Ost-Ausschuss: MOE-Banken müssen sich selbst finanzieren
In Mittel- und Osteuropa haben sich viele Mutterbanken aus dem Westen „die Finger verbrannt“. Zum Teil mussten sie dreißig Prozent des Kreditvolumens abschreiben. In den meisten Ländern sei die Krise indes überwunden, sagte Tessen von Heydebreck vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Er wies auch EU-Staaten, die nicht der Euro-Zone angehören, große Verantwortung für den Euro zu.
In Mittel- und Osteuropa haben sich viele Mutterbanken aus dem Westen „die Finger verbrannt“. Zum Teil mussten sie dreißig Prozent des Kreditvolumens abschreiben. In den meisten Ländern sei die Krise indes überwunden, sagte Tessen von Heydebreck vom Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Er wies auch EU-Staaten, die nicht der Euro-Zone angehören, große Verantwortung für den Euro zu.
Tessen von Heydebreck analysierte vor Journalisten in Berlin die Bankenlandschaft und Kapitalmärkte im Osten. Der Chef der Deutsche Bank Stiftung sagte, die Wirtschaft sei in den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas (MOE) wieder im Wachsen, wenn auch noch moderat. Die Talsohle sei im Allgemeinen durchschritten. Das gelte auch für das Bankensystem, das die Krise mittlerweile überwunden habe.
Die Banken seien zur Zeit aber nur bedingt fähig, Wachstum zu finanzieren, weil ihr Eigenkapital noch zu gering sei.
„Leistungsgestörte Kredite“
Die hohe Zahl von „leistungsgestörten Krediten“ – gemeint sind Wertberichtigungen – sei rückläufig. Der Höhepunkt der „leistungsgestörten Kredite“ sei überschritten. Ausnahmen: „In Russland und der Ukraine wird noch ein leichter Anstieg zu sehen sein.“
Während der Krise und danach habe sich gezeigt, so von Heydebreck, dass die im Westen residierenden Mutterbanken ihre Töchter in den MOE-Staaten unterstützt haben. Die Refinanzierung durch die Mutterbanken halte also weiterhin an, „allerdings nicht mehr so üppig wie vor der Krise“.
„Erstens hat sich manche ‚Mutter‘ im Osten die Finger verbrannt, und zweitens müssen die Mutterbanken selbst infolge Basel III und anderer Verschärfungen die Eigenkapitalbasis stärken.“
MOE-Banken müssen sich künftig selber finanzieren
Die Konsequenz laut von Heydebreck: „Die Banken in den mittel- und osteuropäischen Ländern werden sich verstärkt durch Gewinne und Kundeneinlagen selber finanzieren müssen. Das wird durchaus länger dauern.“
Die prognostizierte Verkaufswelle sei indes ausgeblieben. Die Gründe dafür sieht von Heydebreck sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite: „Manche Mütter wollten ihre Töchter noch schön machen, um einen höheren Erlös erzielen zu können. Auf der anderen Seite hatten die potenziellen Käufer selbst Probleme, weil sie ihre Eigenkapitalbasis stärken müssen.“
Unsicherheit über schlummernde Risiken
Außerdem gebe es bei den potenziellen Käufern noch Unsicherheiten über mögliche Risiken, die bei den MOE-Banken noch schlummern könnten.
Wo aber bereits ge- und verkauft werde, sei – wegen der guten wirtschaftlichen Lage – in Polen. Polen sei das einzige Land, das 2009 und 2010 Wachstum aufzuweisen habe, wogegen andere Länder noch mit Rückgängen kämpften, so die baltischen Staaten (vor allem Litauen und Lettland) sowie Bulgarien und Rumänien.
Speziell Kasachstan scheint den Bankern große Wunden gerissen zu haben. Von Heydebreck formulierte es positiv: „In Kasachstan gab es einen entscheidenden Fortschritt, da die Umschuldung nunmehr abgeschlossen ist. Die Gläubiger mussten aber fünfzig Prozent ihrer Forderungen abschreiben.“
Kasachstan hat die Rechnung vermasselt
Zur Zeit sei in Kasachstan das Kreditvolumen noch rückläufig. Mehr als dreißig Prozent des gesamten Kreditvolumens habe man abschreiben müssen, „das ist ein ganz gewaltiger Wert, der auf Jahre hinaus kräftig die Rechnung vermasselt!“
Vor der Krise habe jeder an den Kapitalmarkt gehen können, wobei sich die Kosten nicht an den Risiken orientiert hätten, sondern an der hohen Liquidität der Banken.
Kapitalmärkte stehen offen
Auch wenn die Banken in der MOE-Region nur bedingt fähig seien, Wachstum zu finanzieren: "Die Kapitalmärkte stehen Emittenten und Kreditnehmern aus MOE offen. Aber die Märkte bleiben volatil, und die Martkteilnehmer differenzieren sehr genau zwischen den unterschiedlichen Kapitalmarktakteuren."
Ukraine: Starke Verbilligung der Kreditkosten
Beeindruckend findet von Heydebreck indes den Rückgang der Kreditkosten im MOE-Raum, zum Beispiel in der Ukraine. Die 4.500 Basispunkte im Frühjahr 2009 hätten sich auf derzeit 500 Basispunkte reduziert. „Das ist eine gewaltige Verbilligung der Kreditkosten.“
An Hand der Griechenland-Krise zeigt von Heydebreck auf, welch große Verantwortung sogar jene Länder, die nicht der Euro-Zone angehören, für die gemeinsame europäische Währung haben.
Hohe Verantwortung für Euro auch außerhalb der Euro-Zone
Die Griechenland-Krise und die Geschehnisse in MOE haben sich von Heydebreck zufolge gegenseitig beeinflusst. Das habe man besonders Ende April 2010 beobachten können, als die Griechenland-Krise ihren Höhepunkt gehabt habe. Die Äußerung der damaligen ungarischen Regierung zum IWF-Programm – wobei Ungarn nicht zur Euro-Zone gehört – habe in Griechenland die Kreditrisikokosten deutlich steigen lassen.
„Ungarn hat nicht einmal den Euro, daher müssen wir den EU-Ländern klar machen, dass alle EU-Regierungen für den Euro Verantwortung tragen, selbst wenn sie nicht der Euro-Zone angehören.“ Dieses Phänomen habe sogar die Hauptauswirkung gehabt.
Tessen von Heydebreck wird zusammen mit seinem Vorstandskollegen Burckhard Bergmann (Ex-Chef von Eon Ruhrgas) und dem Vorsitzenden des Ost-Ausschusses, Klaus Mangold (früher Daimler), am 1. Dezember sein Amt im Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft aufgeben.
Ewald König
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EURACTIV.de: Wirtschaft besorgt über Chinas marktaggressive Methoden (13. Oktober 2010)