Null Europa, null Leidenschaft im TV-Duell

Die Auswertung des TV-Duells Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier beim Kapitel Europa – sie muss entfallen. Europa kam gar nicht vor. Angriffe? Blieben aus. Die einzige – wenn auch unausgesprochene – Botschaft von Sonntagabend war: Bundeskanzlerin und Vizekanzler wollen die große Koalition fortsetzen. Möglicherweise gibt es am 27. September auch gar keine andere Wahl. Eine Zwischenbemerkung.

Lass uns Freunde bleiben. Das war das Motto des TV-„Duells“ zwischen Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Steinmeier. Foto: dpa
Lass uns Freunde bleiben. Das war das Motto des TV-"Duells" zwischen Kanzlerin Merkel und Vizekanzler Steinmeier. Foto: dpa

Die Auswertung des TV-Duells Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier beim Kapitel Europa – sie muss entfallen. Europa kam gar nicht vor. Angriffe? Blieben aus. Die einzige – wenn auch unausgesprochene – Botschaft von Sonntagabend war: Bundeskanzlerin und Vizekanzler wollen die große Koalition fortsetzen. Möglicherweise gibt es am 27. September auch gar keine andere Wahl. Eine Zwischenbemerkung.

Es sollte der Höhepunkt des Bundestagswahlkampfs werden. Zwei Wochen vor dem Urnengang präsentierten sich die Regierungschefin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel und ihr Stellvertreter und Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) neunzig Minuten lang wohlpräpariert und selbstkontrolliert. Auch die vier Moderatoren, die die Stichworte lieferten und den Befragten gerne ins Wort fielen, konnten das "Duell" der Unverbindlichkeiten kaum beleben.

Alles war berechenbar, jede Aussage vorhersehbar. Alles kam, wie es kommen musste. Wer behauptet, der eine habe den anderen Koalitionspartner angegriffen, habe einen starken Auftritt geliefert oder die Chancen des Gegners geschmälert, hat die Maßstäbe schon sehr niedrig gelegt. Lediglich in Sachen Steuer- und Atompolitk und bei sozialer Gerechtigkeit gelang es Steinmeier, Merkel etwas zu kitzeln. Insofern ist die SPD auf ihren Exponenten stolz, er hat sich wacker geschlagen. Was aber auch verrät, wie niedrig die Erwartungen waren.

Beide Exponenten haben ihren Auftritt ohne Fehler, ohne Blackout, ohne Ausfälligkeiten gemeistert. Aber auch nicht mehr. Leidenschaft und Überzeugungskraft hatten sie entweder in der Garderobe abgegeben oder in der Maske zurückgelassen.

Europapolitisches Engagement hatten sie ins Fernsehstudio in Berlin-Adlershof nicht einmal mitgenommen. Europa spielte keine einzige der neunzig Minuten lang eine Rolle.

Mit dem TV-Wahlkampf wurde "die" Chance im Wahlkampf schlicht vertan. Entscheidungshilfe war dies eher für die kleineren Parteien mit ihren spritzigeren Slogans. Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier teilten dem Wähler mit: Stört uns bitte nicht mit Wahlkampf, lasst uns die Wahl hinter uns bringen und dann in einer großen Koalition weitermachen.

Es schien fast so, als wäre das Team Merkel und Steinmeier ins Studio gekommen, um sich gemeinsam dem politischen Gegner zu stellen, der jedoch auf der Fahrt nach Adlershof im Stau stecken geblieben und daher ausgefallen war.

Besonders peinlich waren die Werbespots ähnlichen Kurzansprachen der beiden. Sie sollten den Abschluss der Debatte bilden – und lassen sich für die nächste Neujahrsansprache, die sich ohnehin niemand anhört, wieder verwenden.

Wer vorher nicht wusste, wen er wählen sollte, weiß es am Tag nach dem "Duell" auch nicht. Und geht in zwei Wochen vielleicht gar nicht zur Wahl.

Ewald König

Hintergrund und Einschaltquoten

Nach dem harmlosen Aufeinandertreffen von Kanzlerin Angelika Merkel (CDU) und Herausforderer Frank-Walter Steinmeier (SPD) könnte der Rahmen für künftige TV-Duelle deutlich kleiner ausfallen.

"Die Duelle sollten in der Zukunft von weniger Sendern und weniger Interviewern gestaltet werden", sagte Lutz Hachmeister, Direktor des Institut für Medien- und Kommunikationspolitik am Montag der Deutschen Presse-Agentur dpa.

"Sat.1 sollte sich schon aus Selbstschutz vom Duell verabschieden", sagte Hachmeister, Initiator der unabhängigen Expertenkommission mit Journalisten und Wissenschaftlern nach dem Vorbild der US-amerikanischen "Commission on Presidential Debates". "Für den Sender war die Veranstaltung ökonomisch und publizistisch ein Reinfall. Auch RTL sollte sich fragen, ob das Ganze aus wirtschaftlichen Gründen noch Sinn macht."

Das harmlose Scharmützel der beiden Kanzlerkandidaten hatte am Sonntagabend zwischen 20.30 und 22.00 Uhr für maue Einschaltquoten gesorgt. Insgesamt 14,18 Millionen Zuschauer auf ARD, ZDF, RTL und Sat.1 wollten den wenig brisanten verbalen Schlagabtausch von Merkel und Steinmeier sehen – vor vier Jahren hatte das Duell zwischen Merkel und Gerhard Schröder (SPD) noch 20,98 Millionen Menschen gereizt.

Die ARD schalteten immerhin noch 7,86 Millionen Zuschauer (22,7 Prozent Marktanteil) ein. Das ZDF musste sich mit 3,47 Millionen (10,3 Prozent) begnügen, RTL mit 2,06 Millionen (6,1 Prozent) und Sat.1 gar mit 0,79 Millionen (2,3 Prozent). Zum Vergleich: Den Animationsfilm "Die Simpsons" sahen auf ProSieben 3,45 Millionen Menschen (10,3 Prozent). In der jüngeren Zielgruppe der 14- bis 49- jährigen Zuschauer verbuchte er sogar einen Marktanteil von 19,8 Prozent. Das TV-Duell schaffte beim jungen Publikum insgesamt 33,3 Prozent. Das ist zwar besser als der Trickfilm, aber angesichts der Bedeutung des Ereignisses auch nicht berauschend.

Höchst unterschiedlich fielen die Nachbereitungssendungen aus. "Anne Will" (ARD) sahen immerhin 6,45 Million Menschen, die ZDF- Sendung 2,82 Millionen, RTL 1,63 Millionen und "Ihre Wahl!" 75 Minuten lang auf Sat.1 nur 0,77 Millionen.

Hachmeister sagte weiter, er könne sich gut vorstellen, dass künftige Zweikämpfe von zwei Sendern mit höchstens zwei Fragestellern bestritten würden, die auch nicht unbedingt die führenden Polit-Talker der Sender sein müssten. In den USA würde sogar bei drei Duellen mit je 60 Minuten Länge jeweils ein Moderator die Fragen stellen, auch eine denkbare Variante für Deutschland.

(dpa)