Mpox: WHO warnt vor „Panik und anschließender Vernachlässigung“

Der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa, Hans Kluge, ist zuversichtlich, dass Europa Mpox (ehemals Affenpocken) in den Griff bekommen kann. Er fordert jedoch eine konsequentere Unterstützung und mehr Solidarität für Afrika.

Euractiv.com
A health worker examines skin lesions that are characteristic of mpox on the back of a young child at the mpox treatment centre at the Nyiragongo General Referral Hospital, north of Goma in the Democratic Republic of the Congo (DRC) on 14 August 2024. On 14 August 2024, WHO Director-General Dr Tedros Adhanom Ghebreyesus determined that the upsurge of mpox in DRC and a growing number of countries in Africa constitutes a public health emergency of international concern (PHEIC) under the International Health Regulations (2005) (IHR). Related: https://www.who.int/news/item/14-08-2024-who-director-general-declares-mpox-outbreak-a-public-health-emergency-of-international-concern
Mitte August hatte die WHO einen Gesundheitsnotstand ausgerufen, nachdem sich ein neuer Virusstamm (Clade 1) in Afrika ausgebreitet hatte. Es wurden über 17.000 Fälle registriert. [© WHO / Guerchom Ndebo]

Der Regionaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Europa, Hans Kluge, ist zuversichtlich, dass Europa Mpox (ehemals Affenpocken) in den Griff bekommen kann. Er fordert jedoch eine konsequentere Unterstützung und mehr Solidarität für Afrika.

Mitte August hatte die WHO einen Gesundheitsnotstand ausgerufen, nachdem sich ein neuer Mpox-Virusstamm (Clade 1) in Afrika ausgebreitet hatte. Es wurden über 17.000 Fälle registriert. Ein Fall wurde in Schweden nachgewiesen.

Vor Journalisten in Genf betonte Kluge, das Risiko für die Bevölkerung sei „gering“ und Mpox sei „nicht das ‚neue COVID‘“.

„Wir wissen, wie wir Mpox kontrollieren können – und kennen in der europäischen Region die Schritte, die notwendig sind, um die Übertragung ganz zu unterbinden“, sagte Kluge. Dabei bezog er sich auf den Mpox-Ausbruch in Europa im Jahr 2022, der durch „Verhaltensänderungen, nicht-diskriminierende Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit und Mpox-Impfungen“ leicht unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Er sagte jedoch, dass die europäische Region es „versäumt hat, die letzte Meile zu gehen“, um die Krankheit auszurotten. Derzeit treten monatlich etwa 100 neue Mpox-Fälle der Variante Clade 2 auf.

Der EU-Gesundheitssicherheitsausschuss tagte am Montag (19. August). Er kam zu dem Schluss, dass die Mpox-Variante Clade Ib, die anscheinend ansteckender und tödlicher ist, zwar eine Bedrohung darstellt, aber nicht als Notfall für die öffentliche Gesundheit in Europa betrachtet werden sollte.

Die Kommission verwies auf die Risikobewertung des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Demnach sei das Gesamtrisiko einer anhaltenden Übertragung in Europa sehr gering.

Angesichts der engen Reiseverbindungen zwischen den beiden Kontinenten bestehe jedoch die Gefahr, dass Fälle von den in die betroffenen Gebiete Reisenden eingeschleppt werden könnten. Daher sollten Vorsichtsmaßnahmen ergriffen werden.

Erst Panik, dann Nachlässigkeit

Kluge legte den Schwerpunkt auf den Zugang zu Impfstoffen für die afrikanischen Staaten, die die größte Herausforderung bei der Bekämpfung der Krankheit zu bewältigen haben. „Wie wir jetzt und in den kommenden Jahren reagieren, wird sich als entscheidender Test für Europa – und die Welt – erweisen“, sagte er.

Die WHO hat die Verwendung verschiedener Impfstoffe empfohlen. Dazu gehören MWA-BN (Bavarian Nordic), LC16 oder, falls andere nicht verfügbar sind, ACAM2000.

Japan verfügt über „beträchtliche“ Bestände des LC16-Impfstoffs, den es zur Verfügung gestellt hat.

Auch die EU hat sich über ihre Behörde für Krisenvorsorge und -reaktion bei gesundheitlichen Notlagen (HERA) verpflichtet, dem Afrikanischen Zentrum für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten 175.420 Dosen des Impfstoffs MVA-BN als Sofortmaßnahme zukommen zu lassen.

Darüber hinaus stellt der Impfstoffhersteller der EU-Behörde 40.000 Dosen zur Verfügung. Das Afrikanische Zentrum wird die Impfstoffe entsprechend dem regionalen Bedarf verteilen. Die ersten Lieferungen werden für Anfang September erwartet und derzeit laufen Gespräche über die logistischen Vorkehrungen.

Einer der Streitpunkte ist, dass die Impfstoffe nur in Staaten geliefert werden können, in denen der Einsatz im Notfall erlaubt ist. Dies gilt derzeit für die Demokratische Republik Kongo und Nigeria.

Die Europäische Kommission teilte Euractiv mit, dass sie die Entwicklung des Ausbruchs genau verfolgt. HERA und die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) prüfen die Verfügbarkeit von medizinischen Gegenmaßnahmen.

Außerdem sei die Kommission bereit, bei Bedarf die Produktion von Impfstoffen, Therapeutika oder anderen relevanten medizinischen Gegenmaßnahmen zu unterstützen. Die Europäische Arzneimittelagentur hat bereits die Genehmigung einer weiteren Produktionsstätte in Dänemark beschleunigt.

In einem Blogbeitrag für die Open-Source-Zeitschrift PLOS schrieb Nadia Adjoa Sam-Agudu, Professorin für Pädiatrie und Direktorin des Globalen Pädiatrie-Programms an der Medizinischen Fakultät der Universität von Minnesota: „Das (erneute) Auftreten von Mpox-Übertragungen in Afrika ist ein Beweis für den Mangel an ‚Globalität‘ im Bereich der globalen Gesundheit; nach mehreren Ausbrüchen, zwei GNITs (gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite) und einem kontinentalen Gesundheitsnotstand sollte die Reaktion auf Mpox in Afrika anders erfolgen: gerecht, nachhaltig und im Einklang mit den Grundsätzen der globalen Gesundheit.“

Sam-Agudu bezeichnete die von der EU vorgeschlagenen 215.000 Dosen als völlig unzureichend. Damit könnten nur 108.000 Menschen vollständig geimpft werden. Hinzu kommt, dass für die unter 18-Jährigen, auf die 67 Prozent der vermuteten Fälle und 78 Prozent der vermuteten Todesfälle bei dem aktuellen Ausbruch entfallen, noch keine Impfung empfohlen wird.

Bavarian Nordic (BN) bemüht sich um die Zulassung seines Impfstoffs für jüngere Menschen und hat bei der Europäischen Arzneimittelagentur einen Antrag für die Verwendung seines Impfstoffs bei Jugendlichen gestellt. Außerdem wird das Unternehmen mit Unterstützung der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) eine klinische Studie zur Bewertung der Sicherheit von MVA-BN bei Kindern im Alter von zwei bis zwölf Jahren durchführen.

Bavarian Nordic hat dem Afrikanischen Zentrum mitgeteilt, dass es in diesem Jahr bis zu zwei Millionen Dosen bereitstellen und bis Ende 2025 zehn Millionen Dosen herstellen kann.

Sam-Agudu sagte, dass eine afrikanische Führungsrolle in gleichberechtigter Partnerschaft mit investierten Partnern erforderlich sei. Sie verwies auf das von Afrika geleitete Mpox-Forschungskonsortium (MpoxReC), das in Anerkennung der Notwendigkeit nachhaltiger lokaler Diagnoseinstrumente, Infrastruktur und Forschungskapazitäten in den von Mpox betroffenen afrikanischen Staaten gegründet wurde.

[Bearbeitet von Alice Taylor/Kjeld Neubert]