Muslimische Gemeinschaft "abgestumpft" durch französische Wahlkampfrhetorik

Französische Muslim:innen seien im französischen Präsidentschaftswahlkampf häufig verbal angegriffen worden, so Ghaleb Bencheikh, Islamwissenschaftler und Präsident der Fondation de l'Islam de France, gegenüber EURACTIV Frankreich.

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Die rechtsextreme Rhetorik gegenüber der muslimischen Gemeinschaft in Frankreich sei jedoch feindselig gewesen, so Bencheikh, der auch darauf hinwies, dass diese massiv für den linksextremen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon gestimmt habe, der mit 21,95 Prozent der Stimmen knapp den dritten Platz belegte. [[Pascale Frémond/CC BY-SA 4.0/Wikimedia Commons]]

Französische Muslim:innen seien im französischen Präsidentschaftswahlkampf häufig verbal angegriffen worden, so Ghaleb Bencheikh, Islamwissenschaftler und Präsident der Fondation de l’Islam de France, gegenüber EURACTIV Frankreich.

Bei den französischen Präsidentschaftswahlen setzte sich Präsident Emmanuel Macron am Sonntag (24. April) für eine zweite fünfjährige Amtszeit gegen die rechtsextreme Kandidatin Marine Le Pen durch. Allerdings traten in der ersten Runde neben Le Pen auch die rechtsextremen Kandidaten Eric Zemmour und Nicolas Dupont-Aignan an, die insgesamt 33 Prozent der Stimmen erhielten.

Die rechtsextreme Rhetorik gegenüber der muslimischen Gemeinschaft in Frankreich während des Wahlkampfs sei feindselig gewesen, so Bencheikh, der auch darauf hinwies, dass diese massiv für den linksextremen Kandidaten Jean-Luc Mélenchon gestimmt habe, der mit 21,95 Prozent der Stimmen knapp den dritten Platz belegte.

Ihm zufolge ist die massive Unterstützung der muslimischen Gemeinschaft für den linksradikalen Kandidaten eher durch soziologische als durch religiöse Gründe zu erklären.

Verdorben durch rechtsextreme Rhetorik

Zemmours ungezügelte und unverschämte Rhetorik gegenüber Muslim:innen spiegele eine „Zerbrechlichkeit des republikanischen Paktes“ wider, so Bencheikh. Der rechtsextreme Kandidat „hat nichts Besseres gefunden als Lügen, Groll, Hass und die Perversion der Geschichte und jeder politischen Agenda, die sich auf Identitätsfragen reduziert“, fügte er hinzu.

Im öffentlichen Diskurs in Frankreich sei das Wort „Islam“ zu einem Synonym für Angst, Terror, Apokalypse, Obskurantismus und Rückständigkeit geworden, so der Experte weiter.

Dies sei ein großer Unterschied zu dem Diskurs, der während des Bundestagswahlkampfs im vergangenen Herbst geführt wurde. In Deutschland „gab es einen Monat lang einen sehr hitzigen Wahlkampf, aber das Wort ‚Islam‘ wurde kein einziges Mal erwähnt“, sagte Bencheikh.

Der Experte räumte jedoch ein, dass die politische Landschaft der beiden Länder sehr unterschiedlich sei.

Die Situation in Frankreich lasse sich größtenteils durch die von islamischen Fundamentalist:innen auf französischem Boden verübten Terroranschläge und die Nutzung dieser Ereignisse durch die Rechtsextremen für politische Zwecke erklären, so der Islamwissenschaftler weiter.

Infolgedessen hätten Themen wie Identität und Einwanderung „den Wahlkampf und die öffentliche Meinung ständig heimgesucht“, während die Prioritäten der Franzö:sinnen „Kaufkraft- und Sicherheitsfragen“ sowie die Umwelt betrafen, fügte er hinzu.

Diese Rhetorik sei sogar auf die traditionell eher gemäßigten und republikanischen Parteien übergeschwappt. Die Kandidatin von Les Républicains, Valérie Pécresse, die in der ersten Runde nur 4,78 Prozent der Stimmen erzielte, hat sich beispielsweise einer ähnlichen Rhetorik bedient – etwas, das Bencheikh sehr bedauert.

Französische Muslime wählen Links

Auf die Frage, warum 70 Prozent der Wähler:innen, die sich als muslimisch identifizieren, für den linksextremen Mélenchon stimmten, verwies Bencheikh zunächst auf die vergleichsweise niedrige Wahlbeteiligung unter Muslim:innen.

„Angesichts des soziologischen Hintergrunds der Muslime in Frankreich mangelt es an politischem Bewusstsein, vor allem bei jüngeren Menschen. Diese jungen Menschen bleiben den Wahllokalen fern“, sagte er. Von denjenigen, die gewählt haben, hat sich eine überwältigende Mehrheit für Mélenchon entschieden, der „ganz einfach ein Kandidat ist, der es für unangebracht hält, einen Teil des Volkes zu verhöhnen, zu verunglimpfen oder zu beleidigen.“

Bencheikh zufolge haben die französischen Muslime die Linke bevorzugt, weil sie „mehr oder weniger mit Humanismus und der Achtung der Menschenwürde gleichzusetzen ist“ – Werte, die für diese Bevölkerungsgruppe wichtig sind.

Der soziale Faktor sei ebenfalls ausschlaggebend dafür gewesen, dass Muslim:innen die radikale Linke wählten. Ein erheblicher Teil der Menschen, die sich als muslimisch bezeichnen, sind „Männer und Frauen in prekären Situationen – isolierte und marginalisierte Arbeiter […]. Sie glaubten, dass sie im Diskurs einer bestimmten linken Ideologie Unterstützung finden könnten“, so der Experte weiter.

Auch der Wohnort beeinflusste das Wahlverhalten der Muslim:innen, das sich dem des sozialen Umfelds anpasste.

„Dies ist das stärkste Argument gegen das Gerücht, es gäbe hier nicht-einheimische Gruppen“, die nicht bereit wären, sich zu assimilieren, sagte Bencheikh. Der Islamwissenschaftler fügte hinzu, dass „der soziale Hintergrund dieser Bürger:innen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit“, ihre Wahlentscheidung bestimmt habe.

[Bearbeitet von Daniel Eck und Alice Taylor]