfangs war die oberste Priorität der Wohnraum. Im nordrhein-westfälischen Steinfurt, einer Stadt von knapp 34.000 Einwohnern, wurden 2015 alle Register gezogen: zwei Turnhallen wurden zu Bettenlagern umfunktioniert, ebenso eine Gaststätte, dazu wurden Container errichtet. Bezahlbarer Wohnraum ist bis heute knapp, die Stadt mietet Wohnungen für Immigranten. Die Lage hat sich allerdings deutlich beruhigt. Was man dort und in einigen der anderen Projektkommunen vermisst ist dafür ein Ort der Begegnung, am besten mit Beratungsangeboten für Migranten. „Wir haben gesehen, dass die Migration sich räumlich verteilt hat. Trotzdem ist es oft ein nebenher Leben. Man kommt sich nicht ins Gehege, man begegnet sich aber auch nicht“, meint die erste Beigeordnete der Stadt, Maria Lindemann.
Mit der Unterstützung des Difu hat Steinfurt inzwischen eine Lenkungsgruppe für Integration eingerichtet, außerdem hat der Kreistag letztes Jahr sein neues Integrationskonzept verabschiedet. Es soll später zu einem integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) weiterentwickelt werden, das städtebauliche, kulturelle und soziale Entwicklungsleitlinien bündelt. Damit kann Steinfurt dann auch Gelder der Städtebauförderung beantragen. Bisher war das Geld nämlich oft knapp. Von den etwa zwei Milliarden Euro die der Bund pro Jahr als Integrationspauschalen an die Länder verteilt, kommt nicht immer alles in den Kommunen an, stattdessen erhält der übergeordnete Kreis das Geld.
In der Stadtverwaltung von Saarlouis, ebenfalls Projektkommune, ist man noch uneins, ob man ein Integrationskonzept wie bei den Kollegen in Steinfurt braucht. Zwar verzeichnet man auch hier viele Migranten – 2013 waren es noch 226, drei Jahre später schon über 1000 Menschen – doch integrationstechnisch steht die Stadt gut da. Durch das Bundesförderungsprogramm „Soziale Stadt“ konnten hier integrierten Stadtentwicklungskonzept für zwei Stadtteile auf den Weg gebracht werden. Die „Schnittstelle Flüchtlingsunterstützung“ koordiniert in Saarlouis eine breite Palette von Projekten wie Sportangebote, ein Integrations- und Begegnungszentrum, ein aus dem EU Sozialfonds mitgetragenes Sozialkaufhaus, über das Migranten anderen Zugezogenen Möbel organisieren, oder auch Mutter-Kind-Treffen um an die oft schwerer erreichbaren Frauen zu kommen. Über ein weiteres Bundesprogramm namens „Willkommen bei Freunden“ konnten sogar zwei betreute Jugend-WGs für unbegleitete Geflüchtete eröffnet werden.
Ohne Personal werden Förderprogramme zur Belastung
Michael Leinenbach ist Sozialplaner bei der Stadt und stolz auf die bestehenden Integrationsmaßnahmen. Leicht war es nicht, immer hat es an etwas gefehlt. Erst fehlte das Geld, dann Wohnungen, dann Integrationskurse, dann Sprachkenntnisse. „Das wichtigste ist aber, dass wir genügend personelle Ressourcen brauchen“, so Leinenbach. „Bei Bundesförderungsprojekten reicht das Geld nicht, es muss entsprechend Personal bezuschusst werden. Wenn man ein Integrationsprogramm einfach so in den laufenden Betrieb reinknallt, ist das erst einmal eine immense Belastung.“ In Steinfurt herrscht genauso dringender Personalmangel. „Wir haben jetzt eine Kollegin von mir vom Bereich Asyl abgezwackt, damit sie halbtags eine Koordinierungsstelle übernehmen kann“, sagt Maria Lindemann.
Worüber sich alle Kommunen im Difu-Projekt einig sind, ist dass der gegenseitige Erfahrungsaustausch enorm hilfreich war. So konnte man sehen, wie andere ihre Stadtplanung mit der Integrationspolitik verbunden haben. In vielen Stadtverwaltungen wird aber noch zu sektional gedacht, meint Gudrun Kirchhoff vom Difu. Dabei können nur beide Bereiche zusammen nachhaltig sein. Das betont auch Michael Leinenbach in Saarlouis: „Das wichtige ist ja, dass Planung und Kultur beide eingebunden werden. Das ist gute Stadtentwicklung“.