Neue Nahrungskrise 2010 zu erwarten, warnt die UNO [DE]
Untätigkeit bei der Verhinderung von Spekulationen über landwirtschaftliche Produkte sowie anhaltende Politiken im Bereich der Biokraftstoffe schaffen den Weg für eine Neuauflage der Krise um Lebensmittelpreise von 2008 im Jahr 2010 oder 2011. Dies behauptet Olivier De Schutter, UN-Sonderberichterstatter über das Recht auf Nahrung, in einem Interview mit EURACTIV.
Untätigkeit bei der Verhinderung von Spekulationen über landwirtschaftliche Produkte sowie anhaltende Politiken im Bereich der Biokraftstoffe schaffen den Weg für eine Neuauflage der Krise um Lebensmittelpreise von 2008 im Jahr 2010 oder 2011. Dies behauptet Olivier De Schutter, UN-Sonderberichterstatter über das Recht auf Nahrung, in einem Interview mit EURACTIV.
Die Ursachen für die Preiskrise 2007 und 2008 existieren noch immer und die Panik auf den internationalen Märkten wird voraussichtlich Anfang des nächsten Jahres zurückkehren, mahnte De Schutter.
Nichts sei bei Biokraftstoffen, Spekulationen oder den anderen Verursachern der Krise, die 2008 ausbrach, getan worden, warnte er und sagte die Entstehung einer neuen Krise durch den kürzlich angestiegenen Ölpreis voraus.
De Schutter betonte jedoch, dass es sich 2007-2008 um eine „Preiskrise und keine Nahrungskrise“ gehandelt habe.
„Es war eine Krise, die mit der Preisentwicklung an den internationalen Märkten verbunden war und durch Spekulationen ausgelöst wurde. Es handelte sich vor allem um ein Finanzphänomen und hatte nichts damit zu tun, dass zu wenig Nahrungsmittel produziert wurden“, argumentierte er.
Hunger: Das Ergebnis einer zunehmend wettbewerbsorientierten Nahrungsmittelproduktion
Der UN-Berichterstatter betonte, dass wir genügend Nahrungsmittel hätten und dass Hunger nicht das Ergebnis einer ungenügenden Nahrungsmittelproduktion sei, wie von der Mehrheit der Wissenschaftler, Think-Tanks und der Lebensmittelindustrie behauptet werde.
„Hunger ist das Ergebnis einer Nahrungsmittelproduktion unter zunehmend wettbewerbsorientierten Bedingungen, die Kleinbauern verdrängen und sie zu Subsistenzwirtschaft verurteilen“, sagte De Schutter
Fokus auf Kleinbauern
De Schutter forderte, dass Regierungen bei Entscheidungen über politische Prioritäten die Organisationen der Kleinbauern konsultieren sollten. Die Tatsache, dass Kleinbauern in der öffentlichen Debatte vernachlässigt würden, habe zur Entwicklung einer „extrem zu Gunsten der Großbauern verzerrten Landwirtschaft beigetragen, die Armut in den ländlichen Gebieten verursacht“, fuhr er fort.
Er argumentierte, dass große Teile in den ländlichen Gebieten von Entwicklungsländern von Unterstützungen ausgenommen seien und Kleinbauern bei Planungen und Investitionen ignoriert würden, da sie nicht am Anbau profitabler Nutzpflanzen wie Kaffee, Kakao oder Baumwolle involviert seien und stattdessen Nahrungspflanzen wie Maniok , Sorghum, Hirse oder Süßkartoffeln anbauten.
Verringern der Abhängigkeit von Importen
Der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Ernährung erklärte weiter, wie viele Entwicklungsländer zu Netto-Importländern wurden: aufgrund ihres Bevölkerungswachstums und „weil sie überzeugt waren, dass sie stets Nahrungsmittel zu günstigen Preisen auf den internationalen Märkten kaufen könnten“ – eine Illusion, die mit der weltweiten Nahrungsmittelkrise 2007 und 2008 zerstört wurde.
Zum Verständnis der Gefahr von Abhängigkeiten von Nahrungsmittelimporten sagte er: „Diese Länder begehen nun eine Neuorientierung ihrer Investitionen, um sich selbst ernähren zu können“. Zwar seien diese Länder von einer Selbstversorgung weit entfernt, es sei jedoch absolut lebenswichtig, dass sie zumindest „ihre Abhängigkeit vom internationalem Markt verringern“, fügte De Schutter hinzu.
‚Enttäuschender’ Welternährungsgipfel
De Schutter beschreibt den FAO-Gipfel von letzter Woche als „Scheitern“. Trotz der Forderung der FAO für 44 Milliarden US-Dollar jährlicher Investitionen für einen Neustart der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern habe der Gipfel weder zu finanziellen Verpflichtungen noch zu einem klaren Zeitplan für das Ergreifen konkreter Maßnahmen geführt, bedauerte er.
Der UN-Berichterstatter wiederholte ebenfalls seine starke Skepsis gegenüber globaler Handelsliberalisierung.
„In der Vergangenheit konnten wir beobachten, dass sich in Staaten, die ihre Landwirtschaft durch die vereinbarte Senkung von Zöllen auf landwirtschaftliche Produkte sowie einer Exportkette ohne Kleinbauern geöffnet haben, die Gegensätze erhöhten.
Während ein Land zwar seinen Marktzugang und seine Exportmöglichkeiten erweitern könne, könne es jedoch immer noch einem Anstieg der Nahrungsmittelunsicherheit ausgesetzt sein, „ wenn von der Erweiterung lediglich die größten Hersteller profitieren, die Zugang zu den großen Lieferketten erhalten und auf dem internationalen Markt am wettbewerbsstärksten sind“, so De Schutter.
Kein Kompromiss zwischen Klimawandel und Hunger
Gefragt nach dem Zielkonflikt, den Hunger in der Welt zu lindern und den Klimawandel zu bekämpfen, sagte De Schutter, dass es sehr ressourcen-effiziente Möglichkeiten der Nahrungsherstellung gebe, „die Erträge deutlich steigern ohne negative Umwelteinflüsse zu verursachen wie bei herkömmlichen Landwirtschaftsmethoden“.
„In vielen Fällen nutzten Bauern diese Techniken nicht ausreichend, da sie ihnen nicht beigebracht wurden“, sagte er und zählte Techniken geringer Bodenbearbeitung und die Nutzung verschiedener Kulturen auf dem gleichen Acker als Bereiche auf, in denen Wissenstransfer dringend erforderlich sei.
De Schutter warnte jedoch vor der Abhängigkeit der Nahrungsproduktion vom Öl, da der Ölpreis sprunghaft ansteigen und die Waren verknappen werde.
EU-Agrarpolitik als gutes Beispiel
Auch wenn die Errichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU (GAP) im Jahr 1962 viele „negative externe Effekte“ habe, glaubt De Schutter, dass die Politik ein gutes Beispiel für das Erreichen von Nahrungssicherheit in einem bestimmten Gebiet sei.
Insbesondere würdigt er die Bedeutung der Ausstattung der Landwirte mit halbwegs ordentlichen Einnahmen durch Marktorganisation und Angebotssteuerung.
Diese Maßnahmen, unterstützt mit der Begründung, dass „Lebensmittel keine Ware wie jede andere“ sei, stärkten den Glauben, dass die „EU mehr zu bieten habe als allgemein angenommen“, um die Ernährungsunsicherheit anzugehen, schloss De Schutter.