Medikamente: EU-Parlament will bessere Informationen
Das Internet verwirrt Patienten mit einer Fülle zweifelhafter Informationen. Das EU-Parlament drängt nun auf Transparenz und Objektivität. Von einem "historischen Tag" und vom "Durchbruch" ist die Rede. EURACTIV.de zeigt die Reaktionen.
Das Internet verwirrt Patienten mit einer Fülle zweifelhafter Informationen. Das EU-Parlament drängt nun auf Transparenz und Objektivität. Von einem „historischen Tag“ und vom „Durchbruch“ ist die Rede. EURACTIV.de zeigt die Reaktionen.
Patienten sollen künftig besser über verschreibungspflichtige Medikamente informiert werden. Entsprechende Gesetzesentwürfe hat das EU-Parlament am Mittwoch (24. November) in erster Lesung beschlossen. Ziel ist es, Patienten objektiv über Wirkungen aufzukären, und vor versteckter Werbung zu schützen. Anlass ist die Sorge, dass Patienten im Internet mit falschen Informationen zu Medikamenten getäuscht werden. Die Mitgliedsstaaten müssen dem Vorhaben noch zustimmen. Interessenvertreter der Pharma-Industrie und der Verbraucherverbände hätten noch in letzter Minute versucht, die Abstimmung zu beeinflussen, heißt es aus dem EU-Parlament.
Die EU-Abgeordneten wollen die Anbieter dazu bringen, grundlegende Informationen bereitzustellen. Dies sind etwa Arzneimittelmerkmale, Etikettierung, Packungsbeilage und eine zugängliche Version des jeweiligen Beurteilungsberichtes des Medikamentes. Die Unternehmen sollen auch bestimmte andere Informationen bereitstellen dürfen, die nicht Werbezwecken dienen, etwa zum Preis oder zu Änderungen der Verpackung. Dazu benötigen sie jedoch die Genehmigung der zuständigen Behörden des jeweiligen Mitgliedsstaates.
Künftig sollen Patienten und Angehörige geprüfte und autorisierte Informationen über Arzneimittel auf den Internetseiten und Web-Portalen der nationalen Behörden finden.
Ärzte sollen Lobby-Arbeit offenlegen
Offene Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente ist in der EU bereits verboten. Da das geltende Recht in einzelnen Mitgliedstaaten unterschiedlich ausgelegt wird, kann es allerdings vorkommen, dass Information und Werbung nicht klar voneinander abgegrenzt werden. Um diese Unterscheidung deutlicher zu machen, fordert das Parlament, dass Informationen zu verschreibungspflichtigen Medikamenten nicht nur über Fernsehen und Radio untersagt sein sollen, sondern auch in Printmedien. Der Kommissionsvorschlag hatte ein Verbot nur für Radio und Fernsehen vorgesehen. Angehörige der Gesundheitsberufe müssen alle Verbindungen zu pharmazeutischen Unternehmen angeben, wenn sie auf öffentlichen Veranstaltungen oder in den Medien über Arzneimittel informieren.
Im Jahr 2008 hatte der damals zuständige Industriekommissar Günter Verheugen vorgeschlagen, das Werbeverbot für verschreibungspflichtige Arzneimittel zu lockern. EU-Parlamentarier, Krankenkassen, Patienten- Ärzte und Verbraucherorganisationen liefen dagegen Sturm.
Mitgliedsstaaten sollen Informationen online veröffentlichen
Das EU-Parlament betont, dass die Mitgliedsstaaten für die Patienten-Informationen verantwortlich sind. Dies beinhalte die Packungsbeilage, einen Beurteilungsbericht über das Produkt und Informationen, wie Krankheiten und Gesundheitszuständen vorgebeugt werden könne. Die Mitgliedsstaaten sollen spezielle Webseiten für diese Informationen einrichten. Alle Materialien müssen in einem für Menschen mit Behinderungen geeigneten Format bereitgestellt werden.
Reaktionen
FDP: "Bahnbrechender Erfolg"
Jorgo Chatzimarkakis (FDP), Berichterstatter der liberalen Fraktion im Europäischen Parlament:
"Heute ist ein historischer Tag für den mündigen Patienten. Wir sind dem Ziel verbesserter Patienteninformation erheblich näher gekommen. Im Zeitalter von Wikipedia sind die weitreichenden Verbote für Informationen über verschreibungspflichtige Medikamente nicht mehr zeitgemäß. Das Recht, sich als Patient und Verbraucher aus zertifizierten Quellen zu informieren, ist ein bahnbrechender Erfolg. Es trägt auch zur Kosteneffizienz im Gesundheitssystem bei, da Patienten besser ihrer Therapie folgen können und Abbrüche durch Nichteinnahme von Medikanmenten vermieden werden.
Der nächste Schritt ist, dass wir effektive Überwachungssysteme schaffen, die einheitliche Qualitätsstandards sicherstellen, um so auch in Zukunft werbungsfreie Informationen von hoher Qualität zu gewährleisten.
Die heutige Abstimmung ist aber auch ein Lehrstück für ungezügelten Last-Minute-Lobbyismus. Wir brauchen deshalb dringend verbindliche Regeln für Interessensvertretung in Europa."
CDU: Europaparlament für unabhängige Informationen
Peter Liese (CDU), gesundheitspolitischer Sprecher der EVP-Fraktion im Europaparlament: "Im Vordergrund unseres heutigen Beschlusses zur verbesserten Patienteninformation steht, was der Patient wissen will und nicht, was die Industrie verkaufen will."
"Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel hat schwere Risiken und Nebenwirkungen. In den USA hat sich gezeigt, dass durch Werbung für verschreibungspflichtige Arzneimittel teure und nebenwirkungsreiche Medikamente verstärkt verschrieben werden und dass das Arzt-Patienten-Verhältnis gestört wird. Deshalb haben wir diese Ideen abgelehnt."
"Im Mittelpunkt (…) steht ein Informationsportal über Arzneimittel, das unabhängig betrieben wird und auch Informationen über die Krankheit selbst und andere Therapiemöglichkeiten bereithalten soll. Die Industrie soll Informationen über verschreibungspflichtige Arzneimittel nur dann weitergeben können, wenn diese vorab geprüft sind. Hier geht es einerseits um den Beipackzettel, aber auch um häufig gestellte Fragen und Antworten."
"Damit die Informationen nicht tendenziös und verkaufsfördernd sind, muss die gleiche Behörde, die das Arzneimittel und den Beipackzettel zulässt, auch diesen Text zulassen."
SPD: Meilenstein bei der Verbesserung der Patientenrechte
Dagmar Roth-Behrendt, SPD-Europaabgeordnete und Expertin für Gesundheits- und Verbraucherschutz: "Das Ergebnis ist ein großer Fortschritt für die Patientinnen und Patienten in der EU."
"Patienten müssen das Recht und die Möglichkeit haben, verlässliche Informationen über Krankheiten und Therapien sowie über Inhaltsstoffe, Anwendung und Wirkung ihrer Arzneimittel zu bekommen. Auch zusätzliche Angaben zu Behandlungsmöglichkeiten über den Inhalt des Beipackzettels hinaus müssen verfügbar sein."
"Der Bericht ist ein Meilenstein bei der Verbesserung der Patientenrechte. Denn die schnelle Genesung der gleichberechtigten und mündigen Patienten ist das oberste Ziel."
Red.
Links
EU-Parlament: Strengere Informationsbestimmungen für verschreibungspflichtige Medikamente gefordert. Pressemitteilung (24. November 2010)
EU-Parlament: Richtlinienänderung zur Schaffung eines Gemeinschaftskodexes für Humanarzneimittel in Bezug auf die Information der breiten Öffentlichkeit über verschreibungspflichtige Arzneimittel (19. Oktober 2010)