Noch zwei Jahrhunderte bis zur Geschlechtergleichheit
Bei der aktuellen Geschwindigkeit der Verringerung von Unterschieden würde es noch 202 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Parität zwischen Frauen und Männern erreicht wird.
Die Verringerung der geschlechtsspezifischen Unterschiede am Arbeitsplatz und in der Politik schreitet weiterhin nur langsam voran. Bei der derzeitigen Verringerungsrate würde es 202 Jahre dauern, bis wirtschaftliche Parität zwischen Frauen und Männern erreicht wäre, so eine Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF).
Der jüngste Global Gender Gap Report des WEF, der heute veröffentlicht wurde, stellte für das Jahr 2018 insgesamt eine leichte Verringerung der Ungleichgewichte zwischen Frauen und Männern fest.
Das wird als positive Nachricht gewertet, denn die Kluft hatte sich 2017 erstmals seit der Veröffentlichung des ersten Gender-Gap-Berichts der Davoser Organisation im Jahr 2006 vergrößert.
In 89 der 144 untersuchten Länder wurden nun „begrenzte Verbesserungen“ festgestellt.
Diese leichten Fortschritte werden jedoch gleichzeitig von einigen sich verschlechternden Indikatoren überschattet. Und: Frauen sind sowohl in der Arbeitswelt als auch in der Politik nach wie vor teils deutlich unterrepräsentiert, heißt es im Report weiter.
Nur 17 Staaten haben derzeit Frauen als Staatsoberhäupter, während im Durchschnitt lediglich 18 Prozent der Minister und 24 Prozent der Parlamentsabgeordneten weltweit Frauen sind.
Wenn sich diese Diskrepanz im aktuellen Tempo weiter verringert, würde es noch 108 Jahre dauern, bis die Gleichstellung der Geschlechter auf allen politischen Ebenen erreicht ist, so die Schätzungen des WEF. Die wirtschaftliche Geschlechterparität würde sogar noch 202 Jahre auf sich warten lassen.
„Proaktive Maßnahmen zur Unterstützung der Geschlechterparität und der sozialen Eingliederung sowie zur Beseitigung historischer Ungleichgewichte sind daher für die Gesundheit der Weltwirtschaft wie auch für das Wohl der Gesellschaft insgesamt von wesentlicher Bedeutung,“ erklärte Klaus Schwab, Gründer und Vorstandsvorsitzender des Weltwirtschaftsforums.
Vier Säulen
Im Bericht werden vier sogenannte Säulen untersucht: wirtschaftliche Chancen, politisches Empowerment, Bildungsabschlüsse sowie Gesundheit und Überleben.
Der Zugang von Frauen zu Gesundheit und Bildung hat sich in diesem Jahr im Vergleich zu 2017 verschlechtert. Außerdem galten sie als weniger politisch befugt.
Lediglich im wirtschaftlichen Bereich konnten Fortschritte erzielt werden: So ist das geschlechtsspezifische Einkommensgefälle von derzeit immer noch fast 51 Prozent etwas geringer als im Jahr 2017. Die Zahl der Frauen in Spitzenberufen lag 2018 bei weltweit 34 Prozent.
Der Bericht stellt auch fest, dass die Automatisierung überproportional große Auswirkungen auf Berufe haben könnte, die traditionell von Frauen ausgeübt werden. Darüber hinaus mangele es an sozialer Unterstützung (bei Themen wie Kinderbetreuung oder Altenpflege), um Frauen die Rückkehr in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
Im Gegensatz dazu sind Frauen vor allem in den zukunftsträchtigen Bereichen der Digitalwirtschaft weiterhin unterrepräsentiert.
„Länder, die wettbewerbsfähig und integrativ bleiben wollen, müssen die Gleichstellung der Geschlechter zu einem entscheidenden Teil der Entwicklung des Humankapitals ihrer Nation machen,“ fordert das Weltwirtschaftsforum daher im Bericht.
Weiter heißt es: „Insbesondere das Lernen voneinander und der Austausch zwischen den Ländern sowie die öffentlich-private Zusammenarbeit innerhalb der Länder werden entscheidende Elemente bei der Überwindung des Gender Gaps sein.“
Spitzenreiter Island
Island bleibt im zehnten Jahr in Folge der globale Spitzenreiter bei der Gleichstellung der Geschlechter. Dem Bericht zufolge sind auf der Insel inzwischen fast 86 Prozent der zuvor bestehenden Unterschiede zwischen Männern und Frauen beseitigt.
Die weiteren Spitzenplätze belegen – ebenfalls wie in den Vorjahren – Norwegen, Schweden und Finnland. Nicaragua und Ruanda folgen auf den nordischen Block und schneiden damit besser ab als die meisten Industriestaaten.
Unterdessen verloren die Vereinigten Staaten zwei Plätze und liegen nun auf Rang 51. Dabei wurden kleine Verbesserungen bei den wirtschaftlichen Chancen und der ökonomischen Teilhabe durch die geringe Geschlechterparität auf Ministerebene aufgehoben: In der Trump-Administration sind von insgesamt 15 Ministern drei weiblich.